Auf den ersten Blick sieht es aus wie immer: Die Stammspieler joggen 30 Minuten mit Hendrik Vieth, dem neuen Konditionstrainer bei Hertha BSC. Das Training der Reservisten leitet Rainer Widmayer, der neue Co-Trainer. Jung-Trainer Pal Dardai steht daneben auf dem Schenckendorff-Platz und schaut sich das Treiben ein. Die Einsamkeit des verantwortlichen Mannes, nachdem am Vortag verloren wurde. 0:2 hieß es gegen den SC Freiburg. Statt des erhofften Befreiungsschlages gab es einen herben Rückschlag.

„Ich habe schon mit Frank Vogel in der Jugendakademie geredet“, erzählt Dardai: „So richtig lernen werde ich, wenn Niederlagen kommen.“ Nach dem Sieg in seiner ersten Partie (2:0 in Mainz) setzte es gegen Freiburg, das ebenfalls im Abstiegskampf steckt, einen empfindlichen Rückschlag.

Hertha auf der Suche nach Dynamik und Körpersprache

Dardai versucht, die Niederlage mit einer Doppelstrategie zu bewältigen. Zum einen wiederholte er auch am Tag danach seine These, dass Hertha erhebliche Fitnessprobleme habe. „Meine Jungs sind genauso viel gelaufen wie der Gegner. Aber mein Eindruck war: nicht im gleichen Tempo“, sagte Dardai. „Irgendwie fehlt etwas Spritzigkeit. Wenn man nicht dynamisch ist, funktioniert auch die Körpersprache nicht.“ Deshalb werde er ungeachtet der anstehenden Punktspiele am Wochenende unter der Woche sein Fitness-Programm durchziehen. „Wenn wir hart arbeiten, irgendwann kommt die Kraft, die Dynamik wieder. In unserer Situation müssen wir über die Fitness kommen.“

Mit anderen Worten: Er habe von Ex-Trainer Jos Luhukay eine Mannschaft mit konditionellen Problemen übernommen. Nachdem sein Vorgänger gerade im Januar vier Wochen daran gearbeitet hat, die Grundlagen für die Rückrunden zu legen.

Stocker und der nicht gegebene Elfmeter

Dardai moniert, sein Team habe gegen Ende der Partie nicht mehr zulegen können: „Auch in Mainz haben wir in den letzten 20 Minuten nicht gut ausgesehen.“

Diesen Bereich kann man getrost in der Sparte Nebenkriegsschauplatz einordnen. Denn die gefährlichsten Aktionen gegen Freiburg hatte Hertha in der Schlussphase, als der wuchtige Sandro Wagner die Gäste-Abwehr wiederholt ins Schwimmen brachte. Stocker hatte eine gute Chance, zudem hätte es einen Elfmeter für Hertha geben können.

„Best of“ aller Probleme des Jahrgangs 2014/15

Dardai hatte viele Dinge anders gemacht als der Vorgänger: Marvin Plattenhardt spielte in beiden Spielen durch. Salomon Kalou war zwar unfit, stand aber erstmals mit Julian Schieber in der Startelf. Der offensivstarke Ronny wurde vermutlich zum ersten Mal in seiner Karriere auf der Doppel-Sechs eingesetzt.

Das Resultat jedoch war schon weit vor der Pause zu betrachten: Hertha bot praktisch ein „Best-of“ aller Probleme, an denen der Jahrgang 2014/15 krankt: Die Innenverteidigung, diesmal Jens Hegeler/John Brooks, schwächelte. Plattenhardt hatte an beiden Gegentoren seinen Anteil. Die Achse von Innenverteidigung, Doppel-Sechs, Spielmacher, Stürmer hat Hertha nach mittlerweile 21 Saison-Spieltagen auch unter Dardai nicht gefunden. Vor allem in der Mitte des Feldes klaffte eine große Lücke. Folgerichtig mussten die Verteidiger zu viele weite Pässe auf die Stürmer schlagen – diese Bälle gehen in der Regel an den Gegner. Auch das Trainer-Duo Dardai/Widmayer sucht noch eine Lösung, wie das Spiel aussehen soll, wenn Hertha öfter mal den Ball hat.

Lustenberger bleibt Kapitän, Towart Kraft neuer Stellvertreter

Ein anderes Problem, das dringend einer Lösung bedarf, wenn Hertha den Klassenerhalt schaffen will: Wenn es mal nicht läuft, wo sind die Führungsspieler, an denen sich Youngster wie Brooks, 22, Nico Schulz, 22, oder Plattenhardt, 23, orientieren können?

Dardai gibt offen zu: „Ich bin seit Jahren bei Hertha. Aber ich war nie in der Kabine, ehe ich jetzt Trainer geworden bin.“ Mit anderen Worten: Er ist noch dabei, seine Spieler kennenzulernen. Sein Eindruck nach zehn Tagen: „Ich habe einen Kapitän mit Fabian Lustenberger.“ Der Schweizer saß gegen Freiburg seine Gelb-Rot-Sperre vom Mainz-Spiel ab. Dardai hat am Sonntag Torwart Thomas Kraft zum zweiten Kapitän ernannt. „Thomas ist ein Führungsspieler. Genauso wie Per Skjelbred, Peter Pekarik oder Julian Schieber. Die sind richtig fleißig. Das sind Kämpfertypen.“ Da trifft es sich schlecht, wenn Skjelbred nach Verletzungen und Krankheit nicht voll fit ist. Auch Kalou wirkt nach vier Wochen Afrika-Cup fernab seiner Bestform.

Dardai schaut zuversichtlich auf die Aufgabe in Wolfsburg

Hertha hatte gehofft, gegen Freiburg die Erfolgswelle weiterreiten zu können, die sich gegen Mainz aufgebaut hatte. Eingetreten ist das Gegenteil. Hertha im Februar ist ein Verein voller Selbstzweifel. Die bange Frage, die über allem schwebt: Reicht es für den Klassenerhalt?

Wobei Dardai als zweiten Teil seiner Lage-Analyse das tut, was in seiner Position gefordert ist: Optimismus verbreiten. Den Skeptikern antwortet er, gefragt nach dem Auswärtsspiel bei der derzeit zweitbesten Mannschaft des Landes, dem VfL Wolfsburg am Sonntag: „Ich bin optimistisch für das Wochenende. Mit diesem Willen und der Laufbereitschaft wie in Mainz, können wir guten Mutes nach Wolfsburg reisen.“