Bundesliga

Per Skjelbred - „Martin Ödegaard steht zu sehr unter Druck“

Mittelfeldspieler Per Skjelbred über den Hype um Norwegens neues Wunderkind, das einen Sechs-Jahres-Vertrag bei Madrid unterschrieben hat, über Fußball als Kopfsache und Mentaltraining bei Hertha.

Foto: Mika Volkmann / picture alliance / Mika

Das Interview hat just begonnen, da klingelt das Telefon von Per Skjelbred. Seine Frau ist dran – er fragt, ob das kurz okay wäre. Sohn Jonathan ist zum ersten Mal in einer Fußballakademie für Vierjährige. Große Sache im Hause Skjelbred. Vor kurzem klingelte schon mal sein Telefon, und jemand erzählte Herthas Mittelfeldspieler, dass Martin Ödegaard sich nun für Real Madrid entschieden habe. Skjelbred, 27, kennt ihn aus der norwegischen Nationalmannschaft. Er ist dort der Kapitän des 16 Jahre alten Jungstars. Wir beginnen ein Gespräch über den Hype um Ödegaard, große Erwartungen und die Gefahren, die sie mitbringen.

Berliner Morgenpost: Herr Skjelbred, lassen Sie uns über Martin Ödegaard sprechen. Ist er ein Jahrhunderttalent?

Per Skjelbred: So einen Spieler wie ihn hat Norwegen vielleicht alle 100 Jahre mal. Ich habe ihn gesehen, da war er 15 und spielte gegen das Team meines besten Freundes. Ich wusste sofort: Der Junge hat was Spezielles. Seine Technik, seine Bewegungen. Das gibt es in diesem Alter ganz selten. Aber ich finde es auch irre, welch unglaublich hohen Erwartungen dieser Junge vom ersten Tag an ausgesetzt ist. Martin steht viel zu sehr unter Druck. In Norwegen erscheinen Zeitungen jeden Tag mit zwei Seiten nur über ihn. 24 Stunden am Tag wird er verfolgt. Alle reden über ihn. Das ist Wahnsinn.

Wie geht er mit all dem um?

Er macht das richtig gut. Sie müssen sich vorstellen: Martin ist über Nacht zu einem der größten Talente im Weltfußball erklärt worden. Aber wenn Sie ihn treffen, würden Sie das niemals glauben. Er steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Das hat mich beeindruckt. In unserer Branche werden junge Spieler zu schnell auf ein Podest gehoben, und sie verlieren sich dort. Im Fußball ist das Wichtigste, dass dein Kopf immer klar bleibt. Du musst die Mitte halten – zwischen Selbstbewusstsein und Selbstkritik. Martin hat das, und ich wünsche ihm von Herzen, dass er eine große Karriere hinlegt.

Auch Sie wurden mit 15 über Nacht ein Star in Norwegen. Auch Sie haben lernen müssen, mit Erwartungen umzugehen.

Ja, aber das war eine andere Zeit. Man hat mich damals durch die TV-Show „Proffdrommen“ (Profitraum) zwar schnell zum neuen Star gemacht. Aber mit Martin ist das nicht zu vergleichen. Ödegaard ist in Norwegen zehn Mal größer, als ich es war.

Was macht der frühe Rummel mit einem jungen Spieler?

Für mich war das schwer, weil kein normales Leben mehr möglich war. Die Leute haben meinen kleinen Bruder angerufen und ihn über mich ausgefragt. Ich konnte nirgendwo mit meinen Eltern etwas essen gehen. Das wurde zu einer großen Belastung.

Würden Sie sich vor diesem Hintergrund wünschen, dass Ihr eigener Sohn Ihnen in den Profifußball nachfolgt?

Er kann machen, was er will. Ich habe erlebt, dass es gut ist, wenn die eigenen Eltern nicht so viel Druck aufbauen und das mentale Rüstzeug mitgeben. Das will ich auch machen. Wenn er sich für den Fußball entscheiden sollte, wird er stark genug sein. Wichtig ist, dass er seinen Weg geht. Nicht meinen.

