Bundesliga

Hertha BSC auf den Spuren von Manchester United

Der Aufsteiger ist auswärts eine Macht und widerlegt die Branchenweisheit, dass die Grundlage für eine gute Saison daheim gelegt wird. Hertha holt in der Fremde mehr Punkte als im Olympiastadion.

Foto: Alex Grimm / Bongarts/Getty Images

Man muss sich schon in ganz Europa umschauen. Unter jenen 40 Vereinen, die in den besten vier Ligen des Kontinents unter den Top Ten ihres Landes platziert sind, finden sich nur drei Beispiele: Manchester United, Tottenham Hotspur und – Hertha BSC. Laut der Fünf-Jahres-Wertung der Uefa stellen Spanien, England, Deutschland und Italien die stärksten Ligen. Schaut man jeweils auf die obere Tabellenhälfte, haben nach zwei Saison-Dritteln nur die genannten drei Klubs auswärts mehr Punkte geholt als daheim.

Das ist erstaunlich. Weil es eine ungeschriebene Regel in der Branche gibt, die von allen Beteiligten regelmäßig bemüht wird. So auch bei Hertha BSC. „Als Aufsteiger müssen wir den Grundstein für den Klassenerhalt im Olympiastadion legen. Hertha ist bei den letzten beiden Abstiegen auch an der Heimschwäche gescheitert“, hatte Trainer Jos Luhukay zu Saisonbeginn gesagt. Manager Michael Preetz argumentierte in die gleiche Richtung: „Es ist klar, dass wir in diesem Bereich besser werden müssen.“

Luhukay hatte das Credo der Heimstärke bereits im Sommer 2012, also zu Beginn der damaligen Zweitliga-Saison festgelegt. „Die Basis für den Aufstieg sind unsere Heimspiele.“ Nachdem die Berliner mit Rekord-Punktzahl aufgestiegen waren (76 Zähler) – Hertha blieb als einzige Mannschaft im deutschen Profifußball daheim ungeschlagen – lehnte sich Luhukay sogar noch weiter aus dem Fenster: „Ich möchte, dass wir auch in der kommenden BundesligaSaison kein Heimspiel verlieren.“

Der Fakten-Check nach 22 gespielten Runden weist jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Hertha ist auswärts eine Macht. Das 2:1 beim VfB Stuttgart war der fünfte Sieg innerhalb der letzten sechs Spiele in der Fremde.

Nur Manchester und Tottenham punkten wie Hertha

In der Auswärtstabelle der Liga liegt der Klassenneuling auf Rang drei, nur der FC Bayern (29 Punkte) und Borussia Dortmund (20) rangieren vor Hertha (18).

Damit nicht genug. Hertha unterläuft die vermeintliche Fußball-Weisheit: Den 18 Zählern, die es auf Dienstreisen gab, stehen ‚nur‘ 16 Heimpunkte entgegen. Das ist krass. Und selten. Ein Vergleich mit Primera Division, Premier League, Bundesliga und Serie A ergibt: Alle Vereine, die in der oberen Tabellenhälfte rangieren, holen die meisten Punkten in den heimischen Arenen. Die einzigen beiden Klubs, die auf den Spuren von Hertha wandeln sind in England zu finden: Tottenham Hotspur, Tabellen-Fünfter in England, kommt auf 21 Heim- und 29 Auswärtszähler, Manchester United, Sechster, auf 21 und 24 Punkte.

Durchwachsene Bilanz im Olympiastadion

Die Spieler bei Hertha staunen selbst über die Entwicklung. „Dass wir auswärts hinter den Bayern und Dortmund in der Tabelle stehen, ist eigentlich ziemlich komisch. Uns freut es natürlich“, sagte Tolga Cigerci. Levan Kobiashvili sagte: „Irgendwie passt auswärts gerade alles bei uns. Das ist sehr wichtig. Nun kommt es darauf an, dass wir das auch zu Hause hinkriegen. Wir wollen unseren Fans etwas bieten.“

Die fachliche Begründung für das Paradox hat der Trainer parat. Luhukay verweist darauf, dass Hertha in der Bundesliga zunächst vier seiner ersten fünf Bundesliga-Partien im Olympiastadion gewonnen hat. Dann haben sich die Gegner, auch Spitzenteams wie Leverkusen, Schalke oder Wolfsburg, darauf eingestellt. „Zuletzt hatten wir es in Heimspielen unglaublich schwer“, sagte Luhukay. „Wir spüren von Anfang an, dass die Gegner sehr defensiv gegen uns aufgestellt sind. Das macht es für uns schwierig, das Spiel zu bestimmen und Möglichkeiten herauszuspielen.“

Die Berliner zahlen nun im Olympiastadion den Preis dafür, dass sie von der Bundesliga-Konkurrenz rasch wesentlich ernster genommen wurden, als noch zu Saisonbeginn. Die anfänglich bärenstarke Heimbilanz fällt nach mittlerweile fünf Siegen, einem Unentschieden und fünf Niederlagen nur mittelprächtig aus. Die grundsätzlichen Qualitäten sind aber weiter vorhanden. Nur kommen sie seit Monaten überwiegend in der Fremde zur Geltung.

Baumjohann-Ausfall wiegt schwer

Luhukay erklärt: „Auswärts ist die Situation eigentlich umgekehrt: Da spielt der Gastgeber offensiver. Das gibt uns mehr Räume. Dann können wir mit unserem schnellen Umschaltspiel gefährlich werden – mit wenig Kombinationsspiel, aber mit mehr direkten Pässen in die Spitze.“ Hier profitiert Hertha von der sehr guten Verfassung von Adrian Ramos, der mit Dortmunds Robert Lewandowski gemeinsam die Torjäger-Liste anführt (beide 14 Treffer).

Ebenso lässt sich personalisieren, warum der Hauptstadt-Klub sich im eigenen Stadion schwer tut. Der sechsmonatige Ausfall von Alexander Baumjohann (Kreuzbandriss), der so stark in die Saison gestartet war, trifft Hertha hart. Dazu fällt es Ronny – in der Vorsaison der alles überragende Spielmacher – selbst nach sieben Monaten in der neuen Liga schwer, Bundesliga-Tempo und -Härte über mindestens 60 Minuten zu bringen.

Freitag kommt der SC Freiburg nach Berlin

Beim nächsten Heimspiel am Freitag wird der SC Freiburg versuchen, Hertha das Leben schwer zu machen. Mit kompakter Defensive und einer hohen Laufbereitschaft. Baumjohann ist noch nicht einsetzbar. Ronny hängt im Loch. Dennoch hofft Cigerci: „So wie auswärts muss es auch zu Hause laufen.“