Bundesliga

Hertha zeigt viel Gutes - und lässt die Punkte wieder liegen

Niederlage im zweiten Saisonspiel: Im Rheinland verlieren die Berliner gegen Bayer Leverkusen 4:2 (0:1) - trotz zweimaliger Führung. Hertha-Trainer Jos Luhukay musste auf sieben Spieler verzichten.

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John Heitinga schüttelte nach dem Schlusspfiff den Kopf: „Vier Gegentore in einer Halbzeit, das darf uns eigentlich nicht passieren.“ Julian Schieber ist mit drei Treffern der erfolgreichste Torjäger der Bundesliga, „aber das interessiert mich gerade überhaupt nicht. Wir haben einen Riesenaufwand betrieben und fahren mit leeren Händen nach Hause.“ Hertha BSC unterlag in einer gutklassigen und turbulenten Partie Bayer Leverkusen mit 2:4 (1:0).

So war es am Ende nichts wert, dass die Berliner die erste Stunde bei der derzeit spektakulärsten deutschen Mannschaft bestimmte. Hertha-Trainer Jos Luhukay musste nicht nur auf diverse Verletzungen reagieren, er schickte zum ersten Mal seine Mannschaft mit einer Fünfer-Abwehrkette auf den Platz.

Kapitän Fabian Lustenberger war erstmals seit Mitte Februar wieder dabei, Marcel Ndjeng war ebenso neu wie John Brooks und Johannes van den Bergh. Davor verteidigten Hajime Hosogai und Peter Niemeyer – und nichts war zu sehen von dem Hochgeschwindigkeitsfußball, den Bayer in den bisherigen Pflichtspielen gezeigt hatte.

Leverkusen zunächst fast ohne Chance

Leverkusen hatte in der ersten Hälfte zwar 70 Prozent Ballbesitz, aber so gut wie keine Chancen. Hertha spielte knallhart gegen Stefan Kießling & Co. Rune Jarstein, der den verletzten Stammtorwart Thomas Kraft ersetzte, bekam kaum etwas zu tun. Die Gäste verlegten sich auf wenige, aber brandgefährliche Konter. Schieber setzte sich auf der rechten Angriffsseite durch, seine scharfe Flanke bugsierte Leverkusens Tin Jedvaj ins eigene Netz, 1:0 (24.). Jarstein gelang eine wichtige Parade gegen Karim Bellarabi, dessen Lupfer der Hertha-Torwart aus der Luft fischte (39.).

Nach der Pause ließ sich Hertha auch vom Ausgleich nicht beeindrucken, Jedvaj entwischte van den Bergh, umkurvte Torwart Jarstein, 1:1 (50.). Die Berliner blieben selbstbewusst, spielten nach vorn. Nico Schulz setzte sich im Strafraum durch, seine Flanke erwischte Torwart Bernd Leno nur mit einer Faust, den Abpraller nickte Schieber aus vier Metern ins leere Tor, 2:1 (60.). Die Schlüsselszene dieses Nachmittags ergab sich 100 Sekunden später. Hertha ließ sich bei einem Bayer-Freistoß düpieren, am langen Pfosten stand Emir Spahic frei und köpfte zum 2:2 ein. „Wir haben da mitgeholfen“, haderte Hertha-Trainer Jos Luhukay, „es ist schade, dass wir die Führung nicht länger verteidigen konnten. Bayer hat dann sehr, sehr viel Druck gemacht.“

Nun spielten die Hausherren von 27.819 Zuschauern voll auf Sieg. Hertha versuchte die Defensive zu stabilisieren. Aber auch Marvin Plattenhardt, der für van den Bergh kam, konnte nicht verhindern, dass der antrittsschnelle Bellarabi gleich drei Berliner austanzte und den Ball an den rechten Pfosten jagte. Der Abpraller landete bei Bayers Supertalent Julian Brandt, der aus neun Metern hoch einschoss, das 2:3 (74.).

Wagner mit neuem Angriffsschwung

Hertha wollte sich aber noch lange nicht geschlagen geben, Sandro Wagner brachte neuen Angriffsschwung. Wie erbittert Leverkusen verteidigte, zeigten zwei Abwehraktionen von Bayer-Torjäger Kießling, der gegen Brooks und Schieber den möglichen Ausgleich verhinderte. Hertha drückte, Leverkusen konterte. Und die derzeit wohl spielstärkste Mannschaft in Deutschland hatte sich den schönsten Spielzug bis zum Schluss aufgehoben. Auf der linken Seite lief Hakan Calhanoglu allen davon, schaute und flankte über Herthas Abwehrchef Heitinga hinweg auf Bellarabi, der den Ball volley nahm, gegen die Laufrichtung von Torwart Jarstein schlug es unten links im Hertha-Tor ein: 2:4, nach 86 Minuten war die Partie entschieden.

„Das war ein schwieriges Spiel für uns“, sagte Bayer-Trainer Roger Schmidt. „Wir sind auf einen Gegner getroffen, der hervorragend organisiert war. Dieses Spiel wird uns nach vorne bringen, weil Hertha das richtig gut gemacht hat.“ Hertha-Trainer Luhukay gratulierte Leverkusen „zu einem verdienten Sieg. Es war über 90 Minuten ein mitreißendes Spiel“. Er war stolz auf die Einstellung und Willenskraft, die sein Team gezeigt hatte. „Meine Mannschaft war mental etwas verunsichert nach den vielen Verletzungen vom Beginn dieser Woche. Über eine Stunde haben wir vieles richtig gemacht. Wir können vieles Gutes mitnehmen, leider nur kein Ergebnis. Das ist bitter.“

Zweiter Ausgleich fällt zu schnell

John Brooks, der sich packende Duelle mit Kießling und Bellarabi lieferte, sagte: „Es war ärgerlich, dass wir unsere 2:1-Führung so schnell hergegeben haben. Aber die Mannschaft hat eine kämpferisch absolut starke Leistung geboten.“ Auch Heitinga lobte den Teamspirit. „Wenn wir diese Einstellung die ganze Saison über zeigen, bin ich sehr zuversichtlich.“

Auf dem Papier hingegen hat Hertha nach den ersten beiden Saisonpartien nur einen Zähler auf dem Konto. Ehe es nach der Länderspiel-Pause im heimischen Olympiastadion gegen den FSV Mainz geht, soll der Kader personell noch aufgerüstet werden. Heute, spätestens morgen, sollen die Verpflichtungen von Stürmerstar Salomon Kalou (vom OSC Lille) und Per Skjelbred (vom HSV) finalisiert werden.

Die Partie im Minutenprotokoll