Fußball

Herthas Spielemacher Baumjohann träumt von der Nationalelf

Alexander Baumjohann gilt nach seinem Comeback auf Schalke als Hoffnungsträger bei Hertha. Die Morgenpost sprach mit ihm über Karrierefallen und die Weltmeisterschaft in Brasilien.

Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Alexander Baumjohann kommt nach dem Training in bequemer Kleidung zum Interview. Zwei Wochen nach seinem Comeback auf Schalke ist der Mittelfeldspieler auch Hoffnungsträger für die Partie von Hertha an diesem Sonntag bei Bayer Leverkusen (15.30 Uhr). Nach seinem Kreuzbandriss wird der Spielmacher wohl noch nicht in der Startelf stehen. Aber Baumjohann verspricht Hertha – seit sieben Partien ohne Sieg – mehr Kreativität und Offensivpotenzial. Fragen zu seiner Karriere beantwortet Baumjohann, 27, noch mit verschränkten Armen. Die Haltung ändert sich, als es um die WM in der brasilianischen Heimat seiner Frau Tatiane und um seine Aktivität auf Twitter geht. Baumjohann rückt näher an den Tisch. Die defensive Körperhaltung weicht einem offenen, interessierten Eindruck.

Berliner Morgenpost: Herr Baumjohann, was geht in Ihnen vor, wenn Sie von sich als Hoffnungsträger lesen?

Alexander Baumjohann: Das ist mir nicht so wichtig. Ich lese privat wenig Zeitung. Ich bin generell niemand, der sich morgens alles durchliest, was geschrieben wird. Ich bin einfach froh, jetzt wieder bei der Mannschaft zu sein und genieße jede Minute, die ich spielen kann.

Auf Ihren früheren Stationen wurden Ihnen häufig Labels angeheftet. Auf Schalke hieß es, sie seien der neue Michael Ballack. Beim FC Bayern wurde gefragt, ob Sie wie Jan Schlaudraff scheitern oder sich wie Hasan Salihamidzic durchsetzen würden.

Als junger Spieler ist es schwierig, damit umzugehen. Wenn man von allen Seiten hört, man sei das Jahrhunderttalent und hätte eine riesige Zukunft vor sich, braucht man die volle Unterstützung des Vereins. Bekommt man sie nicht, wird es schwer, selbst alles richtig einzuschätzen.

Sie hatten diese Situation. Im August 2008 wurde Ihr erstes Bundesligator für Mönchengladbach gleich zum Tor des Monats gekürt. Was ist da auf Sie eingestürzt?

Ich wollte nicht irgendetwas beweisen. Ich habe versucht, mich nicht davon beeinflussen zu lassen, wenn jemand mich als neuen „Irgendwen“ bezeichnet hat. Komplett fernhalten kann ich das natürlich nicht. Denn meine Familie oder Freunde lesen mehr als ich. Dann werde ich mit solchen Themen konfrontiert.

Nervt es Sie, wenn ein bestimmtes Bild von Ihnen transportiert wird?

Eigentlich nicht, weil ich das nicht an mich heranlasse. Aber ich weiß natürlich, dass Trainer einen großen Einfluss auf öffentliche Meinung haben. Da hatte ich auf Schalke Zeiten, in denen ich mich zu Unrecht kritisiert fühlte oder zur U23 geschickt wurde. Das sieht dann von außen aus, als hätte ich etwas gemacht. So machen sich die Leute ein Bild von mir. Dann heißt es, ich sei ein schwieriger Typ.

Ihr Trainer Jos Luhukay hat Sie in Ihrer Zeit in Gladbach auch kritisiert. Er sagte damals über Sie: Allein ein guter Fußballer zu sein, reicht nicht. Dazu gehören auch Professionalität und Ernsthaftigkeit.

Das war eine andere Situation als heute. Ich war jung und habe bestimmt auch nicht alles richtig gemacht. In dem Alter macht man Fehler, und es fehlte vielleicht die nötige Ernsthaftigkeit. Mir hängt das bis heute nach. Ich muss mich bei jedem neuen Klub rechtfertigen und kann nur sagen: Ich bin kein schwieriger Typ. Einmal in dieser Schublade, komme ich da nur schwer heraus.

Die Erzählungen über Alexander Baumjohann gleichen sich häufig. Es heißt dann, er hätte ein Großer werden können, sei aber immer wieder gescheitert.

Ich würde nicht sagen, dass ich überall gescheitert bin. Natürlich hätte ich mein Leben lang für Borussia Mönchengladbach spielen können. Aber ich habe die Herausforderung gesucht. Ich habe es bei Bayern München versucht. Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich dort zum falschen Zeitpunkt war. Ich wurde von Jürgen Klinsmann verpflichtet, der nicht mehr da war, als ich gekommen bin. Da war auch ein bisschen Pech dabei.

Sie waren U21-Nationalspieler, für die A-Nationalmannschaft hat es bis jetzt noch nicht gereicht. Denken Sie etwas wehmütig an die Weltmeisterschaft? Ihre Frau ist Brasilianerin, es wäre so etwas wie eine Heim-WM für Sie.

Wer weiß, wenn ich mich nicht verletzt hätte. Vielleicht hätte ich 15 Tore geschossen und hätte 25 vorbereitet. Dann wäre ich bestimmt ein Thema gewesen. Aber das ist Gedankenspielerei. Es wäre natürlich ein Traum, für die Nationalmannschaft zu spielen. Aber ich schlafe nicht schlecht, wenn es nicht klappt.

