Bundesliga

Jos Luhukay wandelt sich im Trainingslager zum Feldherrn

Der Cheftrainer von Hertha BSC steht nach einer mäßigen Hinrunde unter Druck. Der Morgenpost-Reporter sprach mit Luhukay, wie er seinen Status sieht und was er sich für die Rückrunde vorgenommen hat.

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Die Großen der Branche liegen auf dem Nachttisch neben Jos Luhukay. Louis van Gaal und Pep Guardiola. Beide Erfolgstrainer haben über ihren Beruf geschrieben. Das Buch „Louis van Gaal. Biografie und Vision“ liest Luhukay im Moment. „Pep Guardiola. Die Biografie“ hat er zu Weihnachten von seiner Familie geschenkt bekommen. Beim Lesen, sagt Herthas Trainer, könne er entspannen. Doch es ist auch eine Suche nach Anregungen für seine Arbeit, nach Antworten auf eigene Fragen.

Jos Luhukay ist seit fast 20 Jahren Trainer in Deutschland. Meist lief es gut. Der Niederländer machte seine Erfahrungen – erst als Amateurtrainer, dann als Assistent unter Huub Stevens in Köln. Später probierte er es selbst in erster Reihe – in Paderborn, Mönchengladbach, Augsburg und nun seit zweieinhalb Jahren in Berlin. Es war ein steter Aufstieg. Doch zuletzt lief es schlecht. 2014 endete mit dem 0:5 gegen Hoffenheim – der schwärzeste Moment eines enttäuschenden Jahres, das lediglich 31 Punkte aus 34 Spielen brachte. Hertha ging mit einem Zähler Vorsprung auf die Abstiegsränge in die Winterpause, die am 1. Februar mit dem Spiel in Bremen endet.

Belek als Woche der Neufindung

Erstmals in Berlin geriet Luhukay in die Kritik. Die vergangenen sieben Tage verbrachte der 51-Jährige mit der Mannschaft im Trainingslager an der türkischen Mittelmeerküste. Es waren Tage einer Neufindung – für Team und Trainer. Am Ende der Zeit in Belek sitzt Luhukay im Hotel in einem Ohrensessel und spricht über seinen Beruf:

Berliner Morgenpost: Herr Luhukay, wann ist ein Trainer ein guter Trainer?

Jos Luhukay: „Das wird oft vereinfacht wahrgenommen: Gut ist ein Trainer, wenn er im Augenblick Erfolg hat. Wenn nicht, ist er schlecht. Aber um einen Trainer wirklich zu beurteilen, muss man schauen, was er über Jahre geleistet hat. Bei Hertha war es so, dass ich in den ersten anderthalb Jahren nur Lob bekommen habe. Im letzten halben Jahr dagegen wurde ich auch mal kritisiert.“

Was darf ein Trainer niemals tun?

„Zweifel aufkommen lassen, Unsicherheit ausstrahlen und nicht von sich überzeugt sein. Vor allem aber darf ich als Trainer nie den Respekt vor meinen Spielern verlieren.“

Womit ist Ihr Beruf zu vergleichen?

„Ich muss mich in unterschiedliche Persönlichkeiten aufspalten: Manchmal bin ich Lehrer, manchmal Psychologe, ein anderes Mal wie ein Vater. Die Situation entscheidet, was gefragt ist.“

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Luhukay glaubt, sich nicht mehr beweisen zu müssen. Er sieht sich als einen guten Trainer. Das habe die Vergangenheit gezeigt, sagt er. Die Situation hat in Belek aus ihm aber eine neue Persönlichkeit hervortreten lassen: die des Feldherrn. Vor Abflug lag der Trainer eine Woche lang mit hohem Fieber in Bett und war auch nach der Ankunft noch geschwächt. Aber mit Beginn des ersten Trainings griff Luhukay aggressiv wie selten in die Übungen der Spieler ein.

Seine heisere Stimme schallte über den hoteleigenen Platz, kämpfte an gegen den Lärm der Baustellen nebenan. Er brüllte Spieler an, mahnte zu mehr Konzentration und lief immer wieder selbst die Laufwege, die er von ihnen verlangt. Luhukay war mittendrin. Der Lehrer in ihm sah Schüler vor sich, in denen mehr Potenzial steckt, als sie bisher zeigten.

