Sandro Wagner, 26, und Julian Schieber, 25, wirken sehr gelassen. Von Konkurrenzkampf ist während dieses Gesprächs jedenfalls überhaupt nichts zu spüren.
Dabei kämpfen beide nach einer nicht gerade optimal verlaufenen Vorsaison gegeneinander um einen Platz im Angriff von Hertha BSC beim Start in die neue Bundesliga-Saison (ab 23. August).
Die Stürmer sprechen nach dem ersten gemeinsamen Trainingslager in Marienfeld (Ostewestfalen) darüber, was Hertha vom deutschen Weltmeister-Team lernen kann, über ihre persönliche Karriereplanung und über Weihnachtsbäume.
Berliner Morgenpost: Herr Schieber, sie haben für einen Profifußballer ein ausgefallenes Hobby. Sie züchten Zierfische. Ist Ihr Aquarium schon mit nach Berlin gezogen?
Julian Schieber: Nein, noch ist es nicht da. Das ist ganz schön schwer. Aber in den nächsten Wochen kommt es. Ich habe südamerikanische Buntbarsche aus dem Amazonas-Gebiet.
Sandro Wagner: Ich habe keine Hobbys. Nur Fußball.
In der vergangenen Saison hätten Sie beide theoretisch viel Zeit für Hobbys gehabt, weil Sie beide nur auf wenig Einsatzminuten kamen. Wie gehen Sie damit um?
Wagner: Wie jedes Jahr. ich versuche, in der Vorbereitung Gas zu geben und meine Chancen zu nutzen. Wir haben gute Spieler hinzubekommen. Aber es ist noch zu früh, um darüber zu sprechen, weil wir noch sehr zeitig in der Vorbereitung sind. Doch ich gebe mein Bestes. Wie in der Vergangenheit.
Schieber: Bei mir ist es ähnlich wie bei Sandro. Gerade im vergangenen Jahr war die Entwicklung nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Deshalb war der Vereinswechsel eine Lösung. Aber auch bei Hertha ist der Konkurrenzkampf groß. Sandro ist ein ähnlicher Spieler wie ich.
Der Blick auf die Einsatzminuten ist auch nur sehr oberflächlich. Sie waren beide in 29 von 34 Bundesligaspielen der Saison 2013/14 im 18-Mann-Kader.
Wagner: Fußball ist eben immer noch ein Teamsport. Wir brauchen eine große Mannschaft, um über die Saison auch Ausfälle kompensieren zu können. Am Ende können nur elf spielen. Da muss man im Hintergrund dafür sorgen, keine negative Stimmung zu entwickeln, sondern positiv zu bleiben und zu warten.
Muss man nicht prinzipiell von der Fixierung auf eine Stammelf weg?
Schieber: Das beste Beispiel dafür ist die Nationalmannschaft in Brasilien bei der WM gewesen. Die Spieler sagen es ja in den Interviews, dass sie über das Kollektiv gekommen sind. Jeder Ersatzmann war da und bereit. So kommt es zu diesem Teamgeist, und so kam auch der Erfolg zustande. Das gilt dann auch für uns bei Hertha, die wir nicht zu den Topfavoriten in der Bundesliga gehören. Wir müssen über das Team kommen.
Wagner: Nicht nur die erste Elf ist wichtig. Wenn die anderen schlechte Laune verbreiten und die Stimmung verpesten, läuft es auch für die elf Spieler auf dem Platz nicht mehr.
Sie standen beide in der vergangenen Saison bei ihren Klubs im Schatten sehr dominanter Stürmer, Wie gehen Sie jetzt mit dem Konkurrenzkampf auf Augenhöhe um? Teilen Sie sich ein Zimmer?
Schieber: Nein, wir teilen uns kein Zimmer im Hotel. Ich wollte. Aber er wollte nicht. (lacht)
Wagner: Da wäre der Konkurrenzkampf schon im Zimmer losgegangen. Dem wollte ich vorerst entgehen. (lacht) Aber im Ernst. In der vergangenen Saison hat der Trainer klar gesagt, dass Ramos sein Stürmer Nummer eins ist. Ich bin trotzdem zu vielen Einsätzen gekommen und habe der Mannschaft geholfen. Auch, wenn es gerade kein Tor gab. Julian ist ein guter Spieler. Und das ist wichtig für uns. Die Rückrunde in der vergangenen Saison hat doch gezeigt, was uns erwarten wird.
