Interview

Herthas Trainer Pal Dardai – „Ich kann auch anders“

Vor dem Auswärtsspiel gegen Wolfsburg spricht Herthas Trainer Pal Dardai im Morgenpost-Interview über seinen Trainerstil, mentale Probleme bei den Berlinern und ein zu braves Team im Abstiegskampf.

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Schräg rechts über Pal Dardai hängt Pal Dardai an der Wand. Ein Foto, schwarz-weiß, doch es kündet von bunteren Zeiten bei Hertha. Der Ungar ist darauf noch Profi, und jenes Bild trifft ihn gut. Er haut den Ball weg, putzt in einer heiklen Situation aus. Darunter sitzt Pal Dardai, 38, nun als Hertha-Trainer und erklärt, wie er die aktuell prekäre Situation des Klubs bereinigen will. Hertha steckt im Abstiegskampf und trifft an diesem Sonntag auf den Zweiten VfL Wolfsburg (17.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de).

Berliner Morgenpost: Herr Dardai, haben Sie seit Ihrer Berufung zum Cheftrainer mit Jos Luhukay gesprochen?

Pal Dardai: Nein. Ich habe vor meinem Antritt mit ihm gesprochen. Ich musste im Zuge meiner Trainerausbildung hier im Verein hospitieren. Das habe ich bei Jos gemacht und eine Woche vor seiner Entlassung mit ihm über die Mannschaft gesprochen. Da wusste noch keiner, wie die Dinge kommen.

Sie haben gesagt, dass das Team besser sei als der Tabellenplatz, auf dem es steht. Haben Sie die Mannschaft überschätzt?

Ich habe sie nicht überschätzt. Es ist meine Aufgabe, das Potenzial aus den Jungs herauszukitzeln. Ich sehe viele Dinge, die wir verbessern müssen. Aber das bleibt intern. Da geht es nicht darum, ob die Jungs ungarische Salami essen, oder ob sie rauchen. Das sind nur Ablenkungsmanöver. Das könnt ihr ruhig schreiben. Aber ich will der Mannschaft Inhalte geben. Wenn wir das hinkriegen, werden wir besser aussehen. Wenn nicht, wird es schwierig.

Wie soll Ihre Mannschaft auftreten?

Ich will ein Team, das die richtige Körpersprache hat. Wenn die Leute ins Stadion gehen, müssen sie erkennen können, dass bei mir jeder motiviert ist und weiß, was er zutun hat. Ich will eine Mannschaft, die hinten sicher steht, aber auch mutig nach vorn spielt. Ich sage dennoch: Ein System kann das Spiel positiv beeinflussen. Aber wenn die Spieler die Mentalität und Teamfähigkeit nicht an den Tag legen, nützt alles nichts. Dafür brauche ich Spieler mit Charakter.

Haben Sie denn Charaktere?

Noch beobachte ich die Spieler genau und schaue mir an, wer Verantwortung übernimmt, wenn es darauf ankommt.

Wie wollen Sie diese wankelmütige Mannschaft vor dem Abstieg retten?

Innerhalb von drei Wochen werden wir das schon sehen. Jeder kann mit mir schimpfen. Aber ich sage es deutlich: Die Mannschaft ist nicht spritzig genug. Ich sehe, dass sie kämpft und läuft. Aber sie hat nicht das richtige Tempo. Ich brauche keine Statistik, um das zu erkennen. Deshalb müssen wir hart daran arbeiten.

Das klingt, als hätten Sie von Jos Luhukay ein unfittes Team übernommen.

Doch, fit war es. Aber es war nicht spritzig genug. Wichtig ist, dass ich weiß, woran wir kranken. Und dass ich das intern anspreche und ändere.

Sie waren selbst Profi. Wie groß ist der Anteil des Trainers an Erfolg und Misserfolg?

30 Prozent. Sie haben eine Mannschaft. Das sind 100 Prozent. Wenn der Trainer gut ist, kann er 30 Prozent draufpacken, sodass die Mannschaft auf 130 Prozent ihres Leistungsvermögens spielt. Wenn der Trainer schlecht ist, zieht er von den 100 Prozent 30 ab. Dann bringt die Mannschaft nur 70 Prozent ihres Leistungsvermögens. Das habe ich als Spieler erlebt.

Was für ein Trainer wollen Sie sein?

Erst einmal will ich als Trainer ein guter Mensch sein. Ein Trainer ist als Pädagoge gefragt. Du musst die Mannschaft hinter dich bringen. Alle großen Trainer sind gute Pädagogen – Menschen, die etwas ausstrahlen und alle im Kader gleich behandeln. So will ich das auch.

Von welchen Trainern haben Sie gelernt?

Hans Meyer war ein Vorbild. Er war ein harter, aber sehr ehrlicher Mensch. Lucien Favre war auch so. Oder auch Erwin Koeman (2008-10 Nationaltrainer in Ungarn/ Anm.d.Red.).

Was braucht Ihr Team im Moment: mehr Druck oder mehr Spaß?

Als ich kam, habe ich dem Team gesagt: Jungs, es kann nicht sein, dass ihr immer weniger rennt als der Gegner. Jetzt sind sie beide Spiele unter mir mehr gelaufen als der Gegner. Aber nicht mit dem Tempo, das ich mir vorstelle. Es ist meine Aufgabe, das hinzukriegen. Um das zu schaffen, braucht es die richtige Mischung aus Druck und Spaß.

Hat Ihre Beliebtheit im Klub als Rekordspieler zu Beginn von den wahren Problemen der Mannschaft abgelenkt?

Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte: Ein Freund von mir hat gehört, dass ich jetzt Cheftrainer bei Hertha bin. Vor meinem ersten Spiel gegen Mainz ist er ins Wettbüro gelaufen, um auf einen Sieg von uns zu wetten. Er sagte sich: Klar, mit Pal kriegen die das hin. Und er hat 850 Euro gewonnen. Aber das ist alles Quatsch. Die Mannschaft darf sich von dem Getöse um meine Person nicht blenden lassen. So ein Spiel wie gegen Freiburg, in dem wir sehr schlecht waren, habe ich selbst schon als Spieler erlebt. Unter Hans Meyer haben wir auch mal versagt. Das ist eine Kopfsache. Freiburg kennt den Druck im Abstiegskampf. Viele andere Teams da unten auch. Bei uns kennen das nicht so viele Spieler. Mit diesem Druck umzugehen, ist das Schwierigste.

Wie nehmen Sie Ihren Profis den Druck?

Ich erkläre der Mannschaft, dass sie auch mal einen Fehler machen kann. Aber jeder muss auf dem Feld aktiv sein. Ich werde niemanden aus dem Team werfen, wenn er mal einen Fehler macht. Das bringt Unsicherheit.

Wie ist es mit einer Mannschaft zu arbeiten, von der Sie wissen, dass sie Ihrem Vorgänger Luhukay nicht mehr gefolgt ist?

Ich bekomme das schon hin. Jetzt bin ich noch supernett. Aber ich kann auch anders. Das spüren die Spieler. Jetzt kommt noch das Wolfsburg-Spiel, und dann kommen die Konsequenzen. Ich spreche mit Experten. Ich beobachte sehr viel. Dann werde ich handeln.

Sie sind nach fast 20 Jahren stark mit Hertha verbunden. Wie ist das für Sie, nun die Verantwortung für Wohl und Wehe Ihres Herzensklubs zu tragen?

Ich werde mein Maximum reinlegen. Wenn wir den Klassenerhalt schaffen, ist alles gut. Wenn nicht, werde ich mir aber keine Vorwürfe machen können, weil ich alles von mir gegeben habe.

Manager Michael Preetz kennen Sie lange. Welchen Einfluss hat er auf Ihre Arbeit?

Am Anfang und am Ende der Woche sprechen wir über alles. Ich frage ihn nach seiner Meinung. Von sich aus will er nicht reinreden. Was unsere Trainingsarbeit angeht, brauchen wir uns ohnehin nicht verstecken.

Preetz hat gesagt, dass diese Mannschaft zu brav sei. Stimmt das?

Ja. Wir sind ein bisschen wie eine Jugendmannschaft – zu naiv und nett. Bei Freiburg zum Beispiel haben sich am Ende des Spiels zwei Spieler verletzt auf den Boden fallen lassen, um die Zeit runterzuspielen. Als wir in Mainz führten, hat das keiner von uns gemacht.

Sie haben zuletzt viel mit Vertrauen gearbeitet – zum Beispiel bei Marvin Plattenhardt und Ronny. Wie reagieren Sie, wenn das Vertrauen nicht zurückgezahlt wird?

Ich habe mit Marvin kein Problem. Er hat nicht schlecht gespielt. Ihm ist ein Fehler beim Standard passiert, aber deshalb nehme ich ihn jetzt nicht raus. Bei Ronny hat es sich gezeigt, dass er nicht so fit ist, wie ich dachte. Er hat ganz anders gespielt, als wir es besprochen haben. Aber ich bin nicht sauer auf ihn. Ich habe ihn auf die Sechs gestellt. Wenn ein Spieler schlecht spielt, ist das meine eigene Verantwortung.

Gegen Freiburg haben Sie mit einer Doppelspitze Salomon Kalou/Julian Schieber gespielt. Ist das weiterhin denkbar?

Die Mannschaft muss jederzeit das System ändern können. Kalou fehlt noch Training, er war ja kaum hier. Ihm fehlt die Körpersprache und Dynamik. Trotzdem muss ich ihn spielen lassen. Wer schießt denn unsere Tore? Kalou und Schieber! Kalou ist unser torgefährlichster Spieler.

Wie wollen Sie in Wolfsburg bestehen – gegen ein Team, bei dem gerade alles klappt?

Das ist ein Auswärtsspiel bei einem überragenden Team. Wir können da nur gewinnen. Wir dürfen nur nicht wieder blockieren. Wenn wir jedes zweite Spiel gewinnen, dann schaffen wir es auch, in der Liga zu bleiben.

Sie haben von einem Kopfproblem im Team gesprochen. Warum nehmen Sie keinen Mentaltrainer dazu?

Bringt nichts. Das hatte ich als Spieler. Fußballer akzeptieren das nicht.

Was machen Sie, wenn Sie hier scheitern?

Wenn es nicht klappt, habe ich immer noch einen Vertrag bei der U15. Ich habe meine Arbeit dort geliebt. Wenn es so kommen sollte, brauche ich mich nicht zu schämen. Ich mache alles dafür, dass wir drinbleiben. Aber selbst wenn wir es schaffen, kann es sein, dass ich sage: Ich gehe zurück zur U15. Ich habe meine Familie in Berlin, und ich werde die nächsten Jahre in dieser Stadt sein. Egal, was passiert.

Haben Sie einen Cheftrainer-Vertrag?

Nein. Ich habe einen unbefristeten Vertrag im Nachwuchs. Erst einmal mache ich den Job hier aus Liebe.