„Der Trainer muss deutlich sein“

Die schwache Hinserie hatte große Probleme offengelegt: mangelndes Abwehrverhalten und eine Vakanz im Kreativbereich. Dagegen arbeitete Luhukay an – mit bis zur Ermüdung wiederholten Passübungen und Kombinationsspiel gegen die fehlende Ballsicherheit, mit vielen Duellen gegen die schwache Zweikampfquote. Zwei Einheiten lang schob er in einer Taktikschulung seine Profis wie Figuren übers Feld, stellte kassierte Gegentore nach und gab die Raumaufteilung vor, die sie verhindert hätten.

Sie waren in Belek manchmal konfrontativ mit ihren Spielern. Was steckte dahinter?

„Der Trainer muss deutlich sein, damit die Spieler verstehen, was er von ihnen will. Wenn man fördern will, muss man auch fordern. Wir wollen und müssen uns verbessern. Dafür muss ich den Spielern Lösungen aufzeigen.“

Ein Team ist mehr als die Summe der Einzelspieler. Was macht eine Mannschaft aus, welche Rolle spielen Sie?

„Eine Mannschaft ist zum Anfang wie ein ungebautes Haus. Meine Aufgabe ist es, alle Teile so zu bauen, dass es stabil steht.“

Spiegelt sich im Charakter einer Mannschaft auch der ihres Trainers wider?

„Schwierige Frage. Mein Team besteht aus mehr als 25 Charakteren, viele sind unterschiedlich. Ich will bestimmte Eigenschaften stimulieren. Das sollen nicht bei jedem Spieler dieselben sein. Aber am Ende muss ich auch Entscheidungen treffen.“

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Luhukay ist ein Mann der Prinzipien. Eines davon heißt Hingabe für den Beruf. Das fordert er von sich und anderen. Es ist der Ethos eines Arbeiterkindes, dessen Vater in den Niederlanden sich einst als Einwanderer von den Molukken seinen Platz in der Gesellschaft erkämpfen musste. Von ihm lernte Luhukay Fleiß, Zielstrebigkeit und Charakter. Jene Eigenschaften will er von seiner Mannschaft sehen. Luhukay war in der Tagesarbeit immer ein agierender Trainer, kein Beobachter wie Vorgänger Markus Babbel.

Jede Einheit wird schriftlich vorbereitet

In Belek stellte er die Hütchen auf dem Feld auf, trug Pappmänner vom Rasen und machte Übungen vor. Vor jedem Training zeichnete er sich eine Skizze, ein Blatt voller Pfeile und Stichpunkte. Wenn er unvorbereitet sei, sagt Luhukay, sei es auch die Mannschaft. Sie aber brauche einen Schlachtplan.

Doch ein Trainer nutzt sich auch ab. Man hatte in der Hinserie bisweilen das Gefühl, dass Luhukay trotz seiner Akribie und Geradlinigkeit dem Team keine Sicherheit geben konnte. Nie wusste man, was man von Hertha bekommt. Auf die wenigen Siege folgten Niederlagen. Luhukay hat in der Vorbereitung auch an sich selbst gearbeitet. Noch deutlicher und bestimmender zeigte er, wie er spielen lassen will – aus einer defensiven Ordnung im schnellen Umschaltspiel nach vorn, zielstrebig bis zum Tor. Mit Herz und Verstand.

Wie entwickeln Sie sich als Trainer weiter?

„In dem Moment, in dem ich denke, dass ich mich nicht mehr weiterentwickeln will, muss ich aufhören. Aber das ist nicht mein Naturell. Ich arbeite ständig an mir. Ich lese Fachlektüre. Ich bilde mich fort. Die Chance auf Erfolg wird größer, wenn man in Bewegung bleibt. Wer passiv ist, wird anfällig.“

Mussten Sie sich für die Rückserie der Bundesliga neu erfinden?

