Herr Takada hat immer ein Notizbuch dabei, wenn er in Belek am Trainingsplatz steht. In strammer Haltung wartet er an der Seitenlinie auf ein Zeichen. Das kommt, sobald Jos Luhukay seine Mannschaft um sich sammelt, ihr etwas erklärt und sich das für Genki Haraguchi anhört wie Vorlesungen über Quantenphysik für einen Geisteswissenschaftler. Dann rennt Katsushito Takada auf das Feld, stellt sich zum Japaner und flüstert ihm leise die Übersetzung ins Ohr. Zurück an der Seitenlinie wird alles notiert. Herr Takada will nichts vergessen.
Genki Haraguchi spricht noch kein Deutsch. Das ist ungünstig, weil Herthas Cheftrainer mit dem Flügelspieler in der Bundesliga-Rückrunde (ab 1. Februar) einiges vorhat. Änis Ben-Hatira und Roy Beerens fehlen noch verletzt, deshalb hofft Luhukay, dass sich der 23-Jährige in die Startelf einfügen kann. Dafür aber muss dessen Eingewöhnung beschleunigt werden.
Haraguchi kam im Sommer von den Urawa Red Diamonds aus der japanischen Liga – eigentlich als Investition in eine fernere Zukunft. Mit Beginn des Trainingslagers in der Türkei haben sie ihm nun seinen Landsmann Takada als Betreuer an die Seite gestellt. Geisteswissenschaftler ist der zwar auch, der 35-Jährige hat Philosophie studiert. Aber er arbeitet als Fußballtrainer – im Nachwuchs des SV Empor in Berlin. Jetzt kümmert er sich darum, dass Haraguchi schneller ins Team wächst.
Nun ist es nicht so, dass die fehlenden Sprachkenntnisse Haraguchi den Zugang zum Land und zum Bundesliga-Fußball verstellen – dass er gar einsam ist. Er hat sich ein paar erste Kommandos auf Deutsch eingeprägt und sich einen Hund gekauft, einen Labrador. „Mir fehlt eigentlich gar nichts in Deutschland. Aber ich habe bisher das Gefühl, dass ich noch nicht komplett in die Bundesliga passe“, sagt Haraguchi. Das Spiel sei schneller, taktischer und er habe lange gebraucht, seine Aufgaben auf dem Feld zu verstehen. In den ersten drei Testpartien gegen Halle, Cottbus und Bern ließ ihn Luhukay im rechten Mittefeld auflaufen, um mehr Geschwindigkeit und Tiefe ins fahrige Berliner Spiel zu bekommen. „Es wird langsam besser. Ich gewöhne mich dran“, sagt er. Und Herr Takada hilft.
Beide kennen das Anpassungsproblem
Wie schwer die Anpassung an Land und Liga für einen Japaner ist, hat auch Hajime Hosogai erlebt. Gewissermaßen war der 28-Jährige 2010 die Vorhut für Haraguchi. Bis dahin spielten beide für Urawa, bis Hosogai nach Leverkusen wechselte und sofort an den FC Augsburg ausgeliehen wurde. „Es braucht Zeit, bis sich alles ganz natürlich anfühlt“, sagt er. Die Leichtigkeit müsse erst kommen. Nun spielen mit ihm und Haraguchi erstmals zwei Japaner gleichzeitig für Hertha.
Doch auf die Suche nach jener Leichtigkeit hat sich Hosogai zuletzt selbst wieder begeben müssen. Hatte der defensive Mittelfeldspieler nach seinem Wechsel zu Hertha vor anderthalb Jahren zunächst eine wichtige Rolle gespielt, so steckte er in dieser Hinserie im Leistungstief. „Überspielt“, fand ihn Luhukay. Bei Hertha haben sie vermutet, dass das auch mit Haraguchi zu tun hat. Weil Hosogai sich um den Landsmann kümmerte, für ihn übersetzte, habe er sich nicht mehr voll auf sein eigenes Spiel konzentrieren können. Hosogai widerspricht aber: „Mit Genki hat es nichts zu tun, das lag an mir selbst, und das Problem muss ich allein lösen.“
Hosogai wird zum Start der Rückserie in Bremen gelbgesperrt fehlen. Die zentrale Rolle in Luhukays Überlegungen spielt er daher in Belek nicht. Erstmals muss er nun um seinen Stammplatz bangen. Schon aus dem Team gerutscht ist Hosogai in seiner Nationalelf. Dabei war er nach Berlin gekommen, um mehr Spielzeit und damit bessere Chancen auf die WM zu haben. Aber Japan hob ohne ihn nach Brasilien ab. „Das hat mich belastet“, erzählt er. Auch der neue Nationaltrainer, der Mexikaner Javier Aguirre, verzichtet weiter auf Hosogai.
Raus aus der Nationalelf
Während dieser in der Türkei nach dem Weg aus dem Leistungsloch fahndet, spielt Japan am Freitag in Australien das Viertelfinale der Asienmeisterschaft. „Dass ich nicht dabei bin, tut mir weh. Das liegt daran, dass ich bei Hertha nicht gut genug gespielt habe“, sagt Hosogai. Auch Haraguchi hatte auf den Asien-Cup gehofft. Drei Länderspiele bestritt er zuvor. Aber auch er wurde nicht nominiert. Bei Hertha sehen sie das eher als Vorteil, weil es mehr Zeit zur Eingewöhnung gewährt. Aber wenn man so will, hat diese schon vor langer Zeit begonnen.
Denn wie Hosogai wurde auch Haraguchi in Japan von deutschen Trainern geprägt: Volker Finke ließ ihn einst mit 17 bei den Profis debütieren. Bei Hosogai waren es Guido Buchwald und Holger Osieck. „Sie haben uns den deutschen Fußball beigebracht“, sagt Hosogai. „Die Erfahrungen, die ich unter Finke gemacht habe, helfen mir jetzt hier bei Hertha“, sagt Haraguchi. In Deutschland bekamen beide Luhukay als ersten Trainer: Hosogai in Augsburg, Haraguchi in Berlin. Hosogai sagt, dass er wohl nie zu Hertha gewechselt wäre, wäre Luhukay nicht schon da gewesen. Beide verbindet ein Vertrauensverhältnis. Dass sich zwischen dem Niederländer und Haraguchi ein ähnliches ergibt, dafür ist nun auch Herr Takada da.





