Bundesliga

Hertha freut sich beim Saisonstart gegen Bremen viel zu früh

Bis zur 52. Minuten führten die Berliner beim Bundesliga-Auftakt gegen Bremen 2:0. Doch innerhalb von Minuten drehten die Bremer die Partie zum 2:2-Endstand. Julian Schieber traf doppelt für Hertha.

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Es gab Zeiten, da war Thomas Kraft eher ein zorniger Vertreter seiner Spezies – zumindest dann, wenn dem Stammtorwart von Herthas BSC ein Patzer unterlaufen war. Dann stampfte er wütend durch die Interview-Zonen der Stadien dieser Republik. Und wenn er wider Erwarten doch einmal stehen blieb, um sich Fragen zu seinem Malheur anzuhören, blockte er sie meist auch gleich mit einer ruppigen Antwort ab. Selbstkritik, zumindest öffentlich vorgetragene, war nicht die Lieblingsübung des ehrgeizigen Keepers.

Allzu viele Fehler sind Kraft ohnehin nicht unterlaufen. Viele Anlässe zum Üben jener selbstkritischen Töne gab es also nicht. Gegen Schalke in der Vorsaison und gegen den FC Bayern, da patzte Kraft, war danach zornig und wenig einsichtig. In der Rückrunde allerdings: kein einziger Fehlgriff.

Bei Herthas 2:2 (1:0) zum Start der Bundesligasaison gegen Werder Bremen vor 59.672 Zuschauer im Olympiastadion allerdings griff Kraft einmal daneben. Nach einem Freistoß der Norddeutschen lief der 26-Jährige aus seinem Tor, verpasste den Ball, den dann Werders Verteidiger Assani Lukimya zum Anschluss ins Netz köpfte (53.). Eine Schlüsselszene.

Hertha kann nicht zufrieden sein

Das Spiel, das die Berliner zuvor durch zwei Tore des aus Dortmund neu verpflichteten und hervorragend aufgelegten Angreifers Julian Schieber (16., 47.) komplett im Griff hatten, kippte. Nur zwei Minuten später gelang Franco di Santo der zu diesem Zeitpunkt völlig überraschende Ausgleichstreffer. Hertha startet mit einem Unentschieden in diese 52. Bundesligasaison und kann damit nach dem Spielverlauf nicht zufrieden sein.

„Wir empfinden das Ergebnis als zwei verlorene Punkte“, sagte zum Beispiel Michael Preetz, Manager der Blau-Weißen. „Nach 2:0-Führung müssen wir den Sack einfach zumachen“, sagte Peter Niemeyer und verwies darauf, dass auch schon beim 4:2 gegen Viertligist Viktoria Köln im DFB-Pokal vor einer Woche ein sicher geglaubtes Spiel fast noch aus der Hand gegeben wurde.

Kraft zeigt sich ungewohnt selbstkritisch

Während man nun erwartete, dass Kraft tut, was er zuvor immer tat bei eigenen Missgeschicken, präsentierte der Keeper überraschend ein völlig neues Gesicht: „Das wir dieses Spiel noch aus der Hand gegeben haben, ist sehr, sehr ärgerlich. Wir haben die Bremer durch eine Standardsituation wieder ins Spiel kommen lassen, bei der ich nicht gut aussehe“, sagte er ungewohnt selbstkritisch. Das Torwartleben, das weiß Kraft, ist ohnehin ein ziemlich undankbares. Denn dass er den Berlinern drei Minuten vor Abpfiff mit einer starken Parade gegen den deutschen U19-Europameister Davie Selke überhaupt das Remis rettete (87.), davon sprach hinterher niemand mehr.

Umso erstaunlicher war die ungewohnt herbe Kritik von Herthas Trainer Jos Luhukay an seinem Keeper: „Kraft muss das besser machen. Er muss konsequenter bei seinem Rauskommen sein. Nicht so zögerlich. Sonst kommt er eine Sekunde zu spät. Dieses Problem hatte er auch schon in der vergangenen Saison mehrfach“, sagte der Niederländer. Schon im Trainingslager in der SteiermarkWochen hatte Luhukay Krafts Rivalen um den Platz als Nummer eins, Rune Jarstein, auffällig gelobt und Kraft gewarnt: „Thomas sollte Rune als einen echten Konkurrenten wahrnehmen.“

Neue machten positiv von sich reden

Für Kraft war jener Sonnabendnachmittag gegen Bremen also unglücklich – und für Hertha am Ende ebenso. Denn bis auf die zwei Minuten, in denen die Führung verspielt wurde, hatten vor allem die Neuen bei den Berlinern positiv von sich Reden machen können: Der Niederländer Roy Beerens, den Luhukay auf dem rechten Flügel aufbot, zeigte eine erfrischende Leistung, zog immer wieder mit Tempo zur Grundlinie, um dann gefährliche Flanken zu schlagen. So fiel das 1:0, als Beerens von Nico Schulz geschickt wurde und dessen feine Hereingabe Julian Schieber mit dem Kopf vollendete. Schieber war auch beim zweiten Treffer zur Stelle, als Genki Haraguchi – noch so ein Zugang, der zu gefallen wusste – in den Bremer Fünfmeterraum flankte und der 25 Jahre alte Stürmer nur noch abstauben musste.

„Wir hatten viele positive Momente durch unsere Offensivabteilung Roy, Genki und Julian“, sagte Luhukay. Schon in der ersten Halbzeit wirbelte das Trio die Bremer Abwehr durcheinander. Beerens schoss nach einem Sololauf im Strafraum vorbei (21.), Schieber scheiterte Sekunden darauf nach feiner Vorarbeit des agilen Ronny allein vor Bremens Schlussmann Raphael Wolf (22.). Haraguchi setzte später einen Kopfball über das Gebälk (39).

Ordnung in der Mannschaft verloren

Nach dem Ausgleich war Herthas Spielfreude dahin. „Da haben wir plötzlich die Ordnung in der Mannschaft verloren. Daran müssen wir arbeiten“, sagte Schieber. Einmal lag der Ball zwar noch im Bremer Tor, doch den Kopfballtreffer vom neuen Abwehrmann John Heitinga gab Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer wegen Foulspiels regelkonform nicht. Einmal aber lag Kinhöfer daneben, als Bremens Linksverteidiger Santiago Garcia Herthas Hajime Hosogai ins Gesicht griff – eine Tätlichkeit, die Kinhöfer nur mit Gelb bestrafte (52.).

Am Ende konstatierten Luhukay und viele seiner Spieler, dass man zwar eine Menge vielversprechender Ansätze gesehen habe, sich aber unnötiger Weise um den verdienten Sieg gebracht hatte. „Das Spiel hat für mich daher auch einen unguten Geschmack“, sagte Luhukay. Der unglückliche Thomas Kraft dürfte ihm da zustimmen.