Interview

Herthas Skjelbred – „Meine Frau hat mich umgegrätscht“

Der Leihspieler schoss gegen Freiburg sein erstes Bundesligator. Vor dem Rückspiel spricht er über taffe norwegische Mädels, Ballettstunden, und die Gründe, warum er besser zu Hertha passt als zum HSV.

Foto: Scanpix Norway / picture alliance / SCANPIX NORWA

In einem silberblauen Mini-Cooper fährt Per Skjelbred zum Interview vor. Bomberjacke, Basecap verkehrt herum auf dem Kopf. Ein breites Grinsen im Gesicht. Am Morgen hat Herthas norwegischer Nationalspieler seine Kinder Jonathan, 3, und Elina, 1, in die Kita gebracht. Sie und Frau Christina zogen mit nach Berlin, obwohl der 26-Jährige nur bis Saisonende vom Hamburger SV ausgeliehen ist. Vor dem Spiel gegen den SC Freiburg am Freitag (20.30 Uhr/im Liveticker bei immerhertha.de) spricht Skjelbred im Interview über Familie und Fußball.

Berliner Morgenpost: Herr Skjelbred, man hört, Sie seien ein echter Familienmensch.

Per Skjelbred: Ich brauche meine Familie. Als ich nach Deutschland kam, war klar, dass wir als Familie dieses Abenteuer gemeinsam erleben wollen. Wir wollten zusammen sein. Ich will ein normales Leben und Fußball spielen.

Sie sind mit Ihrer Frau Christina seit kurzem verheiratet, aber schon seit elf Jahren ein Paar. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Wir haben uns in der Schule kennengelernt. Wir waren zusammen auf einer Fußballakademie in Trondheim.

Hat sie auch Fußball gespielt?

Ja. Es gab zwei Fußball-Klassen: Eine auf Leistungsniveau und eine, in der Jungs und Mädchen waren, die Fußball eher als Hobby betrieben. Da war Christina drin. Einmal haben wir sogar gegeneinander gespielt. Da waren wir 15 und schon zusammen. Das war komisch.

Warum?

Sie war in der Abwehr und ich spielte offensiv. Sie war eine brutale Verteidigerin. Irgendwann war der Ball zwischen uns, und ich wollte ihn haben. Da kam sie, und hat mich mit Karacho umgegrätscht. Puh, dachte ich. Was ist jetzt los? Ich lag am Boden und habe mich umgeguckt. Sie hatte sich mit der Grätsche das ganze Bein aufgeschürft. Und ich dachte nur: Was für eine Frau. (lacht) Das war unser erster physischer Kontakt.

Ist sie taffer als Sie?

Nee (lacht). Mental nicht. Aber sie ist total kompetitiv. Sie war früher Skiläuferin auf sehr hohem Niveau. Wir sprechen noch heute über diese Grätsche von damals. Das war ein prägender Moment unserer gemeinsamen Geschichte.

Christina studiert Jura. Sie sagten mal, sie habe daheim die Hosen an.

(lacht) Ich glaube, dass jede Frau zu Hause die Hosen anhat. Norwegische Frauen sind da noch einmal etwas härter: Wir Männer müssen viel Hausarbeit machen. Nach dem Training Fernsehen gucken ist nicht. Da muss ich erst mal das Essen für die Kinder machen.

Sie waren 15, als Sie sich kennenlernten und sind jetzt mit 26 immer noch zusammen. Das ist ziemlich ungewöhnlich.

Ich war 16 Jahre alt, als meine Karriere wie eine Rakete durch die Decke ging. Nach der Castingshow, die ich in Norwegen gewonnen hatte, kannte mich plötzlich jeder auf der Straße. Und jeder wollte etwas von mir. Dieses neue Leben im Rampenlicht war schwer für mich. Sie hat mir damals viel Halt gegeben. Wir haben dieses Leben gemeinsam angenommen – auch die negativen Seiten davon. Das hat uns zusammen geschweißt. Außerdem bin ich so: Wenn ich etwas Gutes gefunden haben, bleibe ich dabei.

Sie hatten beim HSV eine schwere Zeit. Bei Hertha haben Sie nun etwas Gutes gefunden. Gab es schon ein Zeichen vom Verein, dass Hertha Sie fest verpflichten will?

Beide Vereine reden miteinander. Für mich ist klar: Ich will bei Hertha bleiben. Auch Hertha hat gesagt, dass sie interessiert daran sind, mich zu behalten. Aber im Fußball gibt es viele unterschiedliche Interessen. Ich hoffe, dass ich bald weiß, was passiert.

Im Hinspiel gegen Freiburg haben Sie ihr erstes Bundesligator erzielt. Beim HSV haben Sie 26 Partien bestritten, aber nie getroffen, bei Hertha gleich im zweiten Spiel. Warum passen Sie besser zu Hertha als zum HSV?

Mein erstes Jahr in Hamburg war extrem schwer. Ich kam aus Norwegen und hatte überhaupt keinen Namen. Ich musste richtig ums Überleben kämpfen. Ich hatte vier Trainer beim HSV, und jedes Mal, wenn ein neuer Coach kam, war ich die allerletzte Nummer im Kader. Ich musste jedes Mal von vorn anfangen. Bei Hertha war das ganz anders.

Hier standen Sie immer in der Startelf.

Verrückt, nicht wahr? Fußballer brauchen einfach Vertrauen. Jos Luhukay hat am ersten Tag zu mir gesagt: Per, du bekommst deine Chance bei mir. Genau das brauchte ich. In Hamburg war das anders. Dort haben alle Spieler drei, vier Chancen bekommen. Ich aber nicht.

