Ein weiblicher Fan hatte eineinhalb Stunden dem eisigen Wind getrotzt. Immerhin, das Ausharren war nicht vergebens, das Objekt der Begierde blieb für ein Erinnerungsfoto stehen: Arne Friedrich. Dass der Kapitän von Hertha BSC am Mittwoch die komplette Einheit auf dem Schenckendorffplatz mitmachen konnte, war Pech für die frierende Anhängerin – aber eine gute Nachricht für Trainer Lucien Favre. Gegen Bielefeld (1:1) hatte Friedrich am vergangenen Spieltag wegen Rückenbeschwerden nicht spielen können, sein Einsatz am Samstag gegen den FC Bayern ist aber gesichert (15.30 Uhr, Olympiastadion).

Damit ist Friedrich, was Favre dieser Tage am dringendsten benötigt: eine personelle Alternative. Vor dem prestigeträchtigen Kräftemessen mit dem Rekordmeister beklagen die Berliner noch immer acht verletzte oder gesperrte Profis. Die personelle Misere kommt zum ungünstigsten Zeitpunkt. Als Dritter steht Hertha so gut da wie lange nicht und könnte sich mit einem Sieg gegen die Bayern endgültig festsetzen im Kreise der Meisterschaftsanwärter – so muss Favre mehr denn je tüfteln, wie das Münchner Staraufgebot zu bremsen sein könnte. „Die Bayern sind die beste Mannschaft Deutschlands, sie besitzen große individuelle Klasse“, sagt Favre. „Um gegen sie zu bestehen, müssen wir eine Topleistung bringen – vor allem müssen wir gut verteidigen.“

Friedrich stellt in diesen Überlegungen einen zentralen Baustein dar. Kaum ein Spieler im Berliner Kader ist erfahrener im Umgang mit Spielern vom Kaliber eines Franck Ribery oder Luca Toni als der 64-malige Nationalspieler. Bekanntlich bevorzugt Friedrich das Spiel auf der Position des Innenverteidigers – und scheint dort im Verbund mit Josip Simunic auch die ideale Besetzung für die Bewachung der Bayern-Stürmer Toni und Miroslav Klose. Andererseits wartet auf der rechten Seite das reizvolle Duell mit Ribery und dem von hinten permanent nachstoßenden Philipp Lahm. „Solche Aufgaben“, sagt Friedrich, „reizen mich immer.“ Obwohl die Position des rechten Außenverteidigers nicht seine liebste ist, hat Friedrich genau dort zwei Aufsehen erregende Spiele bestritten: Das eine bei der WM 2006 – im Olympiastadion – gegen Argentiniens laufstarke linke Seite mit Maxi Rodriguez und Juan Pablo Sorin. Das andere bei der EM 2008, als er gegen Portugal deren Superstar Cristiano Ronaldo wirkungslos machte. Im Vorfeld keineswegs Favorit, gewann Deutschland sowohl das WM-Viertelfinale (4:2 i.E., 1:1) als auch das EM-Viertelfinale (3:2).

Der HSV hat es vorgemacht

Am Samstag ist die Ausgangslage ähnlich. Zwar verweist Friedrich auf Herthas „Lauf“, nach der Winterpause noch kein Spiel verloren zu haben. Trotzdem sagt er natürlich auch: „Die Bayern sind leicht im Vorteil.“ Friedrich warnt besonders vor deren linker Seite. Wie groß die Abhängigkeit der Bayern von Alleskönner Ribery ist, bewies der Saisonstart. Von den ersten fünf Ligaspielen, in denen der Franzose verletzt fehlte, gewannen die Münchner nur zwei. Was passiert, wenn Ribery ungestört wirbeln darf, bekamen zuletzt der VfB Stuttgart beim 1:5 im Pokal und Borussia Dortmund beim 1:3 in der Liga zu spüren. Stoppen konnten Ribery in dieser Saison bislang nur zwei Mannschaften, die TSG 1899 Hoffenheim und der Hamburger SV. „Sie haben ihn in jeder Situation gedoppelt“, beschreibt Friedrich, wie die Hoffenheimer in Person von Tobias Weis und Andreas Beck respektive der HSV mit Jonathan Pitroipa und Guy Demel je zwei Spieler auf Ribery ansetzten.

Bei Hertha wären Friedrich und Maximilian Nicu als laufstarke, taktisch kluge und zugleich disziplinierte Spieler für eine solche Doppelbewachung prädestiniert. Doch beide benötigt Favre in anderer Rolle: Friedrich wie beschrieben in der Innenverteidigung. Und Nicu im zentralen Mittelfeld. Zwar hat er auf dieser Schlüsselposition im modernen Fußball selbst erst einmal gespielt. Doch macht Nicu die Kombination aus seinen Qualitäten und der Berliner Personalnot für das Bayern-Spiel auf dieser Position praktisch unverzichtbar.

Wie es am Samstag auch immer kommen mag: „Das Mittelfeld und die Abwehrspieler müssen dem rechten Verteidiger helfen“, fordert Friedrich auf zum kollektiven Kampf gegen Ribery. Ganz generell erwartet er eine Bewährungsprobe für die zweitbeste Abwehr der Bundesliga. Denn ein anderes oft zum Erfolg führendes Rezept der Bayern ist, direkte Bälle auf Toni zu spielen, die der wie eine Gummiwand zurückprallen lässt. „Und dann“, sagt Friedrich in einem Tonfall, der Grauen und Bewunderung zugleich ausdrückt, „rückt deren komplettes Mittelfeld nach“ – also neben Ribery auch Ze Roberto, Mark van Bommel und Bastian Schweinsteiger.