Bundesliga

Streng geheim - Hertha sucht den Nachfolger für Adrian Ramos

Manager Michael Preetz will Torjäger Ramos halten, aber Hertha BSC bereitet sich auf ein Szenario ohne den Stürmer-Star vor. Trainer Jos Luhukay hat eine Schattenmannschaft im Hinterkopf.

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Der Mann der Stunde lächelte. Aber sagen wollte Adrian Ramos nichts. Er breitete die Arme aus und ging schmunzelnd, aber schweigend an der Journalisten-Schar vorbei. Dabei gibt es viele Fragen an Ramos. Wird er Hertha BSC im Sommer verlassen? Wechselt er zu Borussia Dortmund? Oder zu Atletico Madrid? Was ist mit dem AS Monaco? Oder kann er sich vorstellen, seinen Vertrag in Berlin zu verlängern?

So eine Situation gab es bei Hertha schon länger nicht mehr: Dass der Verein schauen muss, wie er mit den Folgen des Erfolges zurecht kommt. Und Trainer Jos Luhukay erlebt zum ersten Mal in seiner Trainer-Karriere, wie es ist, wenn ein Schlüsselspieler der eigenen Mannschaft national und international umworben wird.

Adrian lässt seine Füße sprechen

Nach dem imponierenden 3:0 beim Hamburger SV versuchte es der Trainer zunächst mit der Strategie ‚Ball flach halten‘. Nