Bundesliga

Hertha ist nun die schlechteste Mannschaft der Rückrunde

Hertha ist nur noch Punktelieferant. Seit nun acht Partien warten die Berliner auf einen Sieg. Nach der 1:2-Pleite in Leverkusen droht Manager Preetz seinen Spielern, „Erkenntnisse“ daraus zu ziehen.

Foto: Rolf Vennenbernd / AP

Sandro Wagner hatte sich verkleidet. Ein Trikot von Bayer Leverkusen hatte sich Herthas Angreifer verkehrt herum übergestreift, sodass man ihn zunächst nicht als Berliner Profi erkennen konnte. Und wenn man sich den 26-Jährigen so anschaute, konnte man das Gefühl bekommen, dass auch sein Gesicht irgendwie als Maskerade getragen wurde. Denn was Wagner in einer bemerkenswerten Deutlichkeit nach dem enttäuschenden 1:2 (1:2) gegen die Werkself zu sagen hatte, passte so gar nicht zu seinen ausdruckslosen Augen: „Wie wir angefangen haben,“, sagte Wagner, „so macht man sich ein Spiel kaputt.“

Man habe einen verunsicherten Gegner mit Nachlässigkeiten, die zu den frühen Toren von Stefan Kießling (nach nur 40 Sekunden) und Julian Brandt (24.) geführt haben, stark gemacht. Brandts Treffer war zudem ein historischer: Herthas 1000. Auswärts-Gegentor in der Bundesliga-Geschichte. Man habe sich „einfach dumm angestellt“, schimpfte Wagner: „So schenkt man das Spiel her.“ Dann ging er und schüttelte den Kopf.

Preetz droht der Mannschaft

Über sein eigenes Tor zum 1:2 (37.), das „uns noch einmal ein Fünkchen Hoffnung gegeben hat“, wie Herthas Trainer Jos Luhukay später sagte, konnte sich Wagner nicht freuen. Denn die Partie, sie war zu jenem Zeitpunkt bereits verloren. Im Schlafwagenmodus war Hertha gegen Bayer ins Spiel gegangen. Keine Minute war vergangen, da hatte sich Kießling schon davongestohlen, Giulio Donati scharf in den Strafraum geflankt, und Kießling völlig ungedeckt per Kopf aus fünf Metern zum frühen 0:1 vollstreckt (1.). „Schlechter kann ein Auswärtsspiel nicht anfangen. Wir haben das Spiel gar nicht aufgenommen. Das war frustrierend“, sagte Luhukay.

Dass seine Mannschaft vom frühen Rückstand geweckt wurde, kann man nicht behaupten. Nur zwei Minuten nach dem 0:1 hätte es 0:2 stehen können, als Sebastian Langkamps Kopfballabwehr genau auf dem Fuß von Conzalo Castro landete, dessen Volleyschuss aber hauchdünn am Pfosten vorbeistrich. Als dann Sebastian Boenisch aus 18 Metern das Lattenkreuz zum Wackeln und die 29.377 Zuschauer in der Bay-Arena zum Raunen brachte, mussten die Blau-Weißen zufrieden sein, dass es vorerst beim 0:1 blieb (19.). Leverkusen agierte im ersten Spiel nach der Entlassung von Trainer Sami Hyypiä und mit Interimscoach Sascha Lewandowski auf der Bank frischer – wie eine Mannschaft eben, für die es noch um das Erreichen des Saisonziels geht: die Teilnahme an der Champions League. Hertha dagegen wirkte zunächst wie ein Team, das nach dem erreichten Klassenerhalt nun dringend Urlaub nötig hat.

Zwar klatschte ein 20-Meter-Schuss von Änis Ben-Hatira abgefälscht an die Latte (23.), doch im direkten Gegenzug entblätterte ein langer Pass von Heung Min Son die komplette Berliner Defensive, sodass Brandt mit einem feinen Herber über Thomas Kraft im Hertha-Tor hinweg zum 2:0 erhöhen konnte (24.), erneut kam Johannes van den Bergh zu spät. „Wie wir da verteidigt haben, war einfach nur schlecht“, sagte Wagner.

Jene Anfangsphase geißelte Luhukay später als Grund dafür, dass Leverkusen verdient gewonnen habe: „Wir haben in den ersten 20 Minuten das Spiel verloren“, sagte der Niederländer. Manager Michael Preetz tat, was er bisher selten getan hatte in dieser Saison: Er kritisierte das Team deutlich: „Wir können nur gewinnen, wenn alle bereit sind, an die Grenzen zu gehen“, sagte Preetz. Was man ja nur tut, wenn man der Meinung ist, dass dies nicht geschehen ist. Preetz drohte seinen Spielern: „Wir ziehen unsere Erkenntnisse aus diesem und den vergangenen Spielen.“ Hertha wartet nun seit acht Partien auf einen Sieg, steht zwar dank der guten Hinserie mit 37 Punkten immer noch auf Tabellenplatz zehn, ist in der Rückrunde jetzt aber die schlechteste Mannschaft der Liga. „Wir wollen mit einem guten Gefühl in die Sommerpause gehen, dafür müssen wir aber mehr als eine Schippe drauflegen“, sagte Preetz.

Eine Schippe drauf packten die Blau-Weißen erst nach dem 0:2. Weil ohne den verletzten Stammstürmer Adrian Ramos aus dem Spiel lange nichts gelingen wollte, erinnerte sich der Aufsteiger an ein probates Mittel, dass zum bisher letzten Siegtreffer in Stuttgart geführt hatte: Freistoß des nach Gelbsperre zurückgekehrten Tolga Cigerci in den Strafraum, wo der Ramos-Ersatz Wagner frei hochstieg und zum 1:2-Anschluss einköpfte (37.).

Van den Bergh rettet auf der Linie

Zum zweiten Durchgang reagierte Luhukay, nahm den schwachen Ben-Hatira runter und brachte Nico Schulz über links. Später musste auch der überforderte Levan Kobiashvili in seinem 350. Bundesligaspiel vom Feld. Für ihn kam Offensivkraft Alexander Baumjohann. Doch bis auf zwei Gelegenheiten von Sami Allagui (62.) und Schulz (80.), wollte nichts mehr heraus springen. Zudem hatte Hertha Glück, als van den Bergh nach einem Eckball erst auf der Linie klärte (70.), und Schiedsrichter Tobias Stieler wenig später zwei mögliche Elfmeter verweigerte: Erst sprang van den Bergh der Ball im Strafraum an die Hand (72.), dann Langkamp (74.).

So blieb es bei der verdienten Niederlage. „Wir müssen das jetzt unbedingt schnell abhaken“, sagte Cigerci. „Wir haben noch vier Spiele, und die gilt es, vernünftig zu Ende zu bringen.“