Bundesliga

Sorgenkind Ronny strapaziert die Geduld bei Hertha

Der Hauptstadt-Klub braucht vor allem bei Heimspielen einen Spielmacher. Aber Ronny bietet sich seit Wochen im Training nicht an. Am Freitag kommt der SC Freiburg ins Olympiastadion.

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Die Tür steht offen. Weit offen. Seit einem Vierteljahr tut sich Hertha BSC bei seinen Heimspielen schwer. Die Gegner haben sich auf das schnelle Konterspiel des Aufsteigers eingestellt. Und treten seither im Olympiastadion vor allem defensiv auf. Folge: Die Gastgeber haben Probleme, spielerisch zu dominieren. Holte Hertha aus den ersten fünf Heimauftritten in der Bundesliga noch vier Siege, gab es seit Mitte Oktober für die Fans in sechs Spielen lediglich einen Dreier – bei einem Unentschieden und fünf Heimniederlagen.

Am Freitag steht nun gegen Freiburg wieder ein Heimspiel an. Nichts wünscht sich Hertha sehnlicher als einen Spielmacher für das überraschende Moment, einen mit unorthodoxen Ideen. Und mit exzellenten Standards. Dabei bezahlt der Hauptstadt-Klub einen Spieler, dem exakt dieses Potenzial zugesprochen wird: Ronny. Doch langsam, so ist der Eindruck, neigt sich die Geduld der Verantwortlichen mit dem Brasilianer dem Ende zu.

Der Manager nimmt Ronny in die Pflicht

Die Laune von Manager Michael Preetz bei diesem Thema sinkt auf Anhieb. „Der Spieler muss sich anbieten. Es ist bekannt, dass der Trainer sehr genau hinschaut und gute Trainingsleistungen honoriert.“

Was im Umkehrschluss heißt: Die Leistungen von Ronny reichen Trainer Jos Luhukay nicht. Wer hoffte, dass Ronny seine Fitnessprobleme, die aus einem schlampigen Heimaturlaub im Sommer 2013 resultierten, endlich überwunden hätte, sieht sich getäuscht. Auch in den fünf Partien der Rückserie stand Ronny nur bei einem Drittel der Spielzeit auf dem Platz. Immerhin ließ er seine Klasse zweimal aufblitzen: Mit dem Eckstoß, den Adrian Ramos zur zwischenzeitlichen 1:0-Führung gegen Nürnberg einköpfte. Und seinem genialen 30-Meter-Volleyschuss in der Nachspielzeit jener Partie, den FCN-Verteidiger Petrak mit der Hand auf der Linie stoppte. Doppeltes Pech für Ronny, wäre Schiedsrichter Weiner bei seiner Entscheidung geblieben (Rote Karte gegen Petrak, Elfmeter für Hertha) – als Schütze war Ronny vorgesehen.

Luhukay: Über Ronny sage ich nichts

Wer aber Ronny in diesen Wochen auf dem Trainingsplatz beobachtet, ist enttäuscht. Die Laufeinheiten machen ihm sichtbar keinen Spaß. Dabei müsste Ronny vor allem an Laufbereitschaft zulegen, um an seiner Defensivschwäche zu arbeiten. In den Spielformen arbeitet der begnadete Techniker ordentlich, aber nicht weiter auffallend. Trainer Luhukay hatte in den vergangenen zwei Wochen für seine Profis mit wenig Spielzeit zwei Testspiele angesetzt. Ronny stand bei beiden Partien (gegen die eigene U23 und gegen Viertligist TSG Neustrelitz) auf dem Platz.

Seine Leistung war so dürftig, dass der Trainer seine eigenen Prinzipien ins Gegenteil verkehrte. Sonst antwortet Luhukay stets, angesprochen auf Reservisten: „Über Spieler, die nicht spielen, rede ich nicht.“ Nach dem Kick gegen Neustrelitz kommentierte Luhukay die 90 Minuten seines Sorgenkindes: „Über Ronny sage ich nichts.“

Das Team emanzipiert sich

Nun hat sich kein Hertha-Trainer so intensiv um Ronny bemüht wie Luhukay. Er hat seine Nummer 12 lange gestützt. Ronny hatte das Vertrauen im Aufstiegsjahr mit 18 Toren und 14 Vorlagen zurückgezahlt. Auch in dieser Bundesliga-Saison hat Ronny mit vier Toren und vier Vorlagen immer noch die drittbeste Scorer-Quote bei Hertha nach Adrian Ramos (14 Tore, sechs Assists) und Sami Allagui (sieben Tore, drei Vorlagen).

Doch mittlerweile emanzipiert sich die Mannschaft mehr und mehr. Das Luhukay-Prädikat als „Unterschiedspieler“ ist längst auf Ronnys Kumpel Ramos, den Führenden der Torjäger-Liste, übergegangen. Der Einsatz von Ramos am Freitag ist übrigens fraglich, er laboriert an einem Bluterguss an der Wade und konnte am Dienstag nicht trainieren. Die Standardsituationen – eine Spezialität von Ronny – werden mittlerweile auch von anderen Spielern gefährlich getreten. Dem Führungstor in Hamburg ging eine Ecke von Marcel Ndjeng voraus, ebenso wie beim 1:0 am vergangenen Sonnabend in Stuttgart. Tolga Cigerci sorgte mit seinen Freistößen in Hamburg (2:0 von Ramos) und beim VfB (2:1 von Sandro Wagner) für die Vorarbeit.

Jahressalär von 1,5 Millionen Euro für Ronny

Intern wird es durchaus registriert, dass nach dem wichtigen Sieg in Stuttgart Ronny an der allgemeine Freude im Mannschaftstross nicht recht teilnimmt, sondern mit zusammengepressten Lippen im Bus verschwindet. Frustriert, weil er nicht eingesetzt wurde.

Hertha hatte den Vertrag des Aufstiegshelden im April 2013 verlängert bis 2017. Dotiert mit rund 1,5 Millionen Euro Jahressalär. In dieser Saison ist noch ein Saisondrittel zu absolvieren. Ob es für Ronny auch im kommenden Spieljahr in Berlin weitergeht, hat er selbst in der Hand. Allerdings ist dafür eine Steigerung nötig. Luhukays Konsequenz, wenn er sein Vertrauen verloren hat, haben schon andere zu spüren bekommen. Hier sei an die jüngsten Beispiele von Maik Franz und Peer Kluge erinnert, die aus dem Profikader aussortiert wurden.

Stellenbeschreibung für Hertha Nr. 12

Freitag geht es gegen den SC Freiburg. Die abstiegsbedrohten Gäste werden sich an die Blaupause halten, die die vorherigen Gegner im Olympiastadion benutzt haben. „Wir haben es bei Heimspielen schwer“, sagte Luhukay. „Wir spüren von Anfang an, dass die Gegner sehr defensiv aufgestellt sind. Das macht es für uns schwierig, das Spiel zu bestimmen und Möglichkeiten herauszuspielen.“ Das klingt wie eine Stellenbeschreibung für Ronny. Nur muss er verstehen, dass unter Jos Luhukay ein Hertha-Spiel mit gutem Training beginnt.