Eine Sackgasse im Westend führt zum Trainingsgelände von Hertha BSC. An normalen Tagen parken in der kleinen Straße kaum Autos. Doch der Tag nach dem 2:1 der Berliner gegen den FC Bayern ist kein normaler Tag, und die Wagen stehen dicht an dicht. Hertha ist der neue Tabellenführer der Bundesliga, noch nie war der Verein nach einem 20. Spieltag auf Platz eins notiert, vor Überraschungsmannschaft Hoffenheim, vor den ewigen Bayern – wahrscheinlich würden Hunderte den Spielern beim Auslaufen zugucken. Doch dann ist alles wie immer: Die Ausflügler haben sich anderweitig verstreut, die Sonntagsarbeit von Deutschlands bester Fußball-Mannschaft interessiert gerade einmal sieben Fans.

„Gegen Bayern zu gewinnen, ist etwas Besonderes“, hatte der zweifache Torschütze Andrey Voronin nach dem Spiel gesagt. „Der ganze Verein, die ganze Stadt freut sich über unseren ersten Platz.“ Aber die Euphorie nach dem Abpfiff verebbte bereits am Kaiserdamm. Dort skandierte am Abend noch ein einzelner Fan, was zuvor die gesamte Ostkurve des mit 74.244 Besuchern ausverkauften Olympiastadions gerufen hatte: „Spitzenreiter, Spitzenreiter – hey, hey“.

Die Stadt bleibt ruhig. Skepsis statt eines Hupkonzerts begleitet den blau-weißen Fußballverein. Die Gründe dafür liegen auch in der Vergangenheit der Stadt – und dem damals wie heute besonderen Status Berlins. Durch die Mauer vom Rest der Bundesrepublik getrennt, hatte Hertha immer nur wenige Anhänger außerhalb West-Berlins. Und Fußballfans, die später ins wiedervereinte Berlin zogen, schleppten ihre Sympathie für den Klub ihrer Heimatstadt mit im Gepäck. Oft hat Dieter Hoeneß das Bild bemüht: In wohl keiner anderen Stadt der Welt schliefen so viele Menschen in der Bettwäsche ihres Lieblingsvereins – der aber eben nicht Hertha BSC heißt.

Hoeneß glaubt nicht an den Titel

Daran ist der Manager und Vorsitzende der Geschäftsführung des Vereins nicht ganz unschuldig. Seit 1996 prägt er das Gesicht des Klubs. Doch von Herthas Erfolg in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts, als der Verein zurück war in der Bundesliga und im Eiltempo bis in die Champions League durchstartete (1999/2000), verpasste es Hoeneß in der parallel verlaufenden Aufbruchphase der Stadt, die neuen Berliner und die Menschen im Umland an Hertha heranzuführen. Hertha blieb immer die alte Tante – jung und hip war eher Alba, wo man Basketball das Image einer modernen Göre gab. Begeisterung hat Hoeneß selten entfacht. Statt den Stolz auf Berlin zu befeuern, bezeichnete er es kürzlich als „Hypothek, in der Hauptstadt zu spielen“. Grund seien die „überhöhten Erwartungshaltungen“ der Fans in den häufig halb leeren Rängen im architektonisch wundervollen, aber eben auch zugigen und wenig komfortablen Olympiastadion. Aber ein Fußballklub kann eben „nicht gleichzeitig arm und sexy sein – offenbar im Gegensatz zu einer Stadt“. Das zumindest glaubt Dieter Hoeneß.

Ende Mai kommenden Jahres endet seine Zeit als Hertha-Boss, nach 14 Jahren. In der Schlusskurve seiner Ära wäre ein Titel natürlich die Krönung. Doch kaum steht der Klub auf Platz eins, sinniert Dieter Hoeneß im ZDF-„Sportstudio“, am Ende würden ja doch die Bayern Deutscher Meister. Uli Hoeneß, der Bayern-Boss, steht nickend neben ihm und lobt den Fußball-Sachverstand seines Bruders. Die bizarre Szene ist typisch für das fehlende Selbstbewusstsein des Hauptstadt-Klubs. Schnell wird als Größenwahn ausgelegt, was einfach nur berechtigte Hoffung oder Stolz ist. Also bremst Hoeneß.

