Selbstmord

Der Berliner Fußball trauert um Andreas Biermann

Seit Jahren litt der frühere Spieler von Hertha und Union an Depressionen. Jetzt hat er den Kampf gegen diese Krankheit verloren. Andreas Biermann wurde nur 33 Jahre alt. Er hinterlässt zwei Kinder.

Foto: Stephan Rumpf / pa/Süddeutsche

Torsten Mattuschka lehnt am Pult der Rezeption, die Einlass zur Haupttribüne des Stadions an der Alten Försterei gewährt. Sein Blick geht ins Leere, seine Stimme ist leise als er spricht. „Das ist eine Tragödie“, sagt Mattuschka. Fassungslosigkeit ist wohl der Begriff, der am ehesten die Gefühlslage des 33-Jährigen umschreibt, in der er sich in diesem Moment befindet. Statt über den Sport zu reden, die ersten Trainingswochen unter dem neuen Trainer Norbert Düwel zum Beispiel, ist es ein Unglück, das die Gedanken des Kapitäns des 1. FC Union in diesen Momenten am Sonntagmittag bestimmt: der Tod von Andreas Biermann.

Wie Mattuschka 33 Jahre alt, setzte der ehemalige Spieler von Hertha BSC, Union, Tennis Borussia und des FC St. Pauli offenbar seinem Leben selbst ein Ende. Günter Hagedorn, der Geschäftsführer der Spandauer Kickers, jenes Klubs, bei dem Biermann zuletzt aktiv Fußball spielte, wird in der „Bild am Sonntag“ wie folgt zitiert: „Es stimmt leider. Andreas hat sich umgebracht. Wir sind alle geschockt und tieftraurig.“ Seit gut zehn Jahren litt Biermann unter Depressionen. Den Kampf dagegen hat er am Freitag verloren.

„Hertha BSC, Vereinsführung, Gremien, Mitglieder und Fans sind in ihren Gedanken bei seiner Familie, den Angehörigen und Freunden“, hieß es auf der Homepage des Fußball-Bundesligisten. Unions Präsident Dirk Zingler fasste sein Mitgefühl in folgende Worte: „Er hat sich lange und mutig gegen seine Krankheit gestemmt, aber er konnte den Kampf nicht gewinnen. Wir sind geschockt und traurig. Unsere Anteilnahme und unser tiefes Mitgefühl gilt den Angehörigen von Andreas Biermann.“

„Wenn selbst die Kinder ihn nicht davon abhalten können...“

Mattuschka selbst erfuhr am frühen Sonnabendabend auf der Rückreise aus dem Trainingslager in Bad Brambach vom Tod seines ehemaligen Mitspielers. Beide trugen in der Regionalliga-Saison 2006/07 das Union-Trikot. „Benjamin Köhler hat es mir gesagt. Schon krass, wie verzweifelt man sein muss, mit 33 Jahren so eine Entscheidung zu treffen. Er hatte ja auch zwei Kinder, aber wenn selbst die ihn nicht davon abhalten können...“, erzählte Mattuschka. Nur verstehen, was passiert ist, konnte er nicht.

Fünf Jahre ist es her, als Andreas Biermann überhaupt erst bewusst wurde, dass er an Depressionen litt. Auslöser war der Suizid von Nationaltorhüter Robert Enke im November 2009 und die folgende Pressekonferenz von dessen Witwe Teresa Enke. „Als hielte sie mir einen Spiegel vor und würde über mich sprechen“, sagte Biermann damals – und ging an die Öffentlichkeit, trat in Talkshows auf, hoffte darauf, das Thema Depression zu enttabuisieren.

„Leider wird die Krankheit immer noch als Schwäche ausgelegt“, sagte Biermann seinerzeit. Er schrieb ein Buch, „Rote Karte Depression“, in dem er seine Erlebnisse mit der Krankheit zu verarbeiten hoffte und anderen Betroffenen Mut machen wollte. „Man hat gedacht, dass er das irgendwie in den Griff bekommt“, sagte Mattuschka, „leider hat er es nicht geschafft.“

Der Fußball gab ihm immer wieder Selbstvertrauen

Es war der Fußball, der Biermann immer wieder an das Leben glauben ließ. Hier holte er sich das Selbstvertrauen, das ihm als Jugendlicher im privaten Leben abhanden gekommen war. Rote Haare, schmale Statur – Biermann sah sich oft dem Spott anderer ausgesetzt. Nur auf dem Spielfeld fand er die Anerkennung außerhalb der Familie, die er benötigte.

Dass Biermann bereits zu seiner Union-Zeit an Depressionen litt, „hat man damals bei ihm nicht mitbekommen“, erzählte Mattuschka: „Wir haben gepokert, er war immer locker drauf, auch in der Kabine. Er war sicher ein ruhiger Typ, aber davon gibt es ja viele. Ich weiß auch nicht, ob es damals schon so schlimm und akut war.“ Es zählt zu den Eigenschaften bei Depressiven, dass sie in der Öffentlichkeit ihre Krankheit nahezu perfekt verbergen können. Deshalb ist es auch so schwierig, sie zu erkennen.

Wie weit das Problem bei Biermann schon fortgeschritten gewesen ist, zeigte sich bereits bei der Öffentlichmachung seiner Krankheit vor fünf Jahren. Seinerzeit gestand er, bereits zwei Suizidversuche unternommen zu haben. Ein dritter folgte im Februar 2012. Seine Profikarriere war zu diesem Zeitpunkt bereits Geschichte.

Nach seinem Bekenntnis verlor er seinen Job

„Menschlich war es damals der einzig richtige Schritt“, verriet Biermann in einem Interview im September 2011. Aber er musste auch erkennen: „Beruflich bereue ich mein Bekenntnis, ich habe dadurch meinen Job verloren.“ Rund fünf Monate später las man auf seiner Facebookseite: „Egal ob beruflich oder privat, momentan könnt’s nicht schlechter laufen.“ Biermann lebte inzwischen von seiner Frau und seinen Kindern getrennt. Und weiter: „Hat jemand eine Idee für mich, mir fällt leider nichts mehr ein. Die Suizidgedanken habe ich nach wie vor, ich fühle mich sehr schlecht.“ Ein Hilferuf, der ins Leere hallte.

Am Sonntag vor einer Woche ließ sich Andreas Biermann für das Spiel der Seniorenmannschaft der Spandauer Kickers entschuldigen. Auch erschien er nicht wie vereinbart, um seine Kinder von seiner Frau abzuholen, mit der er in Scheidung lebte.

Seine Schwester versuchte am vergangenen Mittwoch noch, über Facebook irgendeine Information einzuholen. „Hallo Ihr Lieben... Hat jemand seit Montag etwas von meinem Brüderchen gehört..?“ stand da geschrieben. Seit Freitag hat sie leider traurige Gewissheit.