Sie sind oft in Brasilien, vor allem in Belo Horizonte, wo sechs Turnierspiele stattfinden. Sind Sie als Zuschauer bei der WM?

Nein, wir werden zu der Zeit gar nicht in Brasilien sein. Wir sind alle sechs Monate dort und haben auch eine Wohnung in Belo Horizonte, wo die gesamte Familie meiner Frau wohnt. Im vergangenen Jahr waren wir beim Confed-Cup. Dort gab es Unruhen, Chaos und Gewalt auf den Straßen. Das wollen wir nicht noch einmal miterleben.

Ist das während der WM zu erwarten?

Ich glaube, dass alles sehr schön sein wird. Jedenfalls wenn man das Ereignis aus weiter Entfernung betrachtet. Aber es wird wenig davon ans Licht kommen, wenn vor Ort gegen die Weltmeisterschaft demonstriert wird. Es wurden auch spezielle Gesetze erlassen, um solche Unruhen zu verhindern. Aber man muss das verstehen. Es ist jetzt schon die teuerste WM aller Zeiten, die Stadien sind viel teurer als geplant, alles wird vom Staat bezahlt. Die Leute fragen sich natürlich, warum nicht besser in Krankenhäuser, Schulen und Infrastruktur investiert wird. Gewalt muss man ablehnen, aber man muss auch die Bevölkerung verstehen.

Kann sich trotz dieser Vorzeichen ein Hype entwickeln, wie das etwa in Deutschland bei der WM 2006 der Fall war?

Die Stimmung wird sehr abhängig davon sein, was die brasilianische Nationalmannschaft leistet. In Brasilien sind die Menschen viel emotionaler und stehen noch mehr hinter dem Team. Sollte sie in der Vorrunde ausscheiden, wird die Stimmung natürlich kippen. Denn alle erwarten den Weltmeistertitel.

Ist das für Sie eine Option, mal in Brasilien zu spielen? Die Familie Ihrer Frau hält es in Belo Horizonte mit Atletico Mineiro.

Stand heute eher nicht. Vor allem, weil ich mir nicht vorstellen kann, meinen Familienwohnsitz in Brasilien zu haben. Ich fühle mich wohl hier, auch meine Frau möchte nicht zurück. Gerade mit unseren beiden Kindern ist es hier sicherer. Dann ist die Struktur in Deutschland, was die Schulen angeht, besser. Aber der brasilianische Fußball reizt mich schon. Wenn wir dort sind, schaue ich mir Spiele im Stadion an. Die Stimmung ist überragend. Das ist schon komisch: Einerseits würde ich dort gerne spielen, aber eher nicht dort leben.

Sie sind seit mehreren Jahren auf Twitter aktiv. Es heißt, Sie seien nicht ganz unschuldig an der Netzberühmtheit Ihres ehemaligen Teamkollegen Hans Sarpei.

Das war ein Spaß. Ich hatte vor drei Jahren in der Sommerpause gefragt, was es Neues auf Schalke gibt. Er antwortete, ich müsse nach Wolfsburg gehen. Dort war unser ehemaliger Trainer Felix Magath Coach. Ich antwortete: Damit macht man keinen Spaß. Das ist nicht lustig. Das war witzig. Manche Medien haben das tatsächlich ernst genommen. Ich bin froh, dass ich Hans damit zu einer Karriere nach dem Fußball verholfen habe. Das war vielleicht die Initialzündung dafür.

Auf Twitter stehen Sie voll in der Öffentlichkeit.

Genau das finde ich gut. Facebook nutze ich seit Jahren nicht mehr. Twitter ist transparent. Man kann als Fan einfach mit den Fußballern unterwegs sein und bekommt einen Einblick in das Leben eines Fußballers. Als kleiner Junge war ich total fußballverrückt und hätte mir so etwas wie Twitter gewünscht, wo ich mir Fotos von Fußballern hätte anschauen können. Dann wäre ich da jedem Profi gefolgt.

Sie machen aber nicht nur Öffentlichkeitsarbeit für sich, sondern haben sich auch mal über ein Restaurant beschwert, das Kinder als störend empfindet.

Ich finde, dass Twitter eine gute Plattform ist, seine Meinung zu sagen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich Fußballer bin. Ich finde es gut, wenn man seine Erfahrungen, auch wenn sie negativ sind, schreiben kann.

Würde eine Agentur den Account betreiben, hätte sie Ihnen von dieser Kritik abgeraten.

Ja. Aber dann wäre das nicht mehr authentisch. Ich würde niemals jemanden beauftragen, das für mich zu machen. Twitter und auch Instagram sollten authentisch sein. Sonst hat es keinen Sinn.

Viel-Twitterern wird gern unterstellt, sie hätten nichts zu tun und seien geschwätzig.

Das Vorurteil kenne ich. Aber ich mache das nur, wenn ich das möchte. Ich entscheide selbst, spontan. Ich nehme mir nicht vor, dass ich zu bestimmten Zeiten etwas schreiben muss. Mal schreibe ich viel, manchmal auch eine Woche gar nichts. Aber es gibt wirklich viele, die jeden Moment ihres Lebens twittern. Wenn sie es gut finden, sollen sie doch. Erstens muss ich ihnen ja nicht folgen und außerdem muss man nicht zu allem seinen Senf geben.