Können Sie sich noch an Ihr allererstes Bundesligaspiel erinnern?

Das war gegen Hertha, glaube ich.

Sie haben von Beginn an gespielt und wurden zur Halbzeit ausgewechselt.

Toller Einstand, nicht wahr (lacht). Ich brauchte einfach Zeit, um mich an das Tempo zu gewönnen. Das war in Norwegen ganz anders, da haben wir mit Trondheim nur ein einziges Spiel in zwei Jahren verloren. Jetzt weiß ich, wie ich spielen muss.

In Hamburg gibt es mit Mirko Slomka nun wieder einen neuen Trainer. Kann das Ihre Situation im Sommer beeinträchtigen?

Keine Ahnung. Der neue Trainer kann natürlich sagen: Wir brauchen Spieler wie Per. Aber der HSV hat so viele Mittelfeldspieler. Für mich ist es besser so, wie es jetzt ist. Und für Hamburg auch.

Als Sie ein Kind waren, haben Sie sieben Jahre Ballett und Hip-Hop getanzt. Inwiefern hat das Ihre Art des Fußballspielens beeinträchtigt?

Tanzen hat mir die Balance und Schnelligkeit gegeben. Dort habe ich Rhythmus und Geschmeidigkeit bekommen. Aber ich habe auch Zirkus gemacht.

Was war im Zirkus Ihre Nummer?

Es war so ein kleiner Kinderzirkus. Dort hatten wir ein Karate-Kid, der die Steine zerkloppt hat, und eine Tanzgruppe. Ich habe getanzt und jongliert – mit Bällen und mit Fackeln.

Zirkus, Tanzen, Fußball: Zieht es Sie auf Bühnen?

Eigentlich nicht. Das war nie wichtig für mich. Ich wollte Spaß haben. Ich glaube, ich will einfach da sein, wo die Action ist. Deshalb spiele ich wohl auch im Mittelfeld.

Als Sie getanzt haben, waren Sie der einzige Junge unter 20 Mädchen. War das nicht ein bisschen komisch?

Zum Anfang nicht, da war ich ja noch sieben Jahre alt, und Frauen haben mich da noch nicht interessiert. Aber als ich zwölf, 13 wurde, fand ich es toll, zwischen so vielen schönen Mädchen zu sein. Die hatte ich für mich allein. Das war perfekt für mich (lacht).

Sie hatten sogar das Angebot, statt Fußball auf eine Ballettschule zu gehen.

Das Angebot gab es, und ich habe es ein Jahr probiert. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich Fußball spielen wollte.

Was hätte Sie gemacht, wenn Sie nicht Fußballprofi geworden wären?

Ich wollte immer Feuerwehrmann werden. Das ist ein bisschen wie Fußballer: Du kommst zur Arbeit, triffst deine Freunde dort und gehst dann gemeinsam durchs Feuer. Du brauchst die Gemeinschaft. Allein bist du tot. So ist es eben auch in einer Fußballmannschaft. Und das brauche ich.

Sie sind ein großer Krimi-Fan. Norweger und Krimis: schönes Klischee.

Ja, ich liebe Krimis von Jo Nesbø. Das ist ein norwegischer Autor. Früher habe ich mit meiner Mutter auch immer „Derrick“ geguckt. Ich glaube, wir Norweger mögen Krimis, weil wir eigentlich denken, dass in Norwegen nichts Schlimmes passiert. Wir sind halt ein bisschen verrückt da oben im Norden (lacht).

Nesbøs Hauptfigur, Harry Hole, ist ein alkoholkranker Kommissar, der Mordfälle lösen muss, Drogen nimmt, allein lebt und ein ziemlich kaputter Typ ist. Genau das Gegenteil von Ihnen, also.

Vielleicht interessiert mich genau das an ihm. Harry Hole ist so ein dunkler Charakter. Jedem Menschen, den er berührt, passiert etwas Schlimmes. Aber egal, wie schlecht es um ihn steht, er kommt immer aus der Sache raus.

Welche Erfahrung in Ihrem Leben hat Sie am meisten geprägt?

Mein erstes Spiel für Rosenborg Trondheim. Damals war ich 16 und wusste nicht, ob ich es zum Profi schaffen könnte. Ich habe gezweifelt. Aber dann habe ich ein gutes Spiel gemacht und wusste plötzlich: Das ist dein Leben. Das willst du machen, und das kannst du auch. Dieses Gefühl der Überzeugung hat mich nachhaltig geprägt.

Sie sind einer von drei Jungen in Ihrer Familie, der Mittlere. Man sagt, diese „Sandwich-Kinder“ haben es am schwersten, genug Aufmerksamkeit von den Eltern zu bekommen. Ging es Ihnen auch so?

Nein. Ich wollte immer wie mein großer Bruder sein. Er ist vier Jahre älter und war auch ein richtig guter Fußballer. Ich habe jeden Tag dafür gekämpft, mit ihm mithalten zu können. Auch das hat mich geprägt, denke ich. Heute ist er Arzt.

Ihr kleiner Bruder war beim Militär und hat dort Paraden und Shows gemacht. Wäre das nicht auch etwas für Sie gewesen?

Auf keinen Fall. Ich habe keine Lust, im Zelt irgendwo im Wald gemeinsam mit zwanzig anderen Jungs schlafen zu müssen (lacht). Da bleibe ich lieber beim Fußball. Da darf ich wenigstens zu Hause schlafen.