Bundesliga

Die Traditionsklubs stecken in der Zwickmühle

Hertha und der VfB Stuttgart brauchen Siege, um für Geldgeber interessant zu bleiben. Deren Millionen-Unterstützungen brauchen die Traditionsklubs, um sich gegen neureiche Herausforderer zu behaupten.

Foto: Lukas Schulze / dpa

Die Saison ist noch jung. Die Tabelle ist nur eine Momentaufnahme. Entwicklung braucht Zeit – so oder ähnlich werben die Verantwortlichen um Geduld. Doch für Hertha BSC und den VfB Stuttgart steht bereits viel auf dem Spiel, wenn sich die Klubs am Freitag am siebten Bundesliga-Spieltag gegenüberstehen (20.30 Uhr, Olympiastadion). Der Start ist für beide Vereine unbefriedigend verlaufen: ein Sieg, zwei Remis, drei Niederlagen sind zu wenig fürs eigene Selbstverständnis.

Beim VfB wurde zuletzt mitten in der englischen Woche Sportvorstand Fredi Bobic entlassen. Eine Maßnahme, die zu diesem frühen Zeitpunkt für Unverständnis in der Branche sorgte. Bezeichnend war die Erklärung von VfB-Aufsichtsrats-Chef Joachim Schmidt: „Ein Spieler-Etat von 40 Millionen Euro muss uns in die Lage versetzen, einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen.“ Mit diesem Budget bewege sich der VfB „im Bereich zwischen Platz sechs und acht“ – und das müsse sportlich der Anspruch sein.

Bei Hertha sind ungeachtet des 14. Platzes, der VfB liegt punktgleich auf Rang 15, alle Verantwortlichen an Bord. Doch was beide Klubs teilen: Sie stehen schon in der frühen Phase dieser Saison erheblich unter Druck. „Natürlich hat Hertha auch andere Ansprüche, als in sechs Spielen fünf Punkte zu holen“, sagte VfB-Trainer Armin Veh. „Da geht es ihnen ähnlich wie uns.“

KKR-Millionen, um die Einnahme-Struktur zu ändern

Die Berliner haben als erster Bundesligist Ende Januar mit dem Finanzinvestor KKR einen strategischen Partner geholt. Die so gewonnenen 62 Millionen Euro verwendete Hertha vor allem, um seine Finanzstruktur zu gesunden. Durch den Abbau der meisten Verbindlichkeiten konnte Hertha erstmals seit Jahren die im Sommer erzielten Einnahmen (rund 18 Millionen Euro an Ablösen für Adrian Ramos/BVB und Pierre-Michel Lasogga/HSV) komplett in den Spieleretat reinvestieren. Neun Neue wurde verpflichtet, darunter John Heitinga, Valentin Stocker und Salomon Kalou.

Die Begründung, die Hertha für den Deal mit KKR gegeben hat, entspricht den Sorgen, die auch den VfB umtreiben. Aus dem laufenden Liga-Geschäft heraus verlieren Traditionsklubs wie Hertha und Stuttgart jede Saison mehr und mehr den Kontakt zu den Top-5- Klubs Bayern, Dortmund, Schalke, Leverkusen, Wolfsburg. Auch Hoffenheim ist finanziell bereits vorbeigezogen. Mit RB Leipzig steht in Liga zwei ein weiterer Klub auf dem Sprung.

VfB Stuttgart hofft auf 70 Millionen

Gespeist aus dem scheinbar unendlichen Geldtopf des österreichischen Brauseimperiums Red Bull wird Leipzig selbst als Aufsteiger in der Lage sein, auf Anhieb zwei Drittel der Bundesliga-Konkurrenz finanziell zu überholen.

Deshalb hat Hertha in diesem Sommer investiert wie seit Jahren nicht mehr. Der VfB hat das Gleiche vor. Ende Juli hatte die Vereinsführung in Stuttgart die Mitglieder unterrichtet, dass geplant sei, VfB-Anteile zu verkaufen. Dem Vernehmen nach will die Daimler-AG Anteile im Wert von 20 Millionen Euro erwerben. Die Rede ist von Kärcher, der Würth-Gruppe und Gazi. Insgesamt sollen auf diesem Weg bis zu 70 Millionen eingesammelt werden. Vorausgesetzt, die VfB-Mitglieder stimmen im Frühjahr 2015 der Umwandlung der Fußball-Abteilung in eine Aktien-Gesellschaft zu. Das erfordert eine Dreiviertel-Mehrheit bei der entsprechenden Versammlung.

Neue Wege benötigen Vertrauen

Ob bei Hertha oder Stuttgart, der eingeschlagene Weg fordert Vertrauen. Vertrauen der Geldgeber, dass die Vereine mit den eingesetzten Summen verantwortungsvoll umgehen. Und Vertrauen der Mitglieder und der Fans, dass die Verantwortlichen einen Weg beschreiten zum Wohle des Klubs – und ihn nicht in eine Kommerz-Sackgasse führen.

Schwierig ist die Lage für die Verantwortlichen in Berlin und Stuttgart, weil Vertrauen in der Bundesliga am sportlichen Erfolg gemessen wird. Da ist ein Sieg aus sechs Partien zu wenig. Zumal Hertha in diesem Herbst bis Winter einen neuen Brustsponsoren-Vertrag aushandeln will. Hertha will deutlich mehr Geld erzielen, aktuell überweist die Bahn rund vier Millionen Euro pro Saison. Ein Verharren in der Region, in der um den Klassenerhalt gekämpft wird, ist schlecht für die Verhandlungsposition von Hertha. Dasselbe gilt für den VfB Stuttgart, der parallel sowohl die eigenen Anhänger als auch mögliche Geldgeber überzeugen will von den reizvollen Perspektiven, die vor dem schwäbischen Bundesligisten liegen.

Schieber: „Für das Umfeld wäre ein Sieg wichtig“

Hertha-Trainer Jos Luhukay und sein VfB-Kollege Veh wissen: Der Sieger der Partie am Freitag macht einen Sprung ins Liga-Mittelfeld. Zumal nach diesem siebten Spieltag erneut eine Länderspiel-Pause folgt. Das sind dann viele Tage, in denen sich diskutieren lässt, ob die Klub-Verantwortlichen das Vertrauen verdienen, das sie einfordern. Julian Schieber, Ex-Stuttgarter und nun Torjäger in Hertha-Diensten, sagt: „Für uns steht viel auf dem Spiel. Mit einem Sieg könnten wir uns in der Tabelle Luft verschaffen. Für die Stimmung im Umfeld wäre ein Erfolgserlebnis sehr wichtig.“

Ob Hertha oder Stuttgart – in dem Wettrennen um die Gunst der Fans und der Geldgeber ist ein Szenario mit einem Tabu belegt: Ein Bundesliga-Abstieg darf nicht passieren.