Für einen Moment dachte Dieter Hoeneß: „Das kann doch nicht wahr sein.“ Hilflos hatte der Manager von Hertha BSC am Sonntagabend auf der Tribüne des Dortmunder Stadions mit ansehen müssen, wie allen Ernstes Marko Pantelic, aber auch Sofian Chahed in Richtung Elfmeterpunkt marschierten, wo Cicero den Ball schon in Händen hielt. Wieder diskutierten Profis des Berliner Bundesligisten um die Ausführung eines Strafstoßes, nachdem es schon gegen den VfL Wolfsburg (2:2) zu kindischen Streitereien gekommen war – Hoeneß war entsetzt.

Doch es taten sich zwei Unterschiede zu Pantelics Fehlschuss Mitte September auf. Erstens: Cicero traf. „Damit ist das Thema ein für alle Mal erledigt. Wenn Cicero das nächste Mal antritt, wird kein anderer Ansprüche anmelden“, sagt Hoeneß mehr hoffend als mit Gewissheit. Zweitens: Der Kapitän beseitigte letzte Zweifel am Schützen. Gegen Wolfsburg hatte Arne Friedrich (29) den Tumult zwischen Pantelic und Cicero aus der Ferne verfolgt. In Dortmund drängte er Chahed resolut zurück. „Ich hatte das Gefühl, dass Cicero gut drauf ist, deshalb habe ich ihn unterstützt und Sofian gesagt, dass er wegbleiben soll. Cicero hat getroffen, also haben wir alles richtig gemacht“, sagte Friedrich, nachdem Hertha mit dem 1:1 auch im vierten Pflichtspiel in Folge unbesiegt geblieben war.

Chahed und Kacar weitere Kandidaten

So muss ein Kapitän auftreten. „Arne entwickelt sich mehr und mehr zu einer Führungsperson“, lobt Hoeneß. Jahrelang war es ein Problem von Hertha, dass zu viele Spieler schon damit zufrieden waren, nur mitzulaufen; Verantwortung lastete auf zu wenigen Schultern. Das ist nun im Begriff, sich zu wandeln. So sehr der Eindruck entstehen mag, Hertha sei nichts weiter als ein blau-weißer Kindergarten voll eifersüchtiger Selbstdarsteller, wenn Spieler uneinsichtig um den Ball streiten, erkennt Friedrich doch den positiven Effekt solchen Verhaltens: „Grundsätzlich ist es besser, es wollen zwei schießen, als wenn keiner antreten will. Denn das zeigt, dass Spieler bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.“

Als neue Leitwölfe neben Friedrich kommen perspektivisch der 25 Jahre alte Chahed und der sogar erst 21-jährige Gojko Kacar (Hoeneß: „Noch nicht jetzt, aber die Persönlichkeit dafür hat er“) infrage.

Schon jetzt ist allen voran Cicero (24) auf dem besten Wege, sich als Führungsfigur zu etablieren. „Seine Position und seine Spielweise prädestinieren ihn dafür“, sagt Hoeneß, fordert aber deutlich verbesserte Sprachkenntnisse: „Er muss richtig gut Deutsch können.“ Ein anderer, der mit Leistung vorangeht, ist Jaroslav Drobny (29). Hoeneß erlebt den Tschechen in seinem zweiten Berliner Jahr „sehr stabil“. Wie am Wochenende in Dortmund rettete Drobny der Mannschaft auch gegen Wolfsburg einen Punkt; in Leverkusen (1:0) waren es sogar deren drei. Der „kicker“ weist Drobny als den nach Noten viertbesten Torhüter der laufenden Bundesliga-Saison aus.

Als Mannschaft hat Hertha trotz zahlreicher Ausfälle an neun Spieltagen in der Liga 15 Punkte gesammelt. Hoeneß beeindruckt, in welch hohem Maße angeschlagene Spieler sich in den Dienst des Kollektivs stellen. Gegen Dortmund erklärten sich die gegen Benfica Lissabon drei Tage zuvor verletzten Friedrich, Marc Stein und Pal Dardai spielfähig. „Mit allen dreien war nicht zu rechnen“, sagte Hoeneß: „Dass sie sich zur Verfügung stellten, ist auch eine Art und Weise, Verantwortung zu übernehmen.“