Bundesliga

Luhukays Wutanfall soll Hertha für die Bayern motivieren

Ausgerechnet vor dem Spiel gegen die Bayern, in dem die Münchner Meister werden können, steckt Hertha in einem Tief. Um das Unmögliche möglich zu machen, greift der Trainer zu ungewöhnlichen Mitteln.

Foto: Patrick Seeger / picture alliance / dpa

Nach der Wut kam die Einsamkeit. Jos Luhukay hatte sich in der hintersten Ecke des Schenckendorffplatzes auf den Rasen gesetzt – allein und in Gedanken versunken –, während seine Mannschaft auslief.

Ganz nach hinten auf dem Trainingsgelände, weit entfernt von den Journalisten und Zuschauern, hatte Herthas Cheftrainer sein Team dreißig Minuten zuvor zusammengerufen. Denn das, was er seinen Spielern nach der 0:3-Pleite gegen Mönchengladbach am Vorabend zu sagen hatte, sollte unschön werden: „Kein Herz, keine Leidenschaft“, brüllte der Niederländer seinen Profis entgegen, die mit hängenden Köpfen im Kreis um ihn herumstanden.

„Das war nichts. Überhaupt gar nichts. Hinten nichts. Vorne nichts.“ Ein Wutanfall, wie es ihn selten zuvor von Luhukay bei Hertha BSC gegeben hat.

Erstmals deutlich unterlegen

Nicht das Ergebnis gegen die Borussia war es, was Luhukay in Rage gebracht hatte. Vielmehr machten den 50-Jährigen die Art und Weise zornig, wie seine Mannschaft sich nach dem 1:0 ergeben hatte. „Mir ist egal, wo wir nach diesen drei Spielen in der Tabelle stehen. Wichtig ist mir, dass wir uns gut präsentieren“, hatte der Trainer noch vor Beginn der englischen Woche gesagt. Und präsentiert hatte sich Hertha schlecht.

Zum allerersten Mal in dieser Saison war der Aufsteiger einem Gegner so deutlich unterlegen, dass Luhukay erst Wut und dann Ratlosigkeit überkam. Es war die zweite 0:3-Niederlage innerhalb von nur einer Woche.

Scheiterte Hertha gegen Hannover noch an der mangelnden Chancenverwertung – was die Pleite erklärbarer mache –, so konnten sich die Berliner bis auf eine einzige Gelegenheit durch Änis Ben-Hatira gegen Mönchengladbach keine echte Torchance herausspielen.

Es war der vorläufige Tiefpunkt einer Rückrunde, die sich entschlossen hat, für Hertha völlig konträr zur erfolgreichen Hinserie zu verlaufen: Hatten die Hauptstädter nach neun Spieltagen bereits 15 Punkte auf dem Konto und Tabellenplatz vier erobert, so wurden in neun Partien der Rückrunde gegen dieselben Gegner nur acht Zähler erspielt.

Die früheste Deutsche Meisterschaft ist möglich

„Wir sind derzeit nicht in der gleichen Form wie in der Hinrunde“, sagte Luhukay später auf der Pressekonferenz. Ungewöhnlich leise sprach er, mit heiserer Stimme und tiefen Augenringen. Seine Mannschaft habe im vergangenen Jahr noch auf dem „absoluten Maximum“ gespielt. „Durch viele Verletzungen schaffen wir das jetzt aber nicht mehr.“ Seit vier Spielen wartet Hertha auf einen Sieg.

Für Luhukay und viele Berliner Anhänger dürfte die schlechte Leistung gegen Borussia ein Menetekel sein. Denn ausgerechnet in dieser Schwächephase hat sich der FC Bayern schon für Dienstag angekündigt. Und Hertha darf sich keine Hoffnungen machen, dass die der Konkurrenz enteilten Münchner es sachte werden angehen lassen.

Die Bayern können mit einem Sieg im Olympiastadion der erste Deutsche Meister werden, der bereits im März gekrönt wird. Zuletzt bedurfte es ja nicht einmal einen ähnlich motivierenden Anlass oder gar einen schlechten Gegner, damit der Champions-League-Gewinner ein Schützenfest abhielt.

Emotionen oder Kalkül?

„Wenn die Bayern kommen, hat man vielleicht zehn Prozent Chancen, zu gewinnen“, sagte Luhukay und meinte damit gute Tage. Weil seine Mannschaft derzeit aber nicht den Eindruck erweckt, sobald wieder einen solch guten Tag zu erwischen wie noch im Hinspiel, als man nur knapp 2:3 unterlag, ist die Hoffnung gering beim Trainer.

Das klingt dann so: „Wir werden versuchen, so viel wie möglich ist, unsere Leistung abzurufen. Dann müssen wir sehen, inwiefern wir Widerstand leisten können.“

Luhukay hat sich in den 19 Monaten seiner Amtszeit in Berlin den Ruf erarbeitet, ein veritabler Motivator zu sein. Und vielleicht wird sich der Wutausbruch und die anschließende demonstrative Nüchternheit am Ende noch als genialer Schachzug erweisen.

Keine Angst vor den Münchnern

Seine Spieler jedenfalls wirkten ob der bevorstehenden Herkulesaufgabe trotzig: „Wir haben jetzt zwei Mal richtig vor den Bug bekommen“, sagte Linksverteidiger Johannes van den Bergh, der gegen seinen Ex-Klub Mönchengladbach einen seiner schwächsten Auftritte für Hertha zeigte. Nun gelte es allerdings, nicht weiter so naiv zu verteidigen und einfache Gegentore zu verhindern. „Jeder von uns muss etwas drauflegen“, sagte van den Bergh.

Angst vor den Bayern? „Nein. Das brauchen wir nicht zu haben“, sagte Ronny. „Überhaupt nicht“, antwortete auch Ben-Hatira. „Im Gegenteil. Wir freuen uns auf dieses Spiel.“ Und Sami Allagui gab sich kämpferisch: „Wir werden alles dafür tun, dass die hier nicht in unserem Stadion Meister werden.“

Im Olympiastadion werden 76.197 Zuschauer die Partie verfolgen. Hertha hat extra auf Höhe des Marathontores eine Zusatztribüne errichten lassen und eine weiter Sitzreihe unterhalb der Logen eingezogen. „Wenn wir uns auf dieses Spiel nicht freuen würden, hätten wir unseren Beruf verfehlt“, sagte Luhukay nun ebenfalls trotzig. Zuversichtlich aber klang er nicht.