Jaroslav Drobny hatte Mitleid. „Das war ein bitterer Nachmittag für Christopher“, sagte der Stammtorwart von Hertha BSC. Der Tscheche hatte unmittelbar vor dem Anpfiff im Weserstadion einen letzten Test versucht. Doch eine Muskelverhärtung in der Wade ließ keinen Einsatz zu. So kam Christopher Gäng (20) unverhofft zum Einsatz. Und der wird seine Bundesliga-Premiere nicht vergessen. Bei Werder Bremen setzte es ein 1:5 (0:3), die höchste Saisonniederlage der Berliner. Und Gäng hatte seinen Anteil daran.

Die erste brenzlige Situation vor seinem Tor war eine Ecke von Diego. Gäng unterlief den Ball, Gojko Kacar drehte sich ab, vom Rücken des Serben holperte der Ball vorbei an dem auf der Linie postierten Marc Stein ins Netz, 0:1 (15.). Fünf Minuten später stand Gäng einen Schritt zu weit vor seinem Tor. Diego nahm den Ball mit dem Rücken zum Tor an, drehte sich blitzschnell und hob den Ball im Fallen über die Hertha-Abwehr samt Torwart, 0:2, ein Traumtor.

Die Berliner fanden in der ersten Hälfe überhaupt nicht statt. Cicero und Nicu hatten einen schwachen Tag erwischt, im Sturm wurden Marko Pantelic und Andrey Voronin entweder schlecht angespielt oder sie vermochten nicht, die Bälle zu behaupten. Der Substanzverlust durch die insgesamt acht Verletzten war im bereits 20. Spiel der Saison unübersehbar. Mit wenigen Ausnahmen wirkten die meisten Hertha-Akteure platt. Mit Blick auf das Resultat ist es paradox, dass die Manndecker Arne Friedrich und Josip Simunic die besten Herthaner waren.

Wie unterlegen die Gäste waren, zeigt die Torschuss-Bilanz allein zur Pause: 0:13. Markus Rosenberg hatte schon vor dem Wechsel den Ausgang der Partie mit einem Abstauber geklärt. Passend zum Nachmittag schob der Werder-Stürmer den Ball Gäng durch die Beine (42.).

Die gute Laune der 40.218 Bremer Zuschauer hielt auch im strömenden Regen des zweiten Durchgangs an. Erneut glänzte Diego als Vorbereiter. Der Brasilianer bestrafte einen unnötigen Ballverlust von Nicu mit einer präzisen Flanke an den ersten Pfosten. Mit Höchsttempo rauschte Claudio Pizarro heran und schob den Ball ein, 0:4 (60.).

Hertha-Trainer Favre reagierte, stellte in der Abwehr auf eine Dreier-Kette um. Bremen ließ sich nun zurückfallen, so dass der Hauptstadt-Klub zumindest optisch etwas besser ins Spiel kam, Pantelics Pfostentreffer war der erste Torschuss – in Minute 64. Doch mehr als der Ehrentreffer sprang nicht heraus. Cicero köpfte einen Voronin-Freistoß ein, 1:4 nach 69 Minuten.

Im Nachhinein wird es niemanden mehr interessieren, dass Gäng im zweiten Durchgang noch einige schwierige Bälle parierte, so von Naldo, Torsten Frings oder Pizarro. Der Albtraum des Debütanten war immer noch nicht vorbei. In der 85.?Minute musste Gäng noch einmal hinter sich greifen, Pizarro hatte zum 1:5 getroffen.

Sichtbar gezeichnet stand er nach dem Duschen am Mannschaftsbus. „Ich habe eine Stunde vor dem Anpfiff erfahren, dass ich spiele. Ich hatte mich so gefreut. Aber jetzt muss ich einfach weiterarbeiten“, sagte er mit leiser Stimme.

Von den Kollegen kam kein Vorwurf. „Das 1:5 geht nicht auf Christophers Rechnung, das geht auf uns alle“, sagte Pal Dardai. Auch Kapitän Friedrich sah die Ursache woanders. „An Christopher lag es nicht. Wir waren in jedem Zweikampf zu spät dran, die Räume zwischen Abwehr und Angriff waren zu groß. Man kann auch mal verlieren. Aber es kann nicht angehen, dass wir uns so abschlachten lassen.“

Bremen feierte das Ende seiner Krise. „Siegen macht Spaß“, stellte Werder-Trainer Thomas Schaaf nach zuvor sechs Partien ohne Erfolgserlebnis fest. Für Hertha hingegen ist der Höhenflug nach zehn Punkten aus vier Liga-Partien vorerst beendet. „Ich war nach den letzten Spielen nicht euphorisch“, sagte Hertha-Coach Lucien Favre. „Ich weiß, was meine Mannschaft leisten kann. Werders Tempo war für uns hoch, wir waren immer zu spät dran.“ Kritik an Torwart Gäng wollte auch Favre nicht akzeptieren. „Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen.“

Der Trainer hat einige Schwachpunkte ausgemacht, „an denen wir arbeiten müssten. Aber wir können nur regenerieren und kaum trainieren.“ Schließlich bleibt der Spielplan unverändert eng. Donnerstag geht es im Uefa-Cup zu Metalisk Kharkov in die Ukraine. Und am Sonntag spricht der Tabellenführer im Olympiastadion vor, die TSG Hoffenheim.