Die Liste ist lang: Die Ära Jos Luhukay begann mit einem 2:2 gegen Paderborn. Otto Rehhagel startete mit einem 0:3 in Augsburg, Michael Skibbe mit einem 0:2 in Nürnberg, Friedhelm Funkel mit einem 1:3 gegen den HSV, Lucien Favre mit einem 0:1 in Frankfurt. Karsten Heine debütierte mit einem 1:3 gegen Bochum, Falko Götz mit einem 2:2 ebenfalls gegen Bochum. Hans Meyer mit einem 0:4 in Bremen. Huub Stevens mit einem 2:2 in Dortmund. Die Epoche von Jürgen Röber begann mit einem 2:4 gegen Jena.
Kaum zu glauben, aber wahr: Pal Dardai, 38, ist gelungen, was kaum einer seiner Vorgänger seit März 1996 geschafft hat: zum Einstand als neuer Trainer bei Hertha BSC zu gewinnen. (Einzige Ausnahme war Markus Babbel, dessen Amtszeit mit einem 3:2 gegen Oberhausen begann).
Lob für die Mannschaft
Dardai ist zwar neu im Job, aber lange genug in der Branche. Weshalb Dardai am Tag nach dem 2:0-Sieg beim FSV Mainz (Tore: Jens Hegeler/35. und Roy Beerens/42.) keine Komplimente annehmen wollte. „Alles Lob geht an die Mannschaft. Die Spieler haben gezeigt, dass sie mental stark sind.“
Dann überraschte Dardai mit der Aussage, dass seine Arbeit als Trainer bei Hertha eigentlich gar nicht so schwierig sei. „Hertha ist ein toller Verein. Die Fans sind, toll, es gibt viele gute Spieler.“ Und wer ihm mit Druck oder Belastung kommt, ist beim 61-maligen ungarischen Nationalspieler ohnehin an der verkehrten Adresse. Dardai erzählte von seinem bisherigen Job als Trainer von Herthas U15. Drei-, viermal die Woche gibt es am Vormittag Training in der Schule. Es werde an jedem Nachmittag trainiert. Am Wochenende stehen Punktspiele oder Turniere an. „Wenn du mal einen halben Tag frei hast, rufen die Eltern an, um über Probleme bei den Kindern zu reden.“
Auf Augenhöhe mit Widmayer
Grundsätzlich scheint der Trainer-Posten bei Hertha aber Tücken zu haben. Schließlich ist seit dem Amtsantritt von Röber vor 19 Jahren Dardai (Übergangslösungen mitgezählt) mittlerweile der 14. Trainer, der auf dem Stuhl Platz nimmt. Dass das Amtsverständnis von Dardai anders ist als gewohnt, zeigt sich auch in anderen Bereichen. So sagt Dardai, er habe keinen Cotrainer. Sondern: „Rainer Widmayer und ich sind die Trainer.“ Entsprechend sah die Ansprache ans Team in Mainz aus. Widmayer übernahm den Taktik-Part, Dardai den Motivations-Teil.
Der Ungar trifft als Chef auf Spieler, mit denen er selbst noch in einer Mannschaft gespielt hat: Fabian Lustenberger, Nico Schulz oder Peter Niemeyer. Auf die Frage, Duzen oder Siezen, sagt Dardai: „Es ist wie in meiner Jugendmannschaft: Ob ‚Trainer‘ oder ‚Herr Dardai‘, ob ‚Pal‘ oder ‚Palchen‘ – das kann jeder halten, wie er will. Respekt beginnt bei mir nicht in der Anrede, sondern darin, wie professionell jeder im Training arbeitet. Das Problem beginnt, wenn ein Spieler denkt: Wir haben gewonnen, jetzt kann ich mich zurücklehnen.“
Lob für Jens Hegler
Gefragt, ob er als Elfmeterschützen Jens Hegeler bestimmt habe, erklärt Dardai sein Verständnis mit einem kulinarischen Bild: „Ich werde nicht bestimmen, ob jemand Rührei isst oder ungarische Salami. Ich habe immer viel Gulasch gegessen. Vielleicht war das ungesund, aber ich konnte immer Laufen ohne Ende.“
Er habe den Spielern überlassen, wer sich sicher fühlt in der Situation. „Das sind Profis. Und Kompliment für Jens, dass er bei der Hektik mit der Roten Karte und dem Torwartwechsel die Nerven behalten hat.“
Manager Preetz auf PR-Tour
So schön die drei Punkte zum Einstand sind: Ob Dardai ein Gute-Laune-Bär ist, der die Mannschaft drei, vier Monate erreicht, ehe er sich abnutzt. Oder ob er das Zeug hat, ein Trainer mit einer eigenen Handschrift zu werden: Das wird die Zukunft zeigen. Dardai: „Ich kann mich nicht nach zwei Tagen hinstellen und sagen, was für tolle Arbeit ich gemacht habe. Die eigentliche Arbeit beginnt mit der Vorbereitung auf das Spiel am Sonntag gegen Freiburg.“
Während Dardai im Umfeld der Mannschaft für eine veränderte Stimmung sorgt, kümmert sich der Manager um die bundesweite Darstellung des Hauptstadt-Klubs. Kein leichtes Unterfangen. Hertha wird wieder mal als Krisenklub wahrgenommen. Kurzfristig war Michael Preetz ins „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF eingeladen worden. Vor einem Millionen-Publikum unternahm Herthas Geschäftsführer Sport den Spagat, den Wunsch nach Kontinuität plausibel zu machen und gleichzeitig die vielen Wechsel auf der Trainer-Position zu erklären. Preetz sagte, warum die Zusammenarbeit mit Dardai/Widmayer „bis auf Weiteres“ angelegt ist. Dass die Vereinsführung hoffe, dass das Duo Erfolg habe. Aber er zugleich in der Pflicht stehe, größere Zeiträume im Blick zu haben. Auf die Frage, ob er mit anderen Trainern als Dardai gesprochen habe, antwortete Preetz: „Nein.“
Traditionsvereine in der Bredouille
Wenig Kontur hatte seine Aussage, wie die Hertha-Philosophie aussehe. Da war die Rede vom Hauptstadt-Klub, vom eigenen Nachwuchs, auf den der Verein setze. Fairerweise muss man hier sagen, dass sich andere Traditionsklubs in einem ähnlichen Dilemma befinden: Ob der VfB Stuttgart, der HSV, der 1. FC Köln oder Werder Bremen – wie Hertha versuchen alle mit allen Kräften in der Bundesliga zu bleiben.
Am späten Sonntagabend trat Preetz in der gleichen Mission im rbb-Sportplatz auf. Doch Manager und Trainer wissen: Um das Hertha-Schiff auf Kurs zu bringen, braucht es mehr als ein oder zwei Siege in der Bundesliga.




