Bundesliga

Hertha BSC - ein Aufsteiger mit Wachstumsschmerzen

Hertha kann den Klassenerhalt in den nächsten Spielen perfekt machen. Dennoch pfiffen die Fans nach dem 0:0 gegen Freiburg. Weil ihre Ansprüche schneller wachsen, als die Leistungsfähigkeit des Teams.

Foto: Boris Streubel / Bongarts/Getty Images

David Moyes wird sich die Augen gerieben haben. Der Trainer vom englischen Rekordmeister Manchester United sah sich das Heimspiel von Hertha im Olympiastadion höchstpersönlich an. Von der angeblich stärksten Liga der Welt wird er sich etwas anderes erhofft haben, als er beim tristen 0:0 gegen Abstiegskandidat Freiburg zu sehen bekam.

Das hatte er mit einem großen Teil der Hertha-Anhänger gemein, die ihren Unmut in einem zwar kurzen, aber heftigen Pfeifkonzert nach Spielende entluden. Das zeigt den schmalen Grat, auf dem der Klub momentan balanciert. Die guten und gleichzeitig sehenswerten Darbietungen des Teams in dieser Saison haben die Erwartungen steigen lassen. Der Klassenerhalt als Ziel scheint nicht mehr zu reichen.

Europapokal ist näher als Abstiegskampf

Verteidiger Sebastian Langkamp blinzelte am Vormittag nach dem Spiel verlegen in die Sonne und versuchte, sich ausgleichend zu den Pfiffen zu äußern: „Das müssen wir auch einmal akzeptieren. Die Fans haben sich mehr erhofft. Und ehrlich gesagt: wir auch. Aber man muss manchmal eben auch mit einem Punkt leben.“

Nicht zum ersten Mal werden die Profis mit der gestiegenen Erwartung im Umfeld konfrontiert. Angesichts der Tatsache, dass die Berliner als Aufsteiger immer noch in Reichweite von Platz sechs stehen, wird immer häufiger vom Europapokal gesprochen. Nicht in der Mannschaft und auch nicht in der sportlichen Leitung, aber bei Medien und Fans.

Hertha versucht den Spagat

„Wir wissen, wo wir herkommen. Wir wollen schnell die 40 Punkte holen, um dann vielleicht ein neues Ziel auszurufen“, gibt Langkamp einen Einblick auf die internen Erwartungen. Hertha gibt sich seit Saisonbeginn allergrößte Mühe, die Erwartungen in realistische Bahnen zu lenken und gleichzeitig die Euphorie nicht zu dämpfen. Dem Verein ist aus dieser Sicht kein Vorwurf zu machen. Es ist der Blick von außen auf Berlin und seinen Bundesligaklub, der sich dem noch nicht angepasst hat.

Das musste auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit vor dem Spiel erfahren. Von einem Fernsehreporter wurde er vor Anpfiff am Spielfeldrand gefragt, was wahrscheinlicher sei: Ein fertiger Flughafen in zwei Jahren oder dass Hertha 2016 in der Champions League spielt? „Beides ist realistisch“, antwortete der Politiker in dem Versuch, der Zwickmühle elegant zu entkommen.

Zu Hause fehlt die Spielkultur im Angriff

Mehr die Frage als die Antwort illustriert das Image, mit dem sich Hertha auseinandersetzen muss. Und die Pfiffe der eigenen Anhänger nach dem schwachen Spiel scheinen diesem Bild auch noch recht zu geben.

Dabei geht es gar nicht so sehr darum, das Spiel gegen einen potenziellen Abstiegskandidaten zu verteidigen. Auch Trainer Jos Luhukay lässt an der Darbietung seiner Mannschaft wenig Gutes: „Es fehlte nicht die Effizienz vor dem Tor, sondern an Spielkultur nach vorn. Wir hatten in der ersten Halbzeit nur eine Chance und in der zweiten Hälfte zwei Versuche von Adrian Ramos.“

Cigercis Debüt für Türkei geplatzt

Damit dürfte der Niederländer wohl das eigentliche Problem umrissen haben. Hertha hat sich in der Hinrunde durch mitreißenden Tempofußball wieder in die Herzen gespielt. Den präsentiert die Mannschaft auch. Allerdings kaum noch zu Hause, weil Gegner wie Freiburg sich extrem defensiv einstellen.

„Ich verstehe, dass die Fans über das Ergebnis und Spiel enttäuscht sind. Aber es war eben nicht nur der SC Freiburg. Für uns gibt es in der Bundesliga keine Selbstläufer. Wir müssen uns Siege in jeder Partie hart erarbeiten“, betonte der Trainer. Auch andere Klubs stehen vor dem Problem, gegen eine massive Abwehr zu spielen, können einen Sieg aber durch eine höhere individuelle Qualität ihrer Profis erzwingen.

Bei Hertha hingegen reißt der Ausfall von Tolga Cigerci eine Lücke. Der 21-Jährige hat sich gegen die Breisgauer wahrscheinlich einen Muskelfaserriss zugezogen und fällt mindestens für das nächste Spiel in Mainz aus. Sein Traum vom Nationalmannschaftsdebüt für die Türkei ist damit vorerst vorbei.

Luhukay empfiehlt den Fans: Genießen!

Die eigentliche Botschaft von Luhukay an die Fans lautet aber: Genießen! Statt sich lange mit dem unbefriedigenden 0:0 aufzuhalten, sollten die Anhänger entspannen. „Wir haben 35 Punkte und sind stolz darauf!“, sagte der Niederländer und spielte damit auf die Gefühlslage der Fans in Hamburg, Stuttgart oder Bremen an, die gern die Probleme der Berliner hätten. „Wir können uns doch in Ruhe den Spieltag im Fernsehen anschauen. Ich persönlich bin froh, dass wir nicht nach unten schauen müssen.“

David Moyes wird die Stimmung beim deutschen Hauptstadtklub nicht weiter interessieren. Der Trainer von Manchester United war vor allem da, um sich den frisch von Joachim Löw zur Nationalmannschaft berufenen Freiburger Verteidiger Matthias Ginter anzusehen. Der konnte allerdings im Spiel die in ihn gesetzten Erwartungen ebenso wenig erfüllen wie die Herthaner die ihrer Fans.