Bundesliga

Warten auf den „Valentinstag“ bei Hertha

Königstransfer Valentin Stocker hat noch keine Minute in der Bundesliga gespielt. Der Schweizer Nationaltrainer Petkovic kritisiert Hertha. Manager Preetz sagt: „Alles ist mit Valentin abgesprochen“.

Foto: Steffen Schmidt / dpa

Vom neuen Hertha-Star wird jede Regung registriert. Das Selfie vor dem Olympiastadion „Ich bin der neue Prinz von Berlin“ von Salomon Kalou haben inzwischen 5000 Nutzer favorisiert. Offen ist indessen, ob alle das Samuel-Beckett-Zitat registiert haben, das Kalu verwendet hat: „Immer probiert, immer gescheitert, macht doch nichts. Versuche es wieder. Scheitere noch mal und scheitere besser.“

Ein wenig aus dem Blickfeld verschwunden ist im Rummel um Kalou der Königstransfer von Hertha BSC in diesem Sommer. Auch wenn Kalou mit einem Jahressalär von bis zu drei Millionen Euro klar der Topverdiener bei Hertha ist: Die teuerste Erwerbung war Valentin Stocker. 3,12 Millionen Euro überwies der Hauptstadt-Klub an den FC Basel. Eine Summe dieser Größenordnung hatte Hertha zuletzt im Januar 2008 ausgegeben, als Raffael für 4,3 Millionen Euro vom FC Zürich kam.

Null Minuten Einsatzzeit

Mittlerweile hat Hertha drei Pflichtspiele in der neuen Saison absolviert: In der ersten Runde des DFB-Pokals bei Viertligist Viktoria Köln (4:2), dazu die ersten Bundesliga-Runden gegen Werder Bremen (2:2) und Bayer Leverkusen (2:4). 270 Minuten – davon stand Valentin Stocker auf dem Platz: null Minuten.

Um bei Beckett zu bleiben: Stocker ist bei Hertha noch in der Phase des Probierens. In der Heimat sorgte dieser Zustand zunächst für Häme. Bei seinem Abschied aus der Schweiz hatte Stocker im Sommer gesagt, er habe sich in der Super League „manchmal unterfordert“ gefühlt. Als er gegen Regionalligist Viktoria Köln nicht im 18er-Kader stand, fragte der Schweizer Boulevard scheinheilig: Stocker bei Hertha BSC überfordert?

Es ist nicht bekannt, ob Stocker Groundhopper-Punkte sammelt. Aber der Offensivspieler hatte sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, dass seine erste Einsätze in Deutschland Spiele mit der U23 von Hertha gegen den VfB Auerbach (6:0) und gegen Viktoria 1889 (1:2) werden würden.

Kritik vom Schweizer Trainer

Mittlerweile hat sich die Stimmung in der Schweiz gedreht. Vladimir Petkovic, Nachfolger von Ottmar Hitzfeld als Schweizer Nationaltrainer, kritisierte die Verantwortlichen von Hertha BSC. Bei der Vorstellung seines Kaders zum Europameisterschafts-Qualifikationspiel gegen England (Montag in Basel) sagte Petkovic, dass er nur Spieler nominiere, die in ihren Vereinen auch spielen. „Bei unseren Herausforderungen brauche ich Männer.“

Aber bei Valentin Stocker habe er ein Ausnahme gemacht. Der Herthaner, der bisher 25 Länderspiele absolivert hat, steht im Aufgebot. Petkovic: „Ich wollte ein Zeichen setzten. Sicher, diese Umstellung von der Super League auf die Bundesliga ist nicht einfach. Aber wenn ich mir die Mannschaft von Hertha BSC anschaue, habe ich trotzdem wenig Verständnis. Valentin hat wohl mehr Champions-League-Spiele gemacht als die ganze Hertha-Mannschaft zusammen. Da kann man ihm doch auch ein bisschen mehr Vertrauen schenken. Zudem hat Hertha für Stocker viel Geld bezahlt, da verstehe ich auch nicht wirklich, wie man mit ihm umgeht. Aber er muss kämpfen.“

Bei Hertha löst die Kritik nur Schulterzucken aus. Stocker und John Brooks, die WM-Teilnehmer aus dem aktuellen Hertha-Kader, waren 26 Tage nach den Kollegen ins Training eingestiegen. Brooks kam mit dem Rückenwind seines guten Abschneidens im US-Team, zudem kennt der Berliner das Trainingsniveau seit Jahren. Folge: Brooks war bald dran und gab nach vier Wochen Training ein starkes Saisondebüt gegen Leverkusen.

Stocker hingegen war nach einer schwachen Halbzeit der Schweiz im ersten WM-Spiel (2:1 gegen Ekuador) daheim scharf kritisiert worden. Er wurde ausgewechselt und verbrachte den Rest der WM auf der Bank. Stocker ist ein schneller Offensivspieler, 1, 75 Meter groß und 65 Kilo leicht. Er verfügt trotz seiner erst 25 Jahre bereits über die Erfahrung von 63 Europacup-Einsätzen (34 Champions League, 29 Europa League). Dennoch staunte Stocker beim Start bei Hertha, seinem ersten Auslandsengagement: „Ich kämpfe mit drei Kollegen um eine Position.“ Über das Training sagte Stocker: „Sehr intensiv, jede Einheit bringt mich an meine Grenzen.“

Aufbauprogramm für Stocker

Deshalb lässt Hertha-Manager Michael Preetz die Kritik vom Schweizer Nationaltrainer Petkovic nicht gelten. Natürlich vertraue Hertha auf Stocker. Alles, was derzeit passiere, sei abgesprochen. „Valentin hatte körperliche Defizite. Er wird Einheit für Einheit aufgebaut.“ Deshalb die Einsätze in der U23. „Es gibt einen klaren Austausch mit dem Jungen“, so Preetz. „Die Erwartungen an Valentin sind wegen der Ablöse hoch. Der Trainer will Valentin dann einsetzen, wenn er im Bundesliga-Wettbewerb bestehen kann.“

Eigentlich sollte Stocker nach der Länderspiel-Pause reif für die Liga sein. „Wir hätten Valentin gern in diesen 14 Tagen zum Training in Berlin gehabt“, sagte Preetz. „Aber die Einladung zur Nationalmannschaft ist gut fürs Selbstbewusstsein.“ Nur hoffen sie in Berlin, dass Petkovic das Vertrauen gibt, das er lautstark von Hertha einfordert – und Stocker gegen England aufstellt.