Bundesliga

Langkamp ist Herthas Hoffnung auf eine stabilere Rückrunde

Rückkehrer Sebastian Langkamp soll Herthas Probleme in der Defensive und bei der Kopfball-Hoheit lösen. Kapitän Fabian Lustenberger rückt vom Abwehrzentrum vor ins defensive Mittelfeld.

Foto: Soeren Stache / dpa

Sebastian Langkamp hat Höhenangst. Wahrscheinlich ist es gerade das, was ihn an Felix Baumgartner fasziniert. Der Österreicher sprang vor zwei Jahren aus 39 Kilometern durch die Stratosphäre, und Langkamp saß damals gebannt vor dem Fernseher. Neulich erzählte der 27-Jährige, dass Baumgartner so etwas wie sein Vorbild sei.

Nun sitzt er im Teamhotel von Hertha BSC im Trainingslager in Belek und muss zugeben, dass er darüber hinaus in jenem Gespräch auch ein bisschen geflunkert hat. Auf die Frage, wie er sich vom Fußball entspanne, antwortete Langkamp nämlich mit: „Bungee-Jumping“. Das sollte ein Witz sein, denn, wenn es nicht sein muss, schaut er nicht einmal von mehrstöckigen Gebäuden hinunter.

Dies wird Sebastian Langkamp dennoch nicht im Weg stehen, das zu erfüllen, was sich sein Trainer Jos Luhukay in Zukunft vom 1,91-Meter-Mann verspricht: Luftduelle gewinnen. „Alles bis zwei Meter Höhe geht“, sagt er und muss über sich selbst lachen. Luhukay findet, dass Langkamp der beste Kopfballspieler im Team ist, und besonders deshalb hat er ihn in Herthas schwacher Hinrunde so vermisst. Der Innenverteidiger fehlte in 16 von 17 Partien wegen einer Fußverletzung, und die Berliner zeigten sich in jener Zeit besonders in der Luft anfällig: Keine Mannschaft kassierte so viele Kopfball-Gegentore (acht), nur zwei waren bei gegnerischen Standardsituationen wackliger (zehn Gegentreffer).

Insgesamt war das Hauptproblem, das Hertha bis auf einen Punkt zu den Abstiegsrängen hat abrutschen lassen, die fehlende defensive Ordnung. Luhukay hofft daher, „dass mit Bastis Rückkehr wieder mehr Stabilität zurückkehrt“.

Langkamp: Ich bin kein außergewöhnlicher Verteidiger

Langkamp selbst weiß, dass sich ein großer Teil der Berliner Zuversicht für die zweite Halbserie an ihm und dem ebenfalls wiedergenesenen Kapitän Fabian Lustenberger festmacht. In Belek sowie in den sechs Wochen seit seiner Genesung arbeitet er daran, dem gerecht werden zu können. „Ich habe jetzt langsam wieder das Gefühl, dass ich der Mannschaft weiterhelfen kann“, sagt er. Doch ein Heilsbringer will Langkamp nicht sein: „Ich habe eine gesunde Selbsteinschätzung und die sagt mir: Ich werde nie der außergewöhnliche Verteidiger sein, der tolle Dinge fabriziert. Ich kann aber etwas einbringen, das mich immer stark gemacht hat: Zuverlässigkeit.“ Ebendas, was seiner Mannschaft in den vergangenen Monaten gefehlt hat.

Luhukay plant mit Langkamp als defensiver Ordner in der Innenverteidigung – eine Art Putzerkolonne gemeinsam mit dem jungen John Anthony Brooks. In Belek deutet sich an, dass der Trainer den bisherigen Innenverteidiger Lustenberger um eine Position vor ins Mittelfeld rücken wird. Luhukay hat sich diesbezüglich längst entschieden, nur öffentlich darüber reden will er nicht. Lustenberger selbst sagt, er könne darüber bisher nur spekulieren, „aber für mich ist die Position egal“.

Luhukay setzt auf eine stabile Achse

Luhukay geht es darum, der Mannschaft Sicherheit zu verabreichen. Das funktioniere vornehmlich über eine stabile Achse – ein Fundament, auf das sich sein Team in schwierigen Situationen berufen kann. Manchmal ist der 51-Jährige ein Freund von Bildern, um Sachverhalte zu illustrieren, und am Montag benutzt er dieses: „Wenn Sie ein Haus bauen, brauchen Sie auch ein stabiles Fundament. Sonst wird das niemals sicher stehen.“

Die Rückkehrer Langkamp und Lustenberger bilden einen Großteil jener von Luhukay erhofften Statik. Über den Schweizer sagt Langkamp: „Fabian in Topform ist ein Stabilisator und enorm wichtig für unser Team.“ Er hoffe, dass er und Lustenberger nach langer Verletzungspause in Belek wieder die Sicherheit im eigenen Spiel gewinnen können, „damit wir sie dann an die Mannschaft weitergeben“.

Schwache Hinserie, starke Rückrunde

Dass Langkamp auch neben seinen spielerischen Fähigkeiten wichtig für Hertha wird, liegt an einer Erfahrung aus vergangenen Tagen. Schon zweimal gelang es ihm, nach einer schwachen Hinserie die Wende in der Rückrunde und den Klassenerhalt zu schaffen: 2011/12 in Augsburg unter Luhukay, als der FCA nach zunächst 15 Zählern am Ende mit 38 Punkten auf Platz elf landete. Und ein Jahr später unter Trainer Markus Weinzierl, als die Ausgangslage mit nur neun Zählern nach der ersten Halbserie noch viel finsterer war, am Ende aber mit 33 Punkten ebenso das Saisonziel erreicht wurde. „Das schafft man, in dem man an sich glaubt und immer die richtige Mentalität in den Spielen an den Tag legt. Für uns muss es in der Rückrunde darum gehen, immer wieder über die Willensgrenze hinaus zu gehen“, sagt Langkamp.

Ähnliches konnte er beim Extremsportler Felix Baumgartner beobachten: „An ihm ist faszinierend, dass er sich keine Grenzen setzt“, sagt Langkamp. Allerhand Grenzen wurden dem Abwehrspieler in seiner Karriere bisher oft prognostiziert. Als er mit 16 in den Nachwuchs des FC Bayern wechselte zum Beispiel, oder als er sich später nicht mit Einsätzen im Regionalliga-Team der Münchner begnügen wollte, sondern sich vornahm, es anderswo in die Bundesliga zu schaffen. „Damals hat man mich nur belächelt“, sagt er heute. Es war eine stetige Verschiebung der Grenzen, daran versucht er sich immer wieder selbst zu erinnern.

Vorbild Felix Baumgartner

Vielleicht ließe sich so diese unangenehme Angst vor großen Höhen in den Griff kriegen. Dafür wäre es förderlich, den angesprochenen Bungee-Sprung nachzuholen: „Irgendwann will ich das machen, um mich selbst zu überwinden und mir zu zeigen, dass es geht“, sagt Sebastian Langkamp. Bis dahin aber sind vorerst andere Probleme in der Luft zu lösen. Damit das gelingt, hat er sich vorgenommen, auf dem Boden zu bleiben.