Und es soll ja noch ein weiterer Stürmer kommen.
Wagner: Ja, Luis Suarez. Den wollten wir, aber das hat leider nicht geklappt. (lacht)
Im Ernst: Haben Sie Befürchtungen, dass sich die Situation aus dem Vorjahr für beide wiederholt?
Wagner: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Das würde mich nicht weiterbringen.
Schieber: Sehe ich auch so.
Sie polarisieren auch bei Fans. In der Wahrnehmung scheint es nicht viele Grautöne bei Meinungen über Sie zu geben. Entweder sie werden gemocht oder nicht.
Wagner: Das ist bei mir schon seit Anfang meiner Karriere so. Jetzt bin ich in meiner achten Profisaison. So bin ich: Bei mir gibt es nur ganz oder gar nicht. Aber ich verstelle mich auch nicht. Ich gehe nicht auf diejenigen zu, die mich nicht mögen. Deshalb entschuldige ich mich auch in sozialen Netzwerken nicht, wenn wir verloren haben oder ich das Tor mal nicht treffe. Da ziehe ich meinen Stiefel durch. Ich weiß, dass viele sich daran reiben, weil ich nicht der kleine, filigrane Angreifer bin. Sie denken, ich könnte das nicht genauso gut. Aber damit finde ich mich ab. Mich bringt das nicht aus der Ruhe.
Schieber: Fußball hat so viele Kritiker. Wir sind Teil eines medial vermarkteten Produkts, bei dem der eine beliebter ist als der andere. Aber das darf man nicht so an sich heranlassen. Ich bin ein Spieler, der über den Einsatz kommt und gebe bis zum Schlusspfiff alles. Das ist das Wichtigste.
Sie sind beide in der Mitte Ihrer Karriere. Haben Sie einen Plan, wo es noch hingehen soll? Wie würden Sie den aktuellen Stand beschreiben?
Wagner: Ich finde es schwierig, mich jetzt in eine Schublade wie „etablierter Bundesligaspieler“ einzusortieren. Es ist okay so, wie es jetzt ist. Ich habe keinen Zehnjahresplan aufgestellt. Man ist von so vielen Faktoren abhängig, dem eigenen Körper, dem Trainer. Es gibt viele, die planen das. Ich mache das nicht.
Schieber: Aktuell? Ich hatte spielerisch ein schwieriges zweites Jahr in Dortmund. Aber trotzdem waren es zwei wunderschöne Jahre, vielleicht die besten in meiner Karriere bisher. Auf extrem hohen Niveau in einer Mannschaft und dazu zwei Endspiele, einmal Champions League und einmal DFB-Pokal. Leider beide verloren, aber trotzdem war das eine riesige Erfahrung.
Herr Wagner, auf der Fanmeile präsentierte das Nationalteam den Weltmeisterpokal. Mit sechs Spielern haben sie noch vor fünf Jahren die U21-Europameisterschaft gewonnen. Neuer, Höwedes, Boateng, Hummels, Khedira und Özil.
Wagner: Das ist einfach wunderschön für die Jungs. Dem kann ich fast gar nichts hinzufügen. Kontakt habe ich allerdings nur noch zu Mats Hummels ab und zu, weil er wie ich aus München kommt.
Herr Schieber, eine Frage zum Schluss. In Stuttgart haben Sie Ihren Teamkollegen Weihnachtsbäume aus der Baumschule Ihrer Eltern vermittelt. Haben Sie in Berlin schon eine Liste herumgehen lassen?
Wagner: Darauf warte ich noch. (lacht)
Schieber: Nein, dafür ist der Anfahrtsweg einfach zu weit. Das würde sich nicht lohnen.
Wagner: Ich hole ihn auch ab.
Schieber: Ich sage es mal so: Wenn jemand eine Frage zu Weihnachtsbäumen hat, kann er sich gerne an mich wenden. Ich habe definitiv einen grünen Daumen.

