Jörg Blüthmann

Vom Hertha-Spieler zum Physiotherapeut bei Alba Berlin

Jörg Blüthmann spielte einst für Hertha. Jetzt arbeitet er als Physiotherapeut bei Alba Berlin. Seine Erkenntnis: Basketballer sind härter im Nehmen als die Kollegen vom Fußball.

Foto: imago sportfotodienst

Er reagiert schon, wenn er „Jörg“ hört, allerdings mit einer fragend hochgezogenen Augenbraue hinter der randlosen Brille. Als wisse man nicht bescheid. Denn Jörg Blüthmann ist „Blüthe“, seit er denken kann. „Wie zuvor mein Vater, der wurde Blüthe gerufen, mein älterer Bruder und sogar meine Schwester“, erzählt Albas Physiotherapeut. „Blüthe“ und nicht Jörg zu sein, ist aber nicht die einzige große Konstante in seiner Biografie, die zweite ist der Fußball. Ab 1972 hieß es „Blüthe, hau ihn rein!“ bei Hellas Nordwest, später dann sogar bei Hertha BSC (1981 bis 1987).

Heute ist Jörg Blüthmann 49 Jahre alt, noch immer „Blüthe“ – und dass seine Kundschaft jetzt in der Regel mindestens einen Kopf größer ist als er, ist eine der dicksten Überraschungen in seiner Karriere, die 2013 nach seiner Trennung von Hertha BSC wie aus dem Nichts kam. Es sei das eine oder andere Kilo mehr zu stemmen, wenn es heute Wirbel einzurenken und Gelenke der Basketballprofis zu mobilisieren gilt. Blüthmann brauchte „schon ein paar Tage der Eingewöhnung, dabei bin ich ja mit 1,78 Meter nicht wirklich klein“.

Der Fußball war lange sein Leben. Den Jungen aus der Paul-Hertz-Siedlung in Charlottenburg hatte Hertha-Trainer Jürgen Sundermann im Sommer 1987 vor die Wahl gestellt, „Vollprofi zu werden oder ins zweite Glied zu rücken“. Zu einer Zeit, als es auch für durchaus erfolgreiche Profis gerade mal für einen Lottoladen reichte. Blüthmann entschied sich für eine sichere Lebensplanung, wurde Bank- und Werbekaufmann sowie Biologie-Laborant, bevor er als Physiotherapeut seine wahre Berufung fand. Fußball spielte „Blüthe“ weiter, für die Reinickendorfer Füchse, Türkiyemspor und Hertha Zehlendorf.

Er war der erste Wessi, der nach dem Mauerfall in die DDR-Oberliga zu Stahl Brandenburg wechselte und später auch Mirko Slomkas Co-Trainer bei Tennis Borussia. „Sehr schnell und sehr ausdauernd“ sei er gewesen, „eine Mischung, die es nicht oft gibt“, erinnert sich Blüthmann nicht ohne Stolz. In 11,3 Sekunden sei er die 100 Meter gelaufen, „und ich war auch noch schnell, als die anderen schon abgebaut hatten“.

Rückkehr zu den eigenen Wurzeln

2003 ging er als Physiotherapeut nach drei Jahren beim 1. FC Union zu Hertha, und es gab „nichts Schöneres“, als „zu den eigenen Wurzeln zurückzukehren“. Zehn Jahre später kam das abrupte Ende, als sich der Klub von ihm und Torwarttrainer Christian Fiedler trennte. „Ich bin niemandem böse, aber schon enttäuscht darüber, wie die Trennung gelaufen ist.“ Auf die gute halbe Million Euro angesprochen, die Fiedler als Abfindung erstritt, sagt Blüthmann: „Auch wir haben uns geeinigt.“ Und dabei klingt er noch immer bitter.

Zwei Tage hing Blüthmann dem „Warum“ nach und der Frage, wie er seine Familie, Ehefrau Katrin, Sohn Fabian, 15, und Tochter Melina, 10, künftig ernähren sollte. „Dann zeichnete sich schon ab, dass ich für Alba arbeiten würde.“ Blüthmann griff zu, „im Profisport und auch noch in der Stadt bleiben zu können, war einfach sensationell“.

Auf den leidenschaftlichen Fußballer warteten im Basketball einige Überraschungen. So sei Albas Team enger beieinander, als er das aus dem Fußball kennt, „weil die Gruppe kleiner ist“. Basketballer seien auch „druckresistenter“. Jeder einzelne stehe „mehr in der Verantwortung, Fehler hätten unmittelbare Folgen und hinzu käme, dass Spieler nach Fehlern oft schnell ausgewechselt würden. Kritikfähiger seien die Korbjäger auch, weil „viel mehr mit Video gearbeitet wird und sich keiner rausreden kann“. Würde Fußballern so oft von den „Trainern der Scheitel gezogen, würden einige schon zusammenklappen“.

Blüthmann beugt Verletzungen der Spieler vor

„Die Belastungen der Basketballer könnte man mit Fußballern, so wie die trainieren, nicht durchziehen“, ist sich Blüthmann sicher, ohne dass er den Sport, mit dem er Zeit seines Lebens verbunden ist, schlechtreden will. Jeder wachse in seine Sportart hinein und entsprechend unterschiedlich seien die Mentalitäten. „Tougher“ seien Basketballer, sagt „Blüthe“, also härter im Nehmen, „sie akzeptieren mehr Schmerzen, spielen mit Blessuren eher noch die Partie zu Ende.“ Auch das sei ein Resultat der Sozialisation, „denn beim Basketball gibt es ja auch im Profibereich teilweise keine Therapeuten beim Training“. Da heiße es: „Eis rauf und tschüß!“

Blüthmann hat bislang alle Verletzten vor der erwarteten Zeit zurückgebracht. Noch wichtiger für sein tägliches Tun aber sei es, Verletzungen vorzubeugen, sagt er. „Wenn jemand umknickt, kann man nichts machen, aber muskuläre Verletzungen entstehen fast immer durch Ermüdung oder Fehlstellungen von Gelenken. Leider sieht man das nicht immer, aber wenn ich es erkenne, kann ich präventiv eingreifen.“ Was ihm jetzt viel leichter fällt als früher. „Basketballer pflegen sich viel intensiver als Fußballer. Da dehnen und erwärmen sich nur wenige konzentriert, wie es bei uns tägliche Routine ist.“

Blüthmann wäre wohl kaum mit Alba in eine zweite Saison gegangen, wenn er sich nicht wohl fühlen würde, dort, wo das Runde nicht mehr ins Eckige muss. Er reise auch viel mehr. „Bei Hertha war ich nur bei den Heimspielen dabei und betreute bei Auswärtsspielen die verletzten Spieler auf dem Platz“. Anstrengend sei die Reiserei schon, nicht nur bei einer Eis-und-Schnee-Odyssee durch die Ukraine wie in der vergangenen Saison. Auch seine Familie sehe er seltener. „Aber in Rom bin ich mit dem Doc (Moritz Morawski, d. Red) zum Petersplatz gejoggt, da haben wir uns gegenseitig fotografiert und sind dann wieder zurück ins Hotel“. Das fand er gut, merkt man „Blüthe“ an. Und vielleicht denkt er dann auch: Auf solche Dienstreisen hätte er bei Hertha sicherlich noch eine Weile warten müssen.