Die 886 Plätze im Fanzug aus Berlin sind komplett ausgebucht. Über die Stationen Lichtenberg, Gesundbrunnen und Spandau wird der Sonderzug Samstagmittag nach Wolfsburg fahren. Für die Partie beim VfL hat die Fan-Abteilung von Hertha BSC 2028 Tickets abgesetzt. Das ist im bundesweiten Vergleich kein Knüller – die Bayern, Schalke oder Dortmund mobilisieren bei ihren Auswärtsreisen mehr Anhänger. Dennoch sind 2028 Karten ein klares Statement: So viele Hertha-Fans haben ihre Mannschaft, die als Spitzenreiter in den 21. Spieltag geht, seit Jahren nicht mehr zu einem Auswärtsspiel begleitet.
Die Reisegruppe, die bereits am Freitag per ICE von Spandau nach Wolfsburg fuhr, brauchte nichts zu bezahlen. Die Profis von Hertha BSC haben eine Netzkarte, mit der sie ohne zu bezahlen sämtliche Züge in Deutschland nutzen dürfen – eine der Annehmlichkeiten, die mit dem Vertrag mit Hauptsponsor Deutsche Bahn verbunden ist. Viel war die Rede in den vergangenen Tagen von dem Druck, der nun auf dem Hauptstadt-Klub laste: von der Sehnsucht in Berlin, erstmals seit 1931 nach dem Meistertitel greifen zu können. Vom Jäger Hertha BSC, aus dem nun der Gejagte werde. „Wenn der Tabellenführer kommt, ist der Tabellenführer Favorit. Zudem, wenn er zuvor die Bayern geschlagen hat“, reicht Felix Magath, Trainer des VfL Wolfsburg, die Favoritenbürde an die Gäste weiter. „Wir freuen uns auf die Berliner, es ist schön, ein Topspiel in Wolfsburg zu haben.“
Bei Hertha halten sie demonstrativ an ihrer Marschroute fest. „Druck?“, fragt Trainer Lucien Favre, „Druck hast du immer, ob du Erster oder Zehnter bist.“ Insofern sei die aktuelle Lage nichts Besonderes. Bedenken, dass seine Profis nach dem Höhenflug abheben können, hegt Favre ohnehin nicht. „Die Spieler sind realistisch. Sie wissen, dass jede Partie eng war. Wir müssen in Wolfsburg eine Topleistung bringen.“
"Wir bleiben auf dem Boden"
Die Stimmung unter der Woche um das Erfolgsteam herum mutete paradox an. Da waren die zahlreichen Medien-Berichte verbunden mit so vielen Interview-Anfragen wie nie. Egal, ob es um „Lucien I.“ ging, den der Schweizer „Blick“ als König von Deutschland mittels Fotomontage vor das Brandenburger Tor gestellt hatte. „L’Equipe“ (Paris) berichtete, dass in Deutschland die „Saison der Überraschungen“ weitergehe. Nach Sensationsteam Hoffenheim sorge nun „Hertha Berlin“ für Aufsehen. „Klar haben wir Spieler das mitbekommen“, sagt Mittelfeldakteur Maximilian Nicu. „Aber es wäre auch schön, wenn es in der Stadt etwas mehr Anerkennung gegeben hätte.“
Das ist die andere Seite. Ob auf dem Trainingsplatz oder sonstwo in Berlin: Herthas 2:1 gegen den FC Bayern samt Tabellenführung ist Gesprächsthema, führt aber zu keinem weiteren Aktionismus. Die Internet-Seite wird genauso oft angeklickt wie sonst auch. Der Vorverkauf für das nächste Heimspiel gegen Gladbach (28. Februar) läuft so, wie immer, wenn ein Tabellenletzter kommt – schleppend.
Für Marko Babic ist das alles neu. Der Mittelfeldspieler, erst vor zwei Wochen von Betis Sevilla verpflichtet worden, sagt: „Die Mannschaft macht das gut. Sie weiß, dass sie keine Stars hat, aber viele sehr gute Spieler.“
Er beschriebt die Mentalität seiner Kollegen so: „Wir denken von Spiel zu Spiel. Und dann haben wir auch keinen Druck.“ Selbst Andrey Voronin, der sich nach seinen zwei Toren gegen die Bayern für einen Star halten könnte, hält den Ball flach. „Wir bleiben auf dem Boden. Für uns ist das nicht schwer. Wir müssen einfach so weitermachen wie bisher. Vor allem müssen wir in der Defensive weiter so gut stehen.“
Da schimmert ein Schlüssel für Herthas Erfolg durch. Der Stürmer lobt die Abwehr. So hört sich Teamgeist an. Der Gegner ist beeindruckt. VfL-Trainer Magath sagt: „Vor der Saison hatte ich Hertha nicht so hoch eingeschätzt. Aber die Mannschaft ist stabiler geworden und hat es perfektioniert, erfolgreich zu spielen.“





