Bundesliga

Hertha siegt in Hamburg - HSV-Spieler von eigenen Fans gejagt

Hertha BSC hat in Hamburg gegen einen kraftlosen HSV 3:0 gewonnen. Die Hanseaten stellten einen Vereinsrekord auf - einen negativen allerdings. Danach gab es eine schwere Auseinandersetzung.

Foto: Axel Heimken / dpa

Mit einem kindlichen Grinsen stapfte Adrian Ramos vom Feld. 86 Minuten waren in der Partie beim Hamburger SV gespielt, und Herthas Stürmerstar hatte seine Arbeit längst erledigt. Bei seiner Auswechslung skandierten die rund 3000 mitgereisten Hertha-Fans den Namen des Kolumbianers. Er war es schließlich, der einem denkwürdigen Spiel seinen Stempel aufgedrückt hatte. Mit zwei Toren (23. und 39. Minute) und einer Vorlage für den Treffer von Sami Allagui (15.) war Ramos der Mann des Tages bei Herthas 3:0 (3:0)-Sieg beim abstiegsbedrohten HSV.

Es war der erste Sieg der Berliner in Hamburg seit 13 Jahren und der höchste Auswärtserfolg seit April 2010 (3:0 in Köln). Vor allem aber war es nach zuletzt zwei Niederlagen zum Rückrundenstart die Rückkehr zum Hurrafußball der Hinserie. Damit klettert Hertha in der Tabelle mit 31 Punkten auf Platz sieben. Für Hamburg dagegen war es bereits die sechste Pleite in Serie, ein Negativrekord für den Bundesliga-Dino. Der HSV taumelt immer hoffnungsloser dem ersten Abstieg der Klubgeschichte entgegen.

„Wir wollten nach zwei Niederlagen zuletzt heute unbedingt gewinnen. Zum Glück ist uns das gelungen“, sagte Tolga Cigerci, der nach Ramos der beste Berliner war und sogleich auch noch ein Lob für den Stürmer parat hatte: „Adrian ist einfach ein super Spieler. Ich hoffe, er wird noch oft für uns treffen in dieser Saison.“ Cigerci konnte nach zwei verpassten Partien wegen Achillessehnen-Problemen erstmals im Jahr 2014 wieder mitmischen. Er war einer von drei Neuen, die Herthas Cheftrainer Jos Luhukay im Vergleich zum 1:3 gegen Nürnberg einsetzte. Für den verletzten Kapitän Fabian Lustenberger (Muskelfaserriss) stellte der Niederländer Routinier Levan Kobiashvili ins Abwehrzentrum. Peter Pekarik kam für Nico Schulz und übernahm die Position links in der Viererkette für Johannes van den Bergh, der überraschend ins linke Mittelfeld vorgeschoben wurde. Auch Per Skjelbred (Grippe) war einsatzfähig und konnte gegen seinen alten Arbeitgeber HSV, von dem er ausgeliehen ist, auflaufen.

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Vor allem aber die Rückkehr Cigercis machte sich deutlich bemerkbar: In der ersten Halbzeit war der Deutsch-Türke vor 48.593 Zuschauern im Hamburger Volkspark an fast jeder gefährlichen Situation beteiligt. Eine Freistoßflanke des 21-Jährigen sorgte für die erste Berliner Chance, doch der Kopfball von Ramos strich knapp am HSV-Tor vorbei (10.). Vier Minuten später zeigte Schiedsrichter Deniz Aytekin auf den Elfmeterpunkt. Heiko Westermann foulte Herthas Hajime Hosogai knapp an der Strafraumgrenze, doch den fälligen Elfmeter parierte Nationaltorwart Rene Adler gegen Ramos (14.). Den Kopf aber ließ er keineswegs hängen. Im Gegenteil: Die anschließende Ecke verlängerte Ramos mit dem Schädel. Allagui musste nur noch zum 1:0 abzustauben (15.). Es war bereits Allaguis siebter Saisontreffer.

Der HSV war nun endgültig verunsichert. Wieder schlug Cigerci eine Freistoßflanke gefährlich vor das Hamburger Tor, Ramos stieg hoch und köpfte den Ball aus fünf Metern zum 2:0 in die Maschen (23.). Wie entfesselt spielten die Blau-Weißen nun gegen immer ängstlichere Hanseaten auf. Nach einem feinen Doppelpass mit van den Bergh tauchte erneut Ramos vor Adler auf und verwandelte mit seinem 14. Saisontreffer zum 0:3 (38.). Damit zog der 28-Jährige wieder an Dortmunds Robert Lewandowski (13 Treffer) in der Torjägerliste vorbei.

