Bundesliga

Johannes van den Bergh - Profiteur der Rotation bei Hertha

Linksverteidiger Johannes van den Bergh überzeugt bei den Berlinern auf ungewohnter Position. Er ist damit ein neues Beispiel für die hohen Anforderungen von Trainer Jos Luhukay an seine Spieler.

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Einen kurzen Augenblick vergaß sich Jos Luhukay: Momente wie diese seien die besten, sagte Herthas Trainer. Momente, „in denen sich wieder einmal ein Mosaiksteinchen einfügt“. Der Niederländer sprach über Johannes van den Bergh, seinen Linksverteidiger. Oder besser: seinen Spieler.

Denn ein reiner Linksverteidiger ist der 27-Jährige seit Sonnabend nicht mehr. Da hatte ihn Luhukay beim 3:0 gegen den Hamburger SV überraschend im linken, offensiven Mittelfeld aufgeboten – zum allerersten Mal überhaupt bei Hertha. „Das hat richtig gut funktioniert“, genoss der Niederländer die Bestätigung.

Doch Jos Luhukay hat auch die angenehme Eigenschaft, ein ziemlich unprätentiöser Cheftrainer zu sein. Jenen Satz hätte man ihm schließlich auch als Eigenlob auslegen können. Und Eigenlob stinkt ja bekanntlich. „Damit will ich mich aber nicht selbst hervorheben. Um Gottes Willen“, erschrak der 50-Jährige. „Die Spieler sind die Hauptdarsteller.“

Vom Deppen zum Helden in einer Woche

Einer dieser Hauptdarsteller im Erfolgsstreifen Auswärtssieg war ausgerechnet van den Bergh. Das ist erstaunlich, denn der Linksfuß gab nur eine Woche zuvor bei der Tragödie gegen Nürnberg (1:3) noch eine ziemlich unglückliche Figur ab. Beim Stand von 1:0 für die Berliner unterlief ihm ein katastrophaler Querschläger im eigenen Strafraum, der erst bei Nürnbergs Markus Feulner landete und dann im Hertha-Tor.

Das leitete die zweite Pleite zum Rückrundenstart für die Blau-Weißen ein, die bis dahin den Gegner dominiert hatten. Luhukay reagierte und wechselte den völlig verunsicherten van den Bergh nach nur 23 Minuten aus.

„Das Schöne am Fußball ist, dass man Fehler relativ schnell wieder gut machen kann“, sagte dieser nun nach seinem starken Auftritt gegen den HSV. Da hatte van den Bergh mit einem sensationellen Pass das 3:0 durch Adrian Ramos vorbereitet. Es war die erste Torvorlage überhaupt für ihn, seit er im Sommer ablösefrei aus Düsseldorf kam.

Nach dem Fauxpas gegen Nürnberg an sich gezweifelt habe er nicht: „Ich war nicht verunsichert, denn ich weiß, was ich kann“, sagte van den Bergh. „Johannes stand nie in Zweifel“, sagte auch Luhukay.

Lustenberger, Allagui, Kobiashvili – Verschiebemasse für den Trainer

Zweifel hatte der Trainer auch nicht daran, van den Bergh auf der ungewohnten Position Linksaußen einzusetzen. Mit ihm habe er sich für die defensivere Variante entschieden, sagte er, um die gute rechte Seite des HSV in Schach zu halten. Wahrscheinlicher aber ist, dass der im linken Mittelfeld zuletzt blasse Nico Schulz eine Pause bekommen sollte.

Und da Änis Ben-Hatira, der etatmäßige Linksaußen, nach seiner Sprunggelenksverletzung noch nicht wieder bei vollen Kräften ist, musste eben van den Bergh ran. „Johannes hat eine enorme Schnelligkeit“, erklärt Luhukay dessen Tauglichkeit für jenen Posten. Außerdem habe er van den Bergh bereits in der gemeinsamen Zeit bei Borussia Mönchengladbach (2007-08) dort aufgeboten.

Dennoch sagte der Spieler selbst später: „Bei der Teambesprechung habe ich etwas komisch geguckt, weil ich auf der Tafel so weit vorn stand.“

Bei genauerem Hinsehen aber hat Luhukay bei van den Bergh nur ein Prinzip angewandt, dass er seit seiner Ankunft in Berlin im Sommer 2012 verfolgt: das Prinzip Rotation. Der Trainer verlangt von seinen Profis Vielseitigkeit und verschiebt sie je nach Fähigkeiten bisweilen quer über das Feld.

So wanderte Fabian Lustenberger in der vergangenen Saison vom zentralen Mittelfeld hinaus auf die Position des Rechtsverteidigers (gegen Union) bis ins Abwehrzentrum, wo sich der Schweizer nun unverzichtbar gemacht hat. Sami Allagui wurde gleich ganz vom Stürmer zum Rechtsaußen umgeschult. Gegen den HSV rückte Levan Kobiashvili, eigentlich Linksverteidiger, bisweilen auch Mittelfeldspieler, in die Innenverteidigung.

Lahm als Vorbild für Pekarik

Peter Pekarik, der Prototyp des Rechtsverteidigers, rotierte gegen die Hanseaten zum dritten Mal auf die Position links in der Viererkette. Weil dieser dort souverän agierte, sah sich Luhukay auch in seiner Einschätzung von Pekariks Vielseitigkeit bestätigt. Er könne sich zudem sogar vorstellen, den Slowaken bald im zentralen Mittelfeld auszuprobieren, sagte der Chefcouch und nannte ihn „unseren kleinen Philipp Lahm“.

Lahm, der Kapitän des FC Bayern, mag für den neuerlich vielseitigen Pekarik ein gutes Vorbild sein, denn er rotierte in seiner Karriere ja zwischen links und rechts in der Viererkette – immer auf Weltklasseniveau versteht sich.

Für Luhukay ist er deshalb ein gutes Beispiel, weil Lahm seit dieser Saison das Prinzip Rotation durch eine weitere Umdrehung auf die Spitze getrieben hat. Dessen Trainer bei den Münchnern, Pep Guardiola, bietet Lahm seit geraumer Zeit nur noch im zentralen Mittelfeld auf, wo er – wer hätte anderes erwartet – ebenso gut, vielleicht sogar noch besser zur Geltung kommt.

Guardiola und Luhukay eint, dass sie polyvalente Spieler lieben. Sie vergrößern die Möglichkeiten des Trainers und machen ein Team unberechenbarer. Funktioniert das Verschiebemanöver am Ende so gut, wie bei Johannes van den Bergh am Sonnabend, dann ist auch Platz für ein bisschen Eigenlob.