Grausamer kann eine Woche nicht beginnen. 2:1 hatte Hertha BSC die Bayern am Wochenende bezwungen und war zur Verwunderung der Fußballnation auf Platz eins der Bundesligatabelle geklettert. Doch was fand die Sekretärin am Montag als erstes im Faxgerät: einen Glückwunsch des Regierenden Bürgermeisters Wowereit? Ein stattliches Sponsorengebot? Oder wenigstens stapelweise Kartenwünsche? Nein. Ein Herthaner kündigte seine Mitgliedschaft.

Immerhin wussten die Geschäftsstellenmitarbeiter nun, was in dieser Woche auf sie zukommen sollte: nichts Besonderes. Hertha mischt zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder ganz oben mit und könnte sogar die erste Meisterschaft seit 1931 feiern. Dennoch weigern sich die meisten Hauptstädter beharrlich, euphorisch zu werden.

Maximilian Nicu ist Neuberliner. Der Mittelfeldspieler kam vor der Saison aus Wehen zur Hertha. Diese Woche stand Nicu auf dem verschneiten Trainingsgelände in Charlottenburg und wunderte sich über die intime Atmosphäre. Nur 25 Fans wollten sich das öffentliche Training vor dem Spiel heute beim VfL Wolfsburg anschauen. „Es wäre schon schön, wenn wir von den Berlinern etwas mehr Anerkennung bekommen würden“, sagte Nicu.

Was die Mannschaft bekommt, ist Skepsis. Die Menschen trauen dem Klub noch nicht, der seinen hohen Ansprüchen in der Vergangenheit so selten genügte. Fünf Leserbriefe druckte die lokale Boulevard-Zeitung „BZ“ nach dem Spiel gegen die Bayern zum Thema Hertha ab. Nur ein Autor fand lobende Worte. Die anderen mahnten oder schimpften. Zur Meisterschaft fehle die Klasse, schrieb einer, die Mannschaft habe bisher nur Glück und werde schon noch abstürzen ein anderer.

„Dieses Meckern gehört als Hertha-Fan dazu. Hertha ist eben Berlin, und in Berlin wird rumgemeckert“, sagt Christian Ulmen. Der Schauspieler („Herr Lehmann“) ist einer der wenigen prominenten Anhänger des Hauptstadtklubs. Und einer der ganz wenigen, die nicht in Berlin aufgewachsen sind. 1,2 Millionen Menschen sind in den vergangen zehn Jahren nach Berlin gezogen. Erreicht hat Hertha die wenigsten, die Neuen bringen ihren Klub aus der Heimat mit – kaum eine Gästekurve ist so gut besucht wie die im Olympiastadion. Ulmen will sich damit nicht abfinden: „Es muss möglich sein, in Berlin mehr Leute für diesen Klub zu begeistern. In jeder Straße hast du hier eine Bremen-Fankneipe.“

Und da gehen die Bremer auch kommendes Wochenende hin. Bis Mitte der Woche waren für das Heimspiel der Berliner gegen Borussia Mönchengladbach nur 25.000 Karten verkauft. Ein Indikator muss dies nicht sein. Während bei anderen Bundesligaklubs Tickets im Vorfeld der Spiele begehrt sind, kennt Berlin keine Vorverkaufskultur. Wer Hertha sehen will, fährt einfach hin. Es gibt immer genug Plätze in dieser riesigen Schüssel, in der so selten gute Stimmung aufkommt. Günter Netzer beschreibt die Atmosphäre in der „Berliner Morgenpost“ treffend: „Ich mag das Olympiastadion nur, wenn es ganz leer oder ganz voll ist.“

Damit es im nächsten Heimspiel gegen Gladbach vielleicht doch gefüllt ist, hat Manager Dieter Hoeneß mit den drei Boulevard-Zeitungen der Stadt gemeinsame Sache gemacht. Was in Schalke, Hamburg oder München undenkbar ist, geschieht in Berlin: Der Bundesliga-Erste verschenkt sich. Die Blätter drucken seit Tagen Coupons, mit denen Leser beim Kauf von zwei Tickets ein drittes gratis erhalten.

Weitere Aktionen wird es aber nicht geben, sagt Präsident Werner Gegenbauer: „Theoretisch könnte man den Aufschwung auch mit Marketingmaßnahmen begleiten, aber ohne starke Ergebnisse auf dem Platz können wir uns auf den Kopf stellen.“ Gegenbauer weiß, wovon er spricht. Seit Jahren zerbrechen sich die Herthaner den Kopf, wie ihr biederer Klub Anschluss an die hippe Metropole finden soll. Mit sterilen Werbekampagnen („Play Berlin“) gelang dies nicht.

Auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) wäre an einer starken Hertha sehr interessiert. Schließlich verfügen alle große Ligen über starke Hauptstadtklubs – nur die Bundesliga bislang nicht. „Würde es Hertha gelingen, sich mittelfristig am oberen Ende der Tabelle anzusiedeln, wäre dies für die Vermarktung der Bundesliga im Ausland durchaus hilfreich“, sagt DFL-Geschäftsführer Christian Seifert: „Hertha hat Tradition, und Berlin ist als Standort weltweit anerkannt und gilt als angesagte wie aufregende Metropole.“

Nur muss sich diese Metropole mit ihrem Klub wieder anfreunden. Und tatsächlich gibt es Zeichen der Annäherung: Für das Spiel in Wolfsburg wurde ein Sonderzug gechartert, Hertha rechnet mit über 2000 Fans. Etliche werden Pappmeisterschalen mit dem aufgedruckten Obama-Slogan hochhalten: „Yes we can“.

Diesen Optimismus teilen offensichtlich erste Politiker der Hauptstadt. Der Balkon am Roten Rathaus müsse zwar nicht extra reserviert werden, sagte Senatssprecher Richard Meng. Wenn Hertha aber Meister werde, könne man dort spontan feiern. Und auch die Geschäftsstelle erreichten nach dem Schrecken vom Montag noch erfreuliche Nachrichten: Auf das Kündigungsfax folgten über 60 Mitgliedsanträge. Der jüngste Herthaner ist gerade mal drei Tage alt und heißt wie der Mannschaftskapitän: Arne Friedrich. Vielleicht wird es ja doch was mit der Euphorie.