Hertha ließ kaum Gefahr im eigenen Strafraum zu

Der zweite Durchgang begann wie der erste endete: Van den Bergh schickte den überragenden Ramos, der wieder allein vor Adler auftauchte, diesmal aber am HSV-Keeper hängen blieb (52.). Selbst ließ Hertha kaum Gefahr im eigenen Strafraum zu. Und wenn dann doch mal ein Hamburger in aussichtsreiche Lage kam wie Ivo Ilicevic in der 77. Minute, bügelte es die stabile Defensive mit dem starken Sebastian Langkamp und Kobiashvili eben aus. Dem HSV hätte an diesem Tag einer wie Pierre-Michel Lasogga gut zu Gesicht gestanden, doch Hamburgs Trainer Bert van Marwijk ließ Herthas Leihgabe bis Sommer, die zuletzt zwei Wochen wegen eines Muskelfaserrisses gefehlt hatte, 90 Minuten lang auf der Bank sitzen. Am Ende blieb es beim hochverdienten 3:0 für Hertha. „Wir sind als starkes Team aufgetreten und hatten heute einige herausragende Spieler in unseren Reihen“, sagte Luhukay.

Der 50-Jährige meinte damit vor allem Ramos, doch die starken Auftritte wecken auch Begehrlichkeiten bei der Konkurrenz. Vor der Partie häuften sich Gerüchte um einen Wechsel zu Borussia Dortmund im Sommer. Sky Italia meldetet, Hertha habe sich mit dem BVB über eine Ablöse von zehn Millionen Euro geeinigt. Ramos soll einen Fünf-Jahresvertrag bekommen und Lewandowski ersetzen, der zum FC Bayern wechselt.

Klopp hält sich bedeckt

BVB-Coach Jürgen Klopp hielt sich am Sonnabend bedeckt: „Wenn es irgendwann einmal was zu sagen gibt, werden wir etwas sagen. Aber das ist im Moment noch weit hin.“ Herthas Manager Michael Preetz sagte nach dem Spiel: „Es ist klar, dass auch andere aufmerksam werden, wenn Adrian so spielt wie heute. Aber es ist legitim für uns, dass wir weiter auf seinen Verbleib hoffen. Er ist unser Schlüsselspieler und sieht, dass sich bei uns gerade etwas entwickelt.“ Eine Einigung mit dem BVB dementierte Preetz klipp und klar: „Nein, das ist noch nicht passiert.“

Neben dem BVB soll zudem der spanische Spitzenklub Atlético Madrid in den Poker um Ramos eingestiegen sein. Ramos’ Berater Helmuth Wennin sagte der Morgenpost: „Es wäre besser, beide Klubs, Dortmund und Hertha, direkt zu fragen. Es gibt eine Vielzahl von Klubs, die an Adrian interessiert sind.“ Wennin ergänzte aber: „Adrian denkt im Moment einzig und allein an Hertha.“ Nach dessen Auftritt gegen den HSV gibt es daran zumindest keinen Zweifel.

HSV-Spieler von eigenen Fans gejagt

Nach dem Debakel für den HSV kam es vor dem Stadion zu unschönen Szenen. Rund 200 Fans hatten sich dort versammelt, um Spielern und Vorstand die Leviten zu lesen. Einige der Anhänger allerdings wurden handgreiflich.

Rund eine Stunde nach dem Spiel erschienen die ersten HSV-Spieler auf dem Parkplatz, um mit ihren Autos nach Hause zu fahren. Daran war allerdings vorerst nicht zu denken. Die wütende Fan-Gruppe forderte lautstark den Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden Carl-Edgar Jarchow.

Als einige Spieler mit den Anhängern diskutieren wollten, eskalierte die Situation. Dabei soll es zu einer hitzigen Debatte zwischen Mannschaftskapitän Rafael van der Vaart und einigen Fans gekommen sein. Schlimmer noch: Stürmer Jacques Zoua wurde von einem geworfenen Gegenstand getroffen und erlitt einen Weinkrampf. Augenzeugen zufolge soll er kaum zu beruhigen gewesen sein.

Massives Polizeiaufgebot

Als der Neuzugang Ola John mit seinem Wagen das Gelände verlassen wollte, kam es gar zu Jagdszenen. Einige Chaoten versuchten, Zäune einzureißen. Ein massives Polizeiaufgebot war nötig, um die Situation zu entschärfen.

Noch am selben Abend wurden die Fahrtwege der Spieler geändert, um sicher das Stadiongelände verlassen zu können. Schon im Stadion war es nach dem Spiel zu Beschimpfungen und Bierbecherwürfen gekommen.

"Das muss man offensiv angehen. Dass uns die Fans nicht um den Hals fallen, war klar", sagte HSV-Vorstandschef Carl Jarchow, der sich den Fans ebenfalls gestellt hatte.