Es ist von Vorteil, vor Beginn der Trainerlaufbahn ein Architekturstudium abzuschließen. Zumindest, wenn man Jos Luhukay glaubt. Der Niederländer entwarf einst bei Hertha ein Bild, um sein Schaffen zu illustrieren: Eine Mannschaft sei wie ein Haus. Man beginne mit dem Fundament, dann kämen Wände und Dach dran. Am Ende entscheide die Statik darüber, ob das Gebilde auch standfest bleibt, wenn mal stürmische Zeiten anbrechen.
Vor drei Wochen erbte Pal Dardai jenes Haus von Luhukay, und man kann sagen, dass der Ungar das Vorgefundene zum großen Teil abgerissen hat. Das Vermächtnis Luhukays hat er verschmäht, er baut lieber ein neues Haus: „Alles, was mit Willen zu tun hat – Zweikämpfe und Laufbereitschaft – hat nicht gut ausgesehen. Aber das ist doch die Basis“, sagte Dardai auf die Frage, was er besonders verändern wolle.
Dardai spricht nicht von einem Haus. Er ist nicht so der blumige Typ. Aber dennoch sind es ein paar größere Baummaßnahmen, die der 38-Jährige vorgenommen hat – und zwar auf vier Ebenen: Personal, System, Hierarchie und Führungsstil. Luhukay hatte eine Achse von Profis, an denen er sein Team ausrichtete.
Drei von Luhukays Stammspielern sitzen draußen
Interessanterweise gehörten dazu jene, denen Dardai bisher wenig Beachtung schenkt: Verteidiger Sebastian Langkamp, Abräumer Hajime Hosogai und Flügelspieler Roy Beerens liefen unter Luhukay immer auf, wenn sie gesund waren. Bei Dardai sind sie nur Ergänzung: Langkamp stand in Wolfsburg nicht einmal im Kader, Hosogai bisher kein einziges Mal in der Startelf, und Beerens zuletzt zweimal nur als Einwechselspieler bereit.
Dagegen greift Dardai oft auf Profis zurück, die es unter Luhukay schwer hatten: Linksverteidiger Marvin Plattenhardt ist vom Tribünengast zum Stammspieler mutiert und wird auch bei der Heimpartie gegen den FC Augsburg am Sonnabend (15.30 Uhr) auflaufen. Star-Angreifer Salomon Kalou muss nicht mehr von der Bank zuschauen.
Bei Jens Hegeler dagegen verhält es sich genau umgekehrt: Der Mittelfeldmann war Luhukays absoluter Wunschspieler, kam unter ihm aber nicht dauerhaft zum Einsatz. Unter Dardai hat er in der Abwehr jedes Spiel bestritten – auch, weil dieser seinen ehemaligen Mitspieler Fabian Lustenberger anders als Luhukay mehr auf der Sechs denn in der Abwehr sieht.
Neuer Mannschaftsrat mit acht Profis
Zudem hat Dardai das von Luhukay nie angerührte Spielsystem mit nur einem einzigen Angreifer aufgebrochen: Gegen Wolfsburg ließ er Kalou und Valentin Stocker zusammen in einem 4-4-2-System stürmen. Später rotierte Julian Schieber vorn rein. Gegen Augsburg sollten Schieber und Kalou im Angriff beginnen, Schiebers Einsatz ist wegen einer Knieblessur aber sehr fraglich Das Abschlusstraining soll Gewissheit bringen. Stocker fehlt gelbgesperrt.
Baumaßnahme Nummer drei betrifft die Hierarchie im Team: Während Luhukay auf einen Mannschaftsrat verzichtete, setzt Dardai jetzt einen achtköpfigen ein. Darin sind Spieler, die man nicht unbedingt auf dem Zettel hatte wie Ersatztorwart Sascha Burchert und der bei Luhukay nicht mehr beachtete Routinier John Heitinga (dazu Lustenberger, Thomas Kraft, Per Skjelbred, Peter Niemeyer, Stocker und Schieber).
Über die Zusammensetzung berichtete die „Bild“. Dardai sagt: „Ich brauche einen Mannschaftsrat, weil ich einen ehrlichen Dialog zwischen dem Team und mir möchte. Ich möchte alles wissen, was uns weiterbringt.“ Luhukays Vizekapitän Peter Pekarik ist übrigens nicht im Mannschaftsrat.
Dardai kommt nonchalanter daher
Am Ende bleibt noch Dardais eigenes Wirken aufs Team – und auch das hebt sich deutlich von Luhukays ab. Während der Vorgänger seine Spieler an der kurzen Leine führte, ihnen vieles vorschrieb und bei Nichteinhaltung mit Druck reagierte, kommt Dardai in seinen ersten Wochen nonchalanter daher und setzt auf Eigenverantwortung.
Dardai wirkt manchmal wie ein Lebemann, der seine Selbstsicherheit aus der eigenen Profikarriere schöpft. Luhukay dagegen war ein Asket, der sich dann wohl fühlte, wenn er bis ins letzte Detail vorbereitet war. Luhukay strahlte nach vielen Enttäuschungen am Ende eine Verkrampfung aus – Dardai dagegen zu Beginn ein kindliches Urvertrauen, das bisweilen naiv wirkte.
Dardai musste Lehrgeld zahlen
Pal Dardai hat das von Jos Luhukay geerbte Team umgekrempelt – aber er hat dabei auch Lehrgeld gezahlt: Noch einmal wird er den laufschwachen Ronny nicht ins defensive Mittelfeld stellen. Noch einmal sollte er die Balance zwischen Offensive und Defensive nicht so beschädigen wie gegen Freiburg (0:2). Ob Schieber nochmals ins Mittelfeld rückt, wo er in Wolfsburg (1:2) an einem Gegentreffer beteiligt war, ist fraglich.
Dardai hat in seinen ersten drei Wochen vieles ganz anders gemacht als Luhukay. Zwar ist das Team nun in jedem Spiel mehr gelaufen als der Gegner, was als Zeichen für gestiegenen Einsatzwillen zu werten ist und ja Dardais Ausgangspunkt war.
Doch viele der Probleme, die auch Luhukay schon um den Schlaf brachten, sind noch nicht behoben: Immer noch weiß man von diesem Team nicht, was man bekommt. Drei Spiele, ein Sieg, zwei Pleiten. Das ist Dardais Bilanz bisher. Engagierte Auftritte (Mainz, Wolfsburg) werden von schwachen (Freiburg) abgelöst. Dardai sagt, er habe nach dem Freiburg-Spiel drei Nächte nicht geschlafen. Nun schlafe er gut, weil das Team im Training mitziehe.
Er glaubt, dass seine Baumaßnahmen Wirkung zeigen. Gegen Augsburg, von wo aus Luhukay einst nach Berlin kam, erwarte er einen Sieg. „Die Jungs müssen jetzt punkten“, sagt er. Damit hätte sein Haus den Sturm aber noch nicht überstanden.