Andere geben Vollgas. Aktuell stellt Berlin mit den Eisbären und Alba die Deutschen Meister und Europaliga-Teilnehmer im Eishockey und Basketball, ihre Heimspiele finden statt in der neuen, modernen O2-World in Friedrichshain. Die Füchse drängen an die Spitze der stärksten Handball-Liga der Welt, und zumindest national gibt es auch im Volley- und Wasserball hierzulande wenig Besseres als Berliner Mannschaften. Die Stadt liebt Sport – nicht notwendigerweise Fußball oder Hertha BSC. „Man kann soviel erleben, da ist Hertha wirklich nur ein kleiner Baustein“, sagt der in Steglitz aufgewachsene Fußballprofi Sofian Chahed. Fußball hat in Berlin nicht die Ausnahmestellung wie in vielen anderen deutschen Städten. Als echter Dortmunder beispielsweise, erzählt TV-Moderatorin Miriam Pielhau, „ist man am Samstag im Westfalenstadion. Nicht ein Drittel der Stadt, sondern die ganze“.

Seine Fans hat Hertha im Westen. Sympathiepunkte im Osten zu sammeln, hatte die damalige Klubführung nach der Wiedervereinigung verpasst. Statt zu Hertha wechselten Andreas Thom und Ulf Kirsten nach Leverkusen, Thomas Doll zum Hamburger SV und Matthias Sammer zum VfB Stuttgart. „Wenn man ein, zwei Spieler vom BFC Dynamo geholt hätte, wäre das gut gewesen für die Akzeptanz im Osten“, sagt Dirk Greiser, zu jener Zeit Profi bei Hertha BSC.

Seine Spieler holt Hertha im Schlussverkauf. Was den Umsatz des zurückliegenden Geschäftsjahres 2008/09 angeht, rangiert Hertha mit 77 Millionen Euro nicht unter Europas Top 50. Zum Vergleich: Der FC Bayern belegt hier mit 295 Millionen Euro Platz vier. Weltstars wie Franck Ribery kann sich der Klub nicht leisten, deutsche Fanlieblinge wie die Nationalspieler Lukas Podolski oder Bastian Schweinsteiger haben Hertha nicht auf ihrer Liste. Berlins Spieler sind selten populär, auch Trainer Lucien Favre kann unbehelligt am Kudamm oder Unter den Linden spazieren gehen. Das Gesicht der Mannschaft ist Arne Friedrich, neben ihm sind im Rest der Republik bestenfalls noch Marko Pantelic und Voronin bekannt; beide droht Hertha am Saisonende zu verlieren, weil sich der Klub aufgrund der globalen Wirtschaftskrise mal wieder einem rigorosen Sparkurs unterwerfen musste.

„Die Stadt hat Herz für Fußball“

Und doch will Hertha nun endlich durchstarten. Als Favre den Verein übernahm, dümpelte er im Mittelfeld und galt als potenzieller Absteiger. Doch schon in der fiktiven Tabelle des Kalenderjahres 2008 war Berlin Vierter, in der kommenden Saison ist die Rückkehr in die Champions League auch offiziell das Ziel. Wenigstens aber will Favre den Klub dauerhaft an der nationalen Spitze verankern, dazu wurde gerade sein Vertrag vorzeitig bis 2011 verlängert. Favre hat Hertha personell umgekrempelt wie kein anderer Trainer vor ihm – und gibt auch Hoeneß intern kontra, wie es der allmächtige Manager zuvor noch nie hinnehmen musste.

Und plötzlich ist die alte Tante Hertha, deren letzter Meistertitel 78 Jahre zurückliegt, ganz schön sexy geworden – auch wenn es noch nicht jeder in der Stadt mitbekommen hat. Mit acht Heimsiegen in Folge, einem keineswegs alltäglichen Sieg gegen Rekordmeister Bayern München und der Übernahme der Tabellenführung steht die Mannschaft glänzend da. „Schön“ fände es Mittelfeldspieler Maximilian Nicu, „wenn jetzt ein wenig Euphorie in Berlin Einzug halten würde, alles andere wäre enttäuschend. Schließlich sind wir hier in der Hauptstadt, die spätestens bei der WM 2006 bewiesen hat, dass sie ein Herz für Fußball hat.“