Klassenerhalt

Hertha macht Pal Dardai zum Cheftrainer

Hertha BSC verliert in Hoffenheim, rettet sich aber knapp in den Klassenerhalt. Für Pal Dardai geht der Krimi gut aus: Er bekommt einen Vertrag als Cheftrainer.

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Völlig erschöpft sank Fabian Lustenberger auf den Rasen und lag auf dem Rücken. Der Kapitän von Hertha BSC schaute in den Himmel. Ein kurzer Moment der Stille nach dem Sturm. Vielleicht drehte es sich auch ein bisschen im Kopf des Schweizers. Möglich wäre es, das finale Spiel dieser Bundesliga-Saison bei der TSG Hoffenheim hatte Lustenberger und Hertha alles abverlangt und noch einmal alle Höhen und Tiefen dieser unsteten Spielzeit präsentiert. Die Achterbahnfahrt von 34 Partien in 90 Minuten.

Hertha lag gegen die TSG früh hinten durch das Tor von Anthony Modeste (8.), kam zurück durch den Treffer des eingewechselten Roy Beerens (72.) und wähnte sich schon gerettet. Doch am Ende musste noch einmal um den Klassenerhalt gezittert werden, als Roberto Firmino traf (80.). Aber das 1:2 (0:1) reichte, um die Relegation zu vermeiden. Hertha bleibt als Tabellen-15. mit 35 Zählern dank der besseren Tordifferenz gegenüber dem punktgleichen Hamburger SV erstklassig.

Geschafft, im wahrsten Sinne des Wortes. Hertha bleibt in der Liga, schob sich aber ausgelaugt über die Ziellinie. Als sich Lustenberger wieder gefangen hatte, brachte er die Gemütslage der Berliner in Worte: „Die Hauptsache ist, dass wir weiter in der ersten Liga sind.“ Kein Jubel. Nichts. Sein Mittelfeldnebenmann Per Skjelbred berichtete, wie nervenaufreibend die vergangene Woche der Unsicherheit war: „Jeden Tag kommt dein Nachbar zu dir und sagt: Ey, passt bloß auf! Ich bin froh, dass wir es geschafft haben.“

>> Kein Grund zum Jubeln - Der Kommentar

Pal Dardai, dem Trainer der Berliner, war nach dem Spiel die Anstrengung anzusehen. Mit tiefen Augenringen und heiserer Stimme sagte er: „Wir haben es aus eigener Kraft geschafft. Das ist das Wichtigste für uns und unsere Fans. Aber wir müssen diese Saison jetzt schnell abhaken und vergessen.“ Vergessen hatte Michael Preetz nicht, wem er das Verhindern der schlimmsten, anzunehmenden Szenarios für die Blau-Weißen zu verdanken hat: Als Schiedsrichter Knut Kircher die Partie abgepfiffen hatte, sprang der Manager auf und gab Dardai einen kleinen Klapps auf den Hinterkopf. Danke, sollte das heißen. Aufgabe erfüllt.

Die gute Tordifferenz war es ja, die Hertha letztlich den Gang in die Relegation ersparte. Und für die hatten Dardai und sein Co-Trainer Rainer Widmayer gesorgt, als sie das Team im Februar von Vorgänger Jos Luhukay übernommen hatten. In 15 Partien unter Dardai kassierte Hertha nur 13 Gegentore. Davor hatte man zu den defensivschwächsten Teams der Liga gehört.

„Erst einmal bin ich sehr glücklich, dass wir es geschafft haben. Es war nicht einfach. Ich bin ein junger Trainer, wurde ins kalte Wasser geworfen und habe die Mannschaft auf Platz 17 übernommen“, sagte Dardai. Aber zufrieden war er nicht. Nicht mit diesem letzten Spiel in Hoffenheim, das siebte in Folge, das seine Mannschaft nicht gewinnen konnte. Auch nicht mit den letzten Monaten im Abstiegskampf. „Wir waren ein bisschen gelähmt. Uns hat die Aggressivität gefehlt. Über die ganze Saison war es immer wieder eine Charakterfrage an die Mannschaft. Da haben wir immer wieder gewackelt.“

Preetz bestätigt Dardai-Vertrag

Dardai sagte: „Ich will das letzte halbe Jahr schnell vergessen.“ Als das Team nach dem Schlusspfiff in die Kurve der mitgereisten 2200 Hertha-Fans ging, gab es nur verhaltenen Applaus.

Für Dardai, 39, ging es darüber hinaus nicht nur darum, den Abstieg seines Klubs, für den er nun seit fast 20 Jahren tätig ist, erst als Spieler und dann als Jugendtrainer, zu verhindern. Es ging auch persönlich um seine Zukunft als Bundesligatrainer beim Hauptstadt-Klub. Was die Morgenpost mehrfach berichtet hatte, bestätigte nun Manager Michael Preetz erstmals offiziell. Bei der ARD-Sportschau wurde Preetz gefragt, ob Dardai nun einen Cheftrainer-Vertrag erhält. Preetz sagte: „Ja, davon gehe ich aus. Wir fliegen jetzt nach Berlin. Dann ist Pfingsten, am Dienstagabend ist Mitgliederversammlung. Ab Mittwoch gehen wir das genauso an.“ Nachfrage: Mit Dardai? Preetz: „Ja, mit Pal Dardai.“

Bei den Spielern ist der Coach gut angekommen. „Er hat gute Arbeit geleistet. Ich hoffe, dass er bleibt, für mich und die Mannschaft“, sagte Skjelbred. Die Frage ist nur, ob in diesem Falle auch eine Regelung mit dem ungarischen Fußballverband getroffen werden kann. Dardai ist weiterhin auch Nationaltrainer seines Heimatlandes. Aber Hertha hält nach Morgenpost-Informationen eine Ausstiegsklausel, die zum 1. Juli aktiviert werden kann.

Dardai ist ein abergläubischer Mensch. Nie hatte er über seine Zukunft gesprochen, bevor der Klassenerhalt nicht endgültig fix war. Auch am Sonnabendnachmittag sagte er nach dem endgültigen Abpfiff der Saison im Bauch der Hoffenheimer Arena: „Das müssen Sie unseren Manager fragen.“ Abergläubisch war Dardai diesmal auch auf eine andere Art und Weise. Er trug als Glücksbringer ein kleines, rosa Schwein in der Hosentasche. Ein Fan hatte es ihm kürzlich geschenkt. Vielleicht half das im Saisonfinale.

In Hoffenheim feierten sie derweil den Sieg im letzten Heimspiel und die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Nationalspieler Kevin Volland, den sie auch gern bei Bayer Leverkusen oder Borussia Mönchengladbach gehabt hätten. Nach der Partie gab es rund um die Arena Freibier.

Bei Hertha sind sie nur froh, dass ihnen der Kater nach dieser ernüchternden Saison erspart geblieben ist.