Die Liga spricht über Leverkusen, den HSV, die Bayern. Über Hoffenheim sowieso. Nur das Team, das nach dem 10. Spieltag die Top Five der Bundesliga komplettiert, kann so recht niemand begreiflich machen. Immerhin, wahrgenommen wird das Unerklärliche: "3:0! Hertha jetzt Fünfter", prangte gestern auf dem Titel des Fachmagazins "Kicker". Der "Spiegel" befasste sich in seiner Online-Ausgabe mit der "Revolution in der Bundesliga": Hoffenheim und Leverkusen siegen sich an der Tabellenspitze fest und, Zitat "Spiegel", "jetzt drängt auch noch Hertha in Richtung Champions League".
Doch so erklärbar, weil wirtschaftlich begründet, die Höhenflüge der neuen nationalen Großmächte Hoffenheim und Leverkusen auch sind - eine Begründung für die gleichfalls positive Entwicklung in Berlin vermag so recht niemand zu liefern. Weil sie nicht auf den von einem Werk oder finanzstarken Gönner in den Klub gepumpten Millionen basiert. Einen von Trainer Lucien Favre verantworteten "Geheimauftrag" vermutet "Spiegel Online". Aha.
Viel Qualität für wenig Geld
Fakt ist: Wo die Veränderungen in der Bundesliga als Folge von Finanzkraft dargestellt werden, präsentiert sich Hertha als die Ausnahme von der Regel. Nur 5,5 Millionen Euro haben die Berliner im Sommer in neue Spieler investiert. Zum Vergleich: Der damalige Zweitliga-Vorletzte Hoffenheim gab vergangene Saison allein für Demba Ba und den von Hertha ebenfalls umworbenen Spielmacher Carlos Eduardo mindestens das Doppelte dieser Summe aus.
Geld schießt Tore, ja, trotzdem hat Hertha mit verhältnismäßig kleinem Mitteleinsatz viel erreicht. Dank Andrej Woronin, aber auch der gesteigerten Torgefahr aus dem Mittelfeld (Cicero und Gojko Kacar erzielten schon fünf Ligatore) ist Hertha weit weniger von Marko Pantelics Trefferquote abhängig als noch vergangene Saison.
Das Geld hat Hertha also nicht ins obere Tabellendrittel gespült. Trotzdem sagt Manager Dieter Hoeneß: "Die Tabelle lügt nicht. Ich würde nicht sagen, dass wir sehr viele Spiele überglücklich gewonnen haben. Wir stehen zu Recht dort oben." Richtig, denn Trainer Favre, der gerne so einkaufen und dann auch spielen lassen würde wie Hoffenheim, konzentriert sich auf das stattdessen Machbare: harte Arbeit.
Favre überzeugt die Zweifler
Die Spieler, anfangs Zweifler seiner Methoden, sind inzwischen überzeugt. "Er hat klare Vorstellungen, wie er eine Mannschaft entwickelt", sagt Kapitän Arne Friedrich über Favre. Seit Juli 2007 trainiert der Schweizer den Berliner Bundesligisten, in dieser Zeit hat er Marko Pantelic die korrekte Armhaltung beim Torschuss und Josip Simunic die ideale Fußhaltung beim Flachpass aus der Gefahrenzone beigebracht. Neben der Grundlagenarbeit im taktischen Bereich, versteht sich. "Favre achtet auf jede Kleinigkeit, vom Einwurf bis zum Spielaufbau", sagt Friedrich, und wie so mancher, habe auch er sich "erst umstellen müssen".
Mittelfeldspieler Pal Dardai stellt Vergleiche zur Schulzeit an: "Dort hat man den einen oder anderen Lehrer regelrecht gehasst - und erst hinterher gemerkt, dass man bei ihm richtig viel gelernt hat." Will sagen: Favre ist "mitunter anstrengend" (Friedrich), nicht jeder Trainer arbeitet so methodisch wie er. Der Trainer verfährt streng nach dem Leistungsprinzip: "Wer für die Mannschaft spielt, sich bewegt und den Ball halten kann, der spielt. Wer das nicht kann, spielt nicht."
Inzwischen erkennen die Spieler den Ertrag ihrer Arbeit. "Wir funktionieren als Mannschaft gut, die Taktik spielt dabei eine große Rolle", sagt Verteidiger Sofian Chahed. Zehn Gegentore hat Hertha erst kassiert, hinter Schalke 04 (8) die zweitwenigsten aller 18 Bundesligisten. Chahed: "Wir stehen hinten sicher. Davon profitieren wir, wenn es mal nicht so läuft."
Dardai lobt die Vielseitigkeit
Ein weiteres Beispiel? Favres Lieblingsvokabel lautet "Polyvalenz", zu deutsch: Vielseitigkeit. Es gab Zeiten, da mochte das Wort niemand mehr hören. Jetzt sagt Dardai: "Es passt zurzeit alles sehr gut zusammen, weil wir alle sehr vielseitig sind."
Mit 18 Punkten aus den ersten zehn Spieltagen gelang Hertha der beste Saisonstart seit acht Jahren (damals 21 Punkte). Favre ist davon "nicht überrascht", sagt er; sondern: "Ich bin zufrieden." Weil die Mannschaft die Anforderungen ihres Trainers beherrscht: "Sie kämpft, sie läuft, sie behält die Geduld, wenn es einmal nicht so läuft." Wie gegen Hannover. Nach 60 Minuten hätte er nicht auf ein 3:0 gewettet, gestand Werner Gegenbauer am Mittwoch nach Spielende. Der Präsident war "richtig stolz auf die Mannschaft, wie sie sich zum Sieg gekämpft hat. In der Vergangenheit haben wir die Spiele, in denen wir uns nach oben spielen konnten, regelmäßig verloren - ehrlich gesagt, kann ich mich nicht an das Gegenteil erinnern."
Den aktuellen Jahrgang vergleicht der ebenfalls hochzufriedene Michael Preetz, Leiter der Lizenzspielerabteilung, mit einem Dieselmotor: "Die Jungs brauchen immer ein paar Minuten, bis sie warm gelaufen sind. Aber gerade hinten raus schießen sie dann die Tore." Gegen Wolfsburg, Leverkusen, Stuttgart und Hannover erzielte Hertha in den letzten sechs Minuten fünf Tore.
Ein Zusammenhang von derart langem Atem und der zu Saisonbeginn in Betrieb genommenen Höhenkammer wird von offizieller Seite aber noch nicht dargestellt. Erst "nach ein, zwei Jahren" werde ein entsprechender Trend verlässlich belegbar sein, sagt Preetz. Die Fachwelt muss weiter rätseln.