„Ich habe manche neue Erfahrungen in der Hinserie gemacht. Ich musste lernen, mit Verletzungen und vielen Ausfällen umzugehen. Aber es motiviert mich, immer wieder Lösungen zu finden.“

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Luhukay hat sich manchmal über die Kritik geärgert. Er hat sich vorgenommen, es in der Rückrunde den Kritikern zu zeigen. In Belek hat er dafür Entscheidungen getroffen. Er suchte nach einem Gerüst von Profis, an denen er die Statik der Mannschaft ausrichten kann. Kapitän Fabian Lustenberger ist ein Grundpfeiler. Ihn wird Luhukay langfristig in der Innenverteidigung einsetzen. Dazu ist mit Sebastian Langkamp ein Spieler wieder fit, der für Zuverlässigkeit in der Abwehr sorgen kann.

In den Weihnachtswochen hat sich Luhukay einen Plan aufgeschrieben, mit welcher Mannschaft und wie er mit ihr in den Kampf gegen den Abstieg in der Rückrunde gehen will. Vieles davon hat sich für ihn in Belek bestätigt. Er hat keine neue Mannschaft entwerfen müssen. Es war vielmehr ein Rückgriff auf Bewährtes, das neu gebündelt wurde.

Die Forderung an Ronny

Nur an wenigen Stellen war es ein Ausprobieren. So spielte zum Beispiel Linksverteidiger Nico Schulz im defensiven Mittelfeld. Dazu hat Luhukay versucht, im mentalen Bereich zu arbeiten, ein Bewusstsein für Situationen im Spiel und in der Liga zu schaffen. „Wir müssen immer alles von uns abverlangen“, war einer seiner Sätze.

Einer, der das in der Vergangenheit zu selten tat, ist Ronny. Es sieht so aus, als bekäme Luhukay in dieser Transferperiode, die bis zum 2. Februar läuft, keinen neuen Spielgestalter und der wankelmütige Brasilianer eine neue Chance, sein Talent gewinnbringend einzusetzen. Dafür aber stellt Luhukay Forderungen an den 28-Jährigen.

Wie bekommen Sie einen Spieler wie Ronny so hin, dass er sein Talent konstant abruft?

„Ronny muss das selbst wollen. Wir stecken in einer schwierigen Phase. Da müssen wir als Kollektiv agieren – gemeinsam angreifen und verteidigen. Für Ronny gilt: Er darf jeder Zeit sein exzellentes Spiel nach vorn zeigen, aber auch er muss funktionieren, wenn wir den Ball nicht haben. Ich erwarte von ihm keine Grätschen. Aber er muss nach hinten mitarbeiten. Schafft er das, wird er eine zentrale Rolle einnehmen. Ich habe in Belek gesehen, dass er will. Aber er muss es mir mehr als einmal zeigen.“

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Am Sonnabend ist der blauweiße Tross in den Flieger von Antalya nach Berlin gestiegen. Luhukay sagt, er sei zufrieden mit dem Trainingslager. Er hat den Profis zwei Tage frei gegeben und reist selbst nach Hause zu Ehefrau Ingrid in Venlo. Das Paar ist seit mehr als 30 Jahren verheiratet. Es gab mal die Überlegung, dass Ingrid nach Berlin zieht. Doch beide haben sich dagegen entschieden. Das liegt nicht daran, dass Luhukay glaubt, seine Zeit bei Hertha neige sich dem Ende entgegen. Er will jedoch die Distanz zwischen Arbeit und Leben aufrechterhalten, um beiden Bereichen gleichermaßen gerecht werden zu können.

Die Idee, seine Ehefrau nach Berlin zu holen, wurde verworfen

Die freien Tage zu Hause brauche er, um Kraft zu schöpfen, sagt Luhukay – die Tage in Berlin dagegen, um sich ausschließlich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Das habe er gelernt.

Jos Luhukay sagt, ein Trainer müssen am Ende danach beurteilt werden, was er hinterlässt, wenn er irgendwann geht. In Köln, Paderborn, Gladbach und Augsburg sei es Positives gewesen. Er habe seinen kleinen Anteil dazu beigetragen, dass es jenen Klubs heute gut gehe. Irgendwann will der Trainer das auch über Berlin sagen können.