„Fünf Gegentore, ich hasse das.“ Lucien Favre hatte wenig Freude an seinem 51. Geburtstag. Das Resultat der Dienstreise lag ihm noch schwer im Magen. 1:5 hatte Hertha BSC bei Werder Bremen verloren. Es war die höchste Niederlage in der Amtszeit des Schweizer Trainers in Berlin. „Bremen hat in München 5:2 gewonnen, gegen Hoffenheim 5:4, jetzt fünf Tore gegen uns, nein, ich mag das nicht.“
Der Rückschlag ereilte die Berliner drei Tage nach dem höchsten Saisonsieg, einem 3:0 gegen Hannover. Hertha geht es so wie fast der gesamten Konkurrenz – die Liga pendelt zwischen den Extremen.
Der Hamburger SV hat nach dem Abgang von Rafael van der Vaart für fast 30 Millionen Euro neue Stars gekauft, spielt an der Spitze mit, verliert aber in Hoffenheim und Hannover jeweils 0:3. Und schlägt dazwischen den VfB Stuttgart 2:0. Werder legte zwischen seinen Torfestivals eine Strecke von sechs Partien ohne Sieg ein, so dass sogar Trainer Thomas Schaaf in die Kritik geriet. Hannover will unter die ersten Fünf, schlägt aber eine Kapriole nach der nächsten: 5:1 gegen Gladbach, 0:4 gegen Leverkusen, 2:5 gegen Hoffenheim, 3:0 gegen den HSV. Mal Tabellen-Dritter, mal -Zehnter – der VfB Stuttgart fährt Achterbahn in der Tabelle, ähnlich wie der FC Bayern oder der ambitionierte VfL Wolfsburg.
Die Fans danken es. Am vergangenen Wochenende strömten 394.500 Zuschauer in die Stadien. Der Saisonschnitt pro Spiel liegt bei 41.100 – Bestwert in Europa. Außer bei der TSG Hoffenheim und bei Bayer Leverkusen weiß der Kunde vorher nie, was in der Wundertüte Bundesliga steckt.
So schön das für die Betrachter ist, so schwer tun sich die Beteiligten. „In Bremen, das war nur eines von 34 Spielen“, sagte Hertha-Trainer Lucien Favre. Er hat in der Mannschaft eine große Erleichterung registriert nach dem 3:0 über Hannover am vergangenen Mittwoch. „Vielleicht war es ein Dämpfer zur rechten Zeit“, vermutet Mittelfeldspieler Pal Dardai. „Wir wissen jetzt, dass wir bei jedem Spiel hochkonzentriert sein müssen, sonst wird es nichts.“
Die Ursachen für den Wankelmut sind in jedem Klub andere. Hertha leidet bei einem ohnehin kleinen Kader derzeit unter acht Verletzten. Und so vielen Pflichtspielen, wie sie kein anderer Konkurrent hat (20). Irgendwann ist da ein Einbruch programmiert, siehe Bremen. Der FC Bayern litt unter den EM-Nachwirkungen seiner vielen Nationalspieler sowie unter Anlaufschwierigkeiten mit Neu-Trainer Jürgen Klinsmann.
In Hamburg oder auf Schalke gibt es mit Fred Rutten und Martin Jol sowohl neue Trainer als auch zahlreiche neue Spieler. Die Erwartungen im Umfeld sind mit Blick auf die Millionen-Investitionen riesig. Die Integration all’ der Neuen ist nach einem Drittel der Saison nach wie vor nicht abgeschlossen.
Der Schlüssel, um am Saisonende vorn dabei zu sein, heißt Konstanz. Konstanz braucht Stabilität. Dazu gehört es, Rückschläge, wie Herthas 1:5 im Weserstadion, wegzustecken. Statt kurzatmiger Hochs und Tiefs samt den emotionalen Ausschlägen gilt es, längere Phasen der langsamen Entwicklung hinzubekommen. Lucien Favre weist immer wieder darauf hin: „Wir werden keine Sprünge machen, sondern in kleinen Schritten vorankommen.“ Hannovers Coach Dieter Hecking nerven die Extremausschläge in den Medien. „Auch wenn es niemand hören will: Wir müssen kontinuierlich arbeiten. Das braucht Zeit.“
Was die Bayern nicht hinbekommen, Bremen nicht, Schalke und Hertha nicht, zeigt ausgerechnet ein Aufsteiger. Hoffenheim demonstriert einen atemberaubenden, dynamischen Rhythmus. Das ist kein Zufall. Kein anderer Klub in der oberen Hälfte hat so wenig Druck wie der Neuling. Während die Konkurrenten international in Champions League oder Uefa-Cup im Einsatz sind, konzentriert sich Hoffenheim auf die Liga. Rückschläge hat das Überraschungsteam seit Jahren nicht erlebt.
Wie es um die Qualität des Krisenmanagements in Hoffenheim bestellt ist, kann Hertha testen: Sonntag kommt die TSG als Tabellenführer ins Olympiastadion.
















