Ex-Jugendtrainer

Herthas Pal Dardai – der nächste Streich

Ein Trend in der Liga: Pal Dardai, der neue Coach von Hertha BSC, ist aktuell der fünfte ehemalige Jugendtrainer in der Bundesliga. Nun trifft er auf Vorreiter Christian Streich und Freiburg.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Eigentlich hatte Pal Dardai sich das anders vorgestellt. Nach seiner Profi-Karriere wollte der 38-Jährige erst einmal für vier, fünf Jahre an Jugendlichen das Trainerhandwerk lernen. Dann, eines Tages, die erste Mannschaft übernehmen. Und wenn die Götter es danach weiterhin gut mit ihm meinen, irgendwann Nationaltrainer seines Heimatlandes Ungarn werden.

„Tja, die ganze Reihenfolge ist auseinander gefallen“, sagt Dardai und grinst dieses jungenhafte Grinsen, in dem man noch den Ex-Spieler erkennt. U15-Trainer bei Hertha, Nationaltrainer in Ungarn, und nun Cheftrainer des Bundesligateams in Berlin. Das war die Reihenfolge. Die Zukunft ist eine widerspenstige Angelegenheit.

Nun sitzt Pal Dardai also als Cheftrainer von Hertha BSC auf dem Podium im Presseraum und soll erklären, wie er die Mannschaft auf den ersten Auftritt unter seiner Leitung im Olympiastadion gegen den SC Freiburg am Sonntag (15.30 Uhr/im Liverticker bei immerhertha.de) vorbereitet hat. Von den Knirpsen zu den Millionären, Dardai aber findet, dass es sich bei den Profis einfacher leben lässt. In der U15 riefen ständig aufgeregte Eltern bei ihm an. Jetzt wollen die Medien bedient werden. „Aber mit dem Druck kann ich umgehen. Den spüre ich nicht“, sagt er.

Wie Gisdol, Zinnbauer und Skripnik

Mal abgesehen vom vorgezogenen Job als Nationaltrainer ist Dardais Weg gar nicht so überraschend. Vielmehr setzte sich mit ihm ein Trend in der Liga fort. Pal Dardai ist aktuell der fünfte ehemalige Jugendtrainer, der nun in der Bundesliga auf dem Chefsessel sitzt: Christian Streich (Freiburg), Markus Gisdol (Hoffenheim), Joe Zinnbauer (Hamburg), Viktor Skripnik (Bremen) und nun Dardai.

Von seinen Vorgängern machte Streich den Anfang, als er Ende 2011 nach 16 Jahren als A-Jugendtrainer und Akademieleiter in Freiburg die Profis übernahm. Er hat sich seitdem einen Ruf als kauziger Querdenker erworben, der mit zerzausten Haaren und schwerstem alemannischen Idiom als Sonderling die Liga bereichert. Aber Streich hat auch vorgemacht, was später Gisdol, Zinnbauer und Skripnik weiterführten: Er baute immer wieder Nachwuchsspieler ein.

Irgendwann will auch Dardai so arbeiten. „Ich bin ein Fan davon, junge Spieler zu integrieren. Ich habe selbst als 16-Jähriger in Ungarn bei den Profis angefangen und kenne daher die richtige Methode, wie man das macht“, sagt er. Doch bevor Dardai dazu Gelegenheit bekommt, ist da dieser Abstieg seines Klubs zu vermeiden, was letztlich auch über seine Zukunft als Cheftrainer in Berlin entscheidet.

Jene Aufgabe allerdings ging Dardai zunächst wie ein Jugendtrainer an. Nach der Demission von Jos Luhukay trat er vornehmlich als Pädagoge auf, der seiner verunsicherten Mannschaft wieder Freude und Vertrauen in die eigene Stärke mit einfachen Worten verabreichte. Da wurde mal wieder gelacht im Training, da wurden kleine Spiele gegeneinander ausgetragen und Sätze wie diese gesagt: „Fußball ist Rhythmus. Da, da, dipi, da. So müsst ihr die Pässe kombinieren.“

Tipps von Lucien Favre

Dardai findet, dass es eigentlich keine so großen Unterschiede zwischen Jugendspielern und Profis gibt: „Wenn einer einen Ball sieht, ist er wieder ein Kind“, sagt er. Profis wollen dasselbe wie Nachwuchsspieler: Wettkampf, gutes Training und einen Trainer, der klare Ansagen macht.

„Als ich noch Spieler war, sagte Lucien Favre einmal zu mir: Pal, gehen Sie als Trainer erst einmal zu den Kindern. Da können Sie sehr gute Erfahrungen sammeln“, erzählt Dardai. Und die habe er gemacht: „Ich konnte deshalb sofort vor die Mannschaft treten. Ich war sicher und konnte erklären, was ich anders haben will. Das ist das Wichtigste, was ich bei der U15 gelernt habe“, sagt Dardai.

Dennoch hat sich Dardai vorgenommen, seine Profis nicht wie Kinder zu behandeln. Sein Prinzip ist das der Eigenverantwortung. Da soll jeder selbst entscheiden, was er isst und trinkt, solange die Leistung stimmt. Da ist auch wieder Musik in der Kabine erlaubt. Und da wird Spielern wie dem zuletzt erkälteten Per Skjelbred und dem vom Afrika-Cup heimgekehrten Salomon Kalou die Entscheidung überlassen, ob sie auflaufen können oder nicht.

Mehr Eigenverantwortung

Aber auch darüber hinaus will Dardai mehr Eigenverantwortung fördern: die für das Spiel. Unter der Woche arbeitete er gemeinsam mit Co-Trainer Rainer Widmayer daran, mehr Ballbesitz zu bekommen. Kein Team der Liga hatte bisher weniger. „Ich möchte den Ball haben. Je mehr der Ball bei uns ist, desto mehr Möglichkeiten haben wir, Torchancen zu erspielen“, sagt Dardai. „Wir müssen langsam auch eigene Lösungen finden“, sagt Widmayer.

Pal Dardai trifft nun am Sonntag auf Christian Streich, der ihm vorgemacht hat, wie man als ehemaliger Nachwuchstrainer, der fast zwei Jahrzehnte im Klub war, auch mit den Profis Erfolg haben kann. Nach dem Sieg in Mainz soll jetzt Dardais nächster Streich folgen. „Wir sind bereit. Es gibt jetzt keine Alibis mehr. Wir werden schon eine Methode finden, um zu gewinnen. Ich bin mir sicher, dass meine Mannschaft gut auftreten wird“, sagt er.

Für Dardai ist es die Rückkehr ins Olympiastadion, das er 2011 nach 14 Jahren als Spieler verlassen hat. Für Freunde und Familie hat er Karten reserviert. Unter der Woche ist er noch einmal in die Vergangenheit gereist und hat sich bei seinen U15-Spielern verabschiedet. Geht es nach Dardai, und meinen es die Götter weiterhin gut mit ihm, wird er irgendwann einen davon bei den Profis wiedersehen.