Bundesliga

Erste Saison-Krise - Löcher im Fundament von Hertha BSC

Nur ein einziger Punkt aus drei Spielen und der schlechteste Saisonstart seit 20 Jahren. Weil die Defensive der Berliner überraschend schwächelt, gerät Trainer Jos Luhukay in Erklärungsnot.

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Von irgendwo aus der Ferne schallte Popmusik herüber. Jos Luhukay stand am Sonntagmorgen auf Herthas Trainingsplatz und redete eine Viertelstunde auf seine Mannschaft ein. Durch den Regen drangen nur Bruchstücke zu den Zuschauern durch. „So geht es nicht“, war zu hören. Und: „Ihr müsst euch gegenseitig helfen.“ Dass dann auch noch lautes Bassgedröhn von nebenan die Sache mit der Nachbearbeitung der Niederlage gegen Mainz 05 am Vortag erschwerte, hatte schon Symbolcharakter.

Viel Klangvolles war ja zuvor auch bei den Berlinern zu vernehmen: Der Champions-League-Sieger von 2012, Salomon Kalou, wurde verpflichtet, der Vizeweltmeister von 2010, John Heitinga, ebenso. Zudem noch der umworbene Valentin Stocker. Das hörte sich alles ganz wunderbar an. Doch nun muss Luhukays einen Großteil seiner Öffentlichkeitsarbeit darauf verwenden, gegen jene Klänge anzureden.

Schlechtester Saisonstart

Herthas Trainer muss erklären, warum die Berliner trotz der Transferoffensive mit neun – bisweilen namhaften – Zugängen nach einem Remis gegen Bremen (2:2) und zwei Niederlagen gegen Leverkusen (2:4) und nun gegen Mainz (1:3) so schlecht wie seit 20 Jahren nicht mehr in eine Saison gestartet sind. Er muss für Verständnis werben und droht doch nicht durchzudringen, weil all die Fragen nach den neuen Stareinkäufen lauter sind.

Warum ließ der Niederländer seinen neuen Stürmer Kalou nicht von Beginn an spielen? Warum musste der als neuer Abwehrorganisator angekündigte Heitinga zuschauen? Und weshalb stand Stocker wieder nicht im Kader – der teuerste Einkauf der Blau-Weißen seit sechs Jahren?

Luhukay reagiert zunehmend gereizt auf diese Fragen. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der oft die Realität nicht richtig gesehen wird“, sagte der 51-Jährige. Kalou sei angeschlagen von seiner Länderspielreise zurückgekommen und habe nur einmal richtig mit den neuen Kollegen trainieren können. Stocker habe noch körperliche Defizite. Und über Heitinga wollte Luhukay gar nichts sagen. Denkbar ist, dass er das Risiko scheute, mit Fabian Lustenberger und Heitinga (beide nur 1,80 Meter) eine körperlich zu kleine Innenverteidigung aufzubieten.

Elf Gegentore in vier Pflichtspielen

Luhukay befindet sich derzeit meist in Abwehrhaltung, weil er weiß, dass die Branche mit Verständnis sparsam umgeht. Und wenn er dann doch einmal in die Offensive geht, klingt das so: „Es wird mir viel zu viel über Kalou gesprochen. Aber für mich ist entscheidend, dass wir als Team funktionieren, und das tun wir noch nicht.“

Genauer betrachtet ist das aktuelle Gerede über Personalentscheidungen ohnehin eine Scheindebatte. Hertha hat im Herbst 2014 ganz andere Probleme. Vor allem ist etwas verloren gegangen, das unter Luhukay in den vergangenen zwei Jahren stets die große Stärke der Berliner war: die defensive Stabilität.

Neun Gegentore musste Hertha in den ersten drei Saisonspielen bereits hinnehmen – soviel wie keine andere Mannschaft in der Liga. Rechnet man die zwei Gegentore im Pokal gegen den Viertligisten Viktoria Köln (4:2) dazu, dann sind es schon elf in vier Spielen.

„Im Moment ist es viel zu einfach, gegen uns Tore zu erzielen“, sagte Rechtsverteidiger Marcel Ndjeng, der allerdings am entscheidenden 0:2 für Mainz selbst seinen Anteil hatte. „Wenn wir in jedem Spiel drei Gegentore kassieren, können wir nicht gewinnen. Das müssen wir schnell abstellen“, sagte Kapitän Lustenberger.

Die alte Stärke ist die neue Schwäche

Noch in der vergangenen Saison unterhielt Hertha eines der defensivstärksten Teams der Liga. Nur zwei Mannschaften ließen weniger Torschüsse zu, nur sechs weniger Gegentreffer. Die seriöse Abwehrarbeit war das Fundament einer insgesamt ordentlichen ersten Spielzeit nach dem Wiederaufstieg.

Dass sie am Ende nicht auch noch die Erwartungen übertraf, lag an der Offensive: Nur drei Teams hatten eine schlechtere Chancenverwertung, nur drei erzielten weniger Treffer. Nun allerdings haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Hertha trifft vorn (fünf Tore), doch das Fundament ist löchrig geworden.

„So viele Tore können wir gar nicht schießen, um zu gewinnen, wenn wir so viele Gegentreffer bekommen. Wir müssen konsequenter sein und die Naivität ablegen“, forderte Luhukay.

In Freiburg unter Druck

Weil die Blau-Weißen noch nach der Balance zwischen Angriff und Defensive fahnden, sind sie dabei, früh in der Saison in die erste mittelschwere Krise zu rutschen. Die Zweifel, welche die schwache Rückrunde der vergangenen Spielzeit mit nur 13 Punkten aus 17 Partien hinterlassen haben, konnten bisher nicht vertrieben werden. Das große Getöse um die vielen klangvollen Zugänge entpuppt sich darüber hinaus vorerst als wenig zuträglich.

„Wir haben uns den Saisonstart auch anders vorgestellt. Jetzt müssen wir nach vorn gucken“, sagte Nico Schulz, der gegen Mainz noch einer der besseren Berliner war. Weit schauen muss er nicht: Schon am Freitag tritt Hertha in Freiburg an und trifft auf einen Klub, der in einer vergleichbar schlechten Situation steckt. Die Breisgauer haben ebenfalls erst einen Punkt geholt und – das könnte Hertha Mut machen – bisher erst ein einziges Tor erzielt.