Kommentar

Herthas Rettung ist kein Grund zum Jubeln

Hertha verliert, bleibt aber auf Tabellenplatz 15 in der Bundesliga. Schön und gut, doch insgesamt war es eine Saison des Stillstands für die Berliner, meint Jörn Meyn.

Foto: Uwe Anspach / dpa

Die Saison von Hertha BSC stellt man sich am besten wie einen Boxkampf vor. Bevor es losging mit der Fußball-Bundesliga im vergangenen Sommer, fühlte sich der Hauptstadtklub gestärkt für den Schlagabtausch. Mit Salomon Kalou und John Heitinga kamen zwei renommierte und kampferprobte Spieler – mit Valentin Stocker ein sehr umworbener obendrauf. In der blau-weißen Ecke glaubte man daher, wehr- und standhaft für den Kampf um den Klassenerhalt zu sein. Aber als der erste Gong ertönte, taumelte Hertha durch die Runden. Mal gelang ein Treffer, aber immer wieder mussten schmerzhafte Schläge eingesteckt werden. So ging es hin und her: Schlagen und Einstecken wechselten sich ab. Nie konnte man sich sicher sein, ob Hertha nicht doch zu Boden geht.

Den Knockout haben die Berliner nun verhindert. Trotz des 1:2 in Hoffenheim am 34. und letzten Spieltag wurde die Klasse gehalten. Mit einem blauen Auge ist Hertha noch einmal davongekommen. Dabei darf nicht unterschlagen werden, dass man auch ein paar Nehmerqualitäten gezeigt hat: Mit Ausnahme des FC Bayern München und dem FC Schalke 04 litt kein anderer Klub an einer größeren Verletztenmisere.

Der Kampf ist nun beendet, und Hertha steht immer noch. Das ist erfreulich, denn Berlin hat als Hauptstadt einen Bundesligaklub verdient. Dennoch gibt es keinen Grund zum Jubeln. Diese Saison bleibt auch mit dem Erreichen des selbst gesteckten Ziels eine ernüchternde. Im Laufe der vergangenen Monate wurde eine große Hoffnung kassiert: Die Hoffnung, mit einem Trainer langfristig etwas aufzubauen. Der Niederländer Jos Luhukay musste im Februar gehen.

Mit Dardai zumindest das Schlimmste verhindert

Mit der Wahl Pal Dardais als Nachfolger hat Herthas Führung um Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz zumindest das Schlimmste verhindert. Dardai hat seiner Mannschaft zugeführt, was sie brauchte: defensive Stabilität. Unter dem Ungarn hat Hertha in 15 Partien lediglich 13 Gegentore hinnehmen müssen.

Von Preetz war die Wahl Dardais kein unkluger Zug. Sie war auch eine politische: Als Rekordspieler des Vereins genießt Dardai eine derart große Popularität beim Fanvolk, dass sich der Manager mit jener Entscheidung für den 39-Jährigen auch selbst aus der Schussbahn nahm, obwohl er mit Luhukay wieder einmal einen Trainer entlassen hatte und in Gefahr geriet, zum dritten Mal einen Abstieg aus dem Oberhaus verantworten zu müssen.

Das Experiment mit dem Ex-Profi und unerfahrenen Nachwuchstrainer aus den eigenen Reihen war riskant, aber es ging auf. Dardai hat nachgewiesen, dass er ein verunsichertes Team retten kann. Dabei half ihm, dass er sich immer noch wie ein Spieler fühlt: Er wusste, dass Profis beides brauchen, Druck und Spaß, um das eigene Leistungsvermögen auch abrufen zu können. Das hatte Luhukay am Ende offenbar vergessen. Dass Dardai aber auch eine Mannschaft weiterentwickeln kann, muss er erst noch beweisen. Er wird nun einen Cheftrainer-Vertrag bekommen. Gern würde er diverse neue Spieler für die nächste Saison holen, aber einen radikalen Umbruch wird es nicht geben.

Dardai muss die Mannschaft besser ausbalancieren

Dardais große Herausforderung lautet nun, die Mannschaft zwischen Offensive und Defensive besser auszubalancieren, das war über die gesamte Saison nie gelungen. Um im Bild des Boxkampfs zu bleiben: Hertha hat lange die richtige Deckung gefehlt. Als diese mit Dardai gefunden war, blieb stattdessen die Durchschlagskraft auf der Strecke. Zwar waren die Berliner mit dem neuen Trainer eines der abwehrstärksten Teams der Liga, aber auch eines der ungefährlichsten im Spiel nach vorn.

Das Saisonziel Klassenerhalt wurde im letzten Moment dennoch erreicht, ein anderes, übergreifendes aber wurde verfehlt: Preetz und Gegenbauer wollten Hertha zu einem etablierten Bundesligaklub formen – zu einem Verein ohne Sorgen. Das ist in dieser Saison nicht gelungen, obwohl seit dem Einstieg des Investors KKR im Februar 2014 die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen. Diese Spielzeit wird deshalb als eine des Verhinderns des größten anzunehmenden Unfalls in Erinnerung bleiben. Die nächste muss nun endlich eine des Erschaffens werden. Es darf dann nicht mehr nur darum gehen, irgendwie über die Runden zu kommen.