Fußball

Das Geheimnis des Erfolges in Herthas erstaunlicher Hinrunde

Eine begeisternde Hinrunde in der Bundesliga, Tabellenplatz sechs: Hertha BSC lässt manche Experten ratlos zurück. Die Berliner Morgenpost hat die Stärken und Schwächen des Aufsteigers analysiert.

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Eigentlich ist Sami Allagui für die auffälligen Momente des Hertha-Spiels zuständig. Auf der rechten Außenbahn bereitet er oft Tormöglichkeiten vor und sucht als gelernter Stürmer auch gern selbst mal den Abschluss. Doch wenn er gefragt wird, was für ihn das Schönste an der Bundesliga-Hinrunde war, antwortet er nur lapidar: „Wir wurden noch nicht einmal weggehauen.“ Dieser Satz steht wohl für die prägendste Veränderung im Team. Hertha verteidigt in der ersten Liga vehement, jedoch ohne sich dabei einzumauern. Und bei Ballbesitz wird der schnelle, direkte Weg zum gegnerischen Tor gesucht.

Ramos ist erster Verteidiger

Es ist keine Floskel, wenn Trainer Jos Luhukay immer wieder darauf hinweist, dass sein erster Verteidiger Adrian Ramos heißt. Der Angreifer steht ganz vorn in der Torschützenliste der Bundesliga. Mit elf Toren gleichauf mit dem Dortmunder Robert Lewandowski. Der Kolumbianer hat bei gegnerischem Ballbesitz die Aufgabe, die Innenverteidiger zu stören, während seine Kollegen aus dem Mittelfeld die Anspielstationen zustellen. So bleibt dem ballführenden Gegner lediglich der unkontrollierte lange Ball oder ein riskanter Pass, der zu einem Hertha-Konter führen kann.

Wie schwer es ist, gegen Hertha den Ball spielerisch im Tor unterzubringen, beweist nicht allein die gute Defensive mit 20 Gegentoren in 17 Spielen. Ein famoser Wert für einen Aufsteiger. Nur zwölf Mal gelangen aus dem Spiel heraus Treffer gegen die Berliner. Damit steht das Luhukay-Team an zweiter Stelle in der Bundesliga. Übertroffen nur vom Nonplusultra des weltweiten Fußballs, dem FC Bayern München (6). Zudem stimmt bei Ballverlusten die Rückwärtsbewegung der Mannschaft. In 17 Spielen ließen die Blau-Weißen nur zwölf Kontertorschüsse zu. Auch hier zweitbester Wert der Liga.

Japaner Hosogai ist so laufstark wie ein Dieselmotor

Es ist diese aggressive Spielweise, die den Trainer seine Mannschaft zum Jahresabschluss loben lässt: „Das Team funktioniert unglaublich als Kollektiv, hat als Mannschaft einen sehr ausgeprägten Charakter mit einer gewissen individuellen Stärke. Wir sind sehr gefestigt und haben teilweise sehr dominanten Fußball gespielt. Das ist nicht einfach in der Bundesliga.“

Die Grundlage hierfür ist die überragende Fitness seiner Profis, auf die Luhukay wie schon in der Zweiten Liga viel Wert legt. Da musste Hertha für die Bundesliga, die als pressingstärkste Liga der Welt gilt, noch einmal zulegen. Durchschnittlich legt die Berliner Elf pro Spiel 118,5 Kilometer zurück. Platz sechs im Vergleich mit dem Rest des Oberhauses. Als Spielmacher Alexander Baumjohann durch seinen Kreuzbandriss ausfiel und Ronny aufgrund seiner körperlichen Verfassung nicht in die Bresche springen konnte, holte Hertha mit Tolga Cigerci und Per Skjelbred zwei laufstarke Mittelfeldspieler, die sich nahtlos in die taktischen Vorgaben eingefügt haben. Getoppt nur vom Sechser Hajime Hosogai, der zuverlässig wie ein Diesel seine Kilometer abspult und so dem Gegner keine Lücke zum Spielen bietet. Allein von der Laufleistung her ist der Japaner der viertstärkste Spieler der Bundesliga.

Kopfballschwache Defensive als Handicap

Um diese Stärke zu forcieren, nimmt Luhukay ein Handicap in Kauf. Hertha hat die kopfballschwächste Defensive. Nur 49 Prozent der Kopfballduelle in der Abwehr wurden gewonnen. „Uns fehlen die Zentimeter“, sagte Luhukay dazu lapidar. Mit Ramos und Sebastian Langkamp hat der Niederländer nur zwei Spezialisten in seinen Reihen, von denen zuletzt auch noch der Verteidiger ausfiel. Der Effekt dieser Schwäche ist, dass Hertha vor allem bei Standards und hohen Bällen anfällig ist. Schon acht Gegentore fielen nach ruhenden Bällen.

Zum Ende der Hinrunde hat sich noch eine Qualität gezeigt. Hertha kann auch unter Druck verteidigen, wenn der Gegner das Team einschnürt wie zuletzt beim Sieg in Dortmund. „Wir können uns auch auf Basis von Mentalität und Charakter im Spiel halten“, nennt das Luhukay. Die Grundlage dafür sind Zweikämpfe. Mit 3718 dieser Duelle stehen die Berliner an vierter Stelle.

Mit Tempo zum Tor durch frühe Balleroberung

Ein Manko sind die wenigen Tormöglichkeiten. Nur drei Mannschaften schossen weniger auf den gegnerischen Kasten als Hertha. Gerade hier macht sich das Fehlen von Baumjohann und Ronny bemerkbar. Wirklich auffällig sind die wenigen Chancen nach Standards. In der Vorsaison war Ronny noch an 20 Toren nach ruhenden Bällen beteiligt.

Dafür hat Hertha durch das aggressive Gegenpressing eine gefürchtete Spezialität gewonnen: Konter. Die frühe Ball-Eroberung macht den Weg zum Tor kürzer. Die Berliner erzielten die fünftmeisten Treffer nach Kontern. Dabei hilft auch der zehntschnellste Stürmer der Liga. Bis auf 34,9 Kilometer in der Stunde kann Adrian Ramos beschleunigen. Der Kolumbianer ist nach Luhukay-Lesart nicht nur ein veritabler Verteidiger, sondern vor allem in dieser Hinrunde effektiv wie selten zuvor. Fünf Versuche benötigt er im Schnitt für einen Treffer.

Europapokal-Träumereien gibt sich Luhukay nicht hin

Auch wenn der Hertha-Trainer noch viel Potenzial für Verbesserung sieht, lobt er seine Mannschaft für diese Entwicklung: „Das ist die beste Mannschaft, die ich in all den Jahren als Trainer habe trainieren dürfen.“ Aber Europapokal-Träumereien gibt er sich angesichts des sechsten Tabellenplatzes trotzdem nicht hin und hält den Ball weiterhin flach: „Ein einstelliger Tabellenplatz wäre eine sensationelle Leistung für uns als Aufsteiger.“