Von einem Innenverteidiger zum anderen wandert der Ball – und plötzlich geht es ganz schnell: Abspiel nach vorne, Steilpass auf die Außenposition, und nach kurzem Sprint fliegt der Ball von der Seite in den Strafraum. Das Prozedere gelingt den Profis von Hertha BSC beim Training am Donnerstag mal besser, mal schlechter. Eine andere Übung lässt sie aus vollem Lauf einen Pappkameraden aus Plastik umdribbeln und anschließend zum Torschuss kommen.

Am Rande des Geschehens steht Lucien Favre. Lautstark bewertet der Trainer das Bemühen seiner Spieler um flüssiges Offensivspiel. Laufen, flanken, schießen; mit Tempo zum Erfolg – nicht ganz zufällig legte Favre darauf in dieser Trainingswoche den Schwerpunkt. Denn will Hertha Sonnabend (15.30 Uhr, Olympiastadion, live im Morgenpost-Online-Ticker ) den neunten Heimsieg in Folge schaffen, muss ein in grün und weiß gekleidetes Bollwerk ausgespielt werden: Borussia Mönchengladbach.

Unentschieden als gefühlte Niederlage

Der Tabellenletzte ist zu Gast in Berlin. Nach den Fußball-Festtagen gegen den FC Bayern und als Tabellenführer in Wolfsburg hält wieder Normalität Einzug. Auf Platz drei zurückgefallen, „wollen wir Anschluss an die absoluten Spitzenplätze halten“, sagt Dieter Hoeneß. Das Anspruchsdenken des Hertha-Managers deckt sich mit dem der meisten Spieler. „Schon ein Unentschieden wäre eine gefühlte Niederlage“, sagt Stürmer Andrey Voronin, der wegen einer leichten Verhärtung im Oberschenkel nicht trainierte, Sonnabend dennoch wird spielen können. Torhüter Jaroslav Drobny sagt: „Wenn wir gegen Gladbach nicht gewinnen, ist auch unser Sieg gegen die Bayern nichts mehr wert.“

Die Protagonisten wissen bei allem Siegeseifer zugleich, dass es gegen Mönchengladbach nicht einfach wird. „Sie haben sich in der Winterpause sehr gut verstärkt und rasch bewiesen, dass sie besser sind als in der Hinrunde“, warnt Favre. In der Frühphase der Saison mühte sich Hertha zu einem knappen 1:0, bei Torchancen (4:5) wie auch bei Ecken (2:12) waren die Berliner dem Gegner unterlegen.

relatedlinksUnd diesmal? „Es wird eng“, schwant es Favre: „Noch enger als damals.“ Denn wenngleich Favre der Borussia „viel Qualität auch nach vorne“ zuschreibt – die wahre Stärke der Gladbacher ist das Verteidigen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Last, das Spiel aktiv zu betreiben, liegt bei Hertha – doch genau hierin waren Favres Mannen selten gut. Weil Hertha defensive Mannschaften nicht ausspielen kann wie der FC Barcelona, muss Hertha spielen wie Hertha BSC – 90 Minuten lang. Mit Geduld, mit taktischem Geschick und hoher Laufbereitschaft. Was einfach klingt, misslang in Wolfsburg. Dort verließen die Berliner nach der Führung ihren Pfad zum Erfolg – und verloren noch 1:2. Favre ist das nicht entgangen. Öffentlich schweigt er dazu und verbucht es intern als Wachstumsschmerzen einer im Entstehen befindlichen Spitzenmannschaft. Doch natürlich ärgert ihn noch immer, wie der Sieg verspielt wurde. Die Zukunft hat schließlich längst begonnen.

Gegen Mönchengladbach wird erst recht Durchhaltevermögen gefragt sein. Zu ihren jüngsten Erfolgen – Unentschieden gegen Hoffenheim und in Bremen (jeweils 1:1) und einem 3:2 gegen Hannover – kam die Borussia unter Ex-Hertha-Trainer Hans Meyer mit Viererkette plus Libero: „Altmodisch oder nicht – das Ergebnis zählt“, rechtfertigt Paul Stalteri den Anachronismus im Gladbacher System.

Im anstehenden Geduldsspiel „wird es schwer, die Konzentration zu behalten“, fürchtet Hertha-Torwart Drobny. Mit Konzept zum Ziel – zuletzt misslang das gegen ein Schlusslicht Ende September vergangenen Jahres. Ebenfalls im Olympiastadion verlor Hertha 0:1 gegen ultradefensive Cottbusser.