Fußball als Kopfsache: Wie trainiert man den Umgang mit großen Erwartungen?

In Trondheim hatten wir einen Mentaltrainer. Das war für viele Spieler Horror, weil es damals unüblich war. Aber ich glaube, dass das Mentale bis heute unterschätzt wird. Ich habe mein ganzes Leben Fußball nach Instinkt gespielt. Im Kopf läuft dann alles mechanisch ab. Aber wenn das einmal gestört wird, triffst du plötzlich nur noch falsche Entscheidungen. Das Negative nimmt allen Raum ein. Dein Kopf wird dann zum Problem. Dass das nicht passiert, kann man trainieren.

Wie trainieren Sie das?

Mental bin ich ein sehr starker Mensch. Das habe ich von meiner Mutter. Bei der Nationalmannschaft hat mir unser Sportpsychologe Methoden gezeigt, wie ich mit Rückschlägen umgehen kann. Das sind Denkbeispiele, die das Negative wegschieben. Das Schlechte abhaken und sich auf die nächste Aufgabe konzentrieren. Wissen Sie, im Fußball ist das Thema Depression gar nicht so selten. Was wir machen, ist nicht normal. Wir spielen vor 70.000 Leuten, werden auf Schritt und Tritt beobachtet. Ich konnte damit immer gut umgehen, weiß aber, dass es Spieler gibt, die das nicht so gut können. Profis, die sich besser kennen, reden viel über solche Probleme – auch das hilft.

Auch bei Hertha ist der Druck hoch, wenn es – wie aktuell – gegen den Abstieg geht. Haben die Spieler mentale Hilfe?

Es ist so: Wenn wir Hilfe möchten, bekommen wir sie. Für mich und die anderen erfahrenen Spieler im Team ist der Druck kein sehr großes Problem mehr. Aber besonders die jungen Spieler müssen unterstützt werden.

Sie hatten bei Hertha einen jungen Spieler, der große Erwartungen geweckt hat: Hany Mukhtar. Er ist nun zu Benfica Lissabon gewechselt. Wie haben Sie das erlebt?

Hany ist ein großes Talent. Er hat einen überragenden Fuß. Aber er braucht Spielpraxis. Doch wir spielen in der Bundesliga, da ist wenig Platz für Entwicklungszeit, wenn der Rest der Mannschaft nicht ganz so stabil spielt. Das Geschäft ist brutal. Ich hoffe, dass er seinen Weg bei Benfica gehen kann. Vielleicht kommt er eines Tages zu Hertha zurück.

Fußball ist nicht nur Kopfsache, sondern auch Herzensangelegenheit. Was fasziniert Sie an Ihrem Sport?

Fußball ist das Leben, nur im Kleinen – gute und schlechte Zeiten, Euphorie und Trauer. Für mich ist neben dem Spiel selbst besonders der soziale Aspekt interessant: der Zusammenhalt. Eine Mannschaft ist wie ein Kreis. Bricht ein Spieler raus, ist der Energiefluss gestört. Gerade in schwierigen Zeiten wie jetzt bei uns musst du als Mannschaft den Kreis schließen. Wie man das schafft, das fasziniert mich.

Werden Sie nach Ihrer Karriere Trainer?

Ja, ich will Trainer werden, aber im Jugendbereich. Ich wäre, denke ich, kein guter Profitrainer. Da sind die Spieler zum großen Teil schon fertig – wie ein Auto vom Fließband. Ich dagegen will Reifen, Motor und Getriebe erst mit entwickeln. Ich würde gern junge Spieler vorbereiten – auch mental. Ich glaube, ich könnte aus meiner eigenen Erfahrung einiges weitergeben. Hoffentlich kann ich das irgendwann machen.