Der Matchwinner des Abends war außer sich vor Wut. Während die Mannschaft mit 58.862 Fans emphatisch das 1:0 (0:0) über 1899 Hoffenheim feierte, stürmte Andrey Voronin kreidebleich in die Kabine.
Der Stürmer hatte Hertha BSC mit seinem Tor den wertvollen Sieg gesichert. Auf die Palme brachte ihn eine Szene unmittelbar vor der Auswechslung in Minute 90. Da spielte Valeri Domovchiyski den freistehenden Voronin zweimal nicht an und vergab binnen 15 Sekunden die Doppel-Chance zum zweiten Treffer. Voronin rannte auf Domovchiyski zu und rüttelte ihn durch. Einen Augenblick später wurde er ausgewechselt und trat alle Flaschen um, die ihm im Weg standen.
Es war das emotionale Ende einer extrem spannenden Partie. Durch den sechsten Saisonsieg kletterte Hertha BSC auf Rang fünf. Manager Dieter Hoeneß stand unmittelbar nach dem Ende noch unter dem Eindruck der Partie: „Unglaublich. Optimal. Besser geht es nicht.“
Mit viel Engagement in die Zweikämpfe
Der Reihe nach: Die Hausherren waren auf die Gäste-Taktik gut vorbereitet. Mit Hochgeschwindigkeits-Fußball wollte Hoffenheim den Vorteil nutzen, wesentlich weniger Spiele bestritten zu haben als die noch am vergangenen Donnerstag in der Ukraine aktiven Gastgeber. Statt abzuwarten, ging Hertha mit so viel Engagement in die Zweikämpfe wie in keinem Heimspiel zuvor. Angeführt von Jubilar Pal Dardai in seinem 250. Bundesliga-Spiel sowie dem laufstarken Andrey Voronin setzte Hertha die TSG bei jedem Ballbesitz unter Druck. So entwickelte sich vor den Augen von Hans-Dieter Flick, dem Cotrainer der Nationalmannschaft, und Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp ein intensives Ringen um jeden Ball.
Hoffenheim versuchte das Spiel schnell zu machen, lief sich aber ein ums andere Mal in der dichtgestaffelten Berliner Defensive fest. Die eine Flanke von Andreas Beck aber, die in der ersten Hälfte durchkam, war brandgefährlich. Chinedu Obasi rauschte in den Ball, der nur hauchzart am rechten Pfosten des Berliner Tores vorbeiging (25.).
Die Gäste waren optisch überlegen, erarbeiten sich aber so wenige Chancen wie in bisher keiner Liga-Partie. Dennoch waren ihre Stärken unübersehbar. Etwa als Demba Ba freigespielt wurde, aber Hertha-Torwart Jaroslav Drobny im letzten Moment die Hacke an den Ball bekam, um Zentimeter strich das Spielgerät am Pfosten vorbei (62.).
In der entscheidenden Szene des Abends schlug Hertha die hochgelobten Gäste mit deren eigenen Mitteln. Eine der Schlüsselweisheiten von Trainer Ralf Rangnick lautet: Den Gegner sofort unter Druck setzen. Das praktizierte Gojko Kacar, der für den am Oberschenkel verletzten Marko Pantelic gekommen war, im Strafraum der TSG. Diesen eroberten Ball leitete Nicu sogleich weiter auf Voronin. Der ließ sich nicht von dem auf ihn zufliegenden Torwart Daniel Haas aus der Ruhe bringen und schlenzte den Ball überlegt in die rechte Ecke, 1:0 (70.).
Nun warf Hoffenheim alles nach vorn, doch Arne Friedrich und Josip Simunic boten in der Innenverteidigung eine überragende Partie. Ob in der Luft oder am Boden, das Duo gewann fast jeden Zweikampf. Hertha fightete und zitterte bis zur letzten Minute. Doch dann war Hoffenheim von der Tabellenspitze gestürzt. „Dass die futsch ist, ist mir egal“, haderte TSG-Trainer Ralf Rangnick, „mich ärgert aber, dass die drei Punkte futsch sind. Glückwunsch an Hertha. Wir haben hier nicht das gespielt, was wir können.“
Viel Lob für Friedrich und Simunic
Genau das hatten die Gastgeber beabsichtigt. Man wollte unbedingt den Höhenflug der Aufsteiger aus Hoffenheim beenden, sagte Arne Friedrich. Der Hertha-Kapitän und Josip Simunic, der den besten Zweikampf-Wert auf dem Platz hatte (80 Prozent hatte er gewonnen), erhielten viel Lob.
„Arne und Joe waren fantastisch“, sagte Torwart Drobny. Auch Michael Preetz, Leiter der Lizenzspieler-Abteilung, war zufrieden: „Die Mannschaft hat im Verbund sehr gut verteidigt. Hoffenheim hat 31 Tore geschossen, aber bei uns kaum zwei klare Chance gehabt.“
Trainer Lucien Favre sagte: „Ich bin sehr zufrieden. Die Mannschaft hat in der Pause den unbedingten Willen gezeigt, zu gewinnen. Drei Tage nach dem Spiel in der Ukraine war das eine tolle Leistung.“ Die Wut von Andrey Voronin fand der Coach dann nicht weiter der Rede wert. „Emotionen gehören dazu. So ist Fußball.“ Voronin fasste sich nach dem Duschen kurz: „Wir haben gewonnen. Alles o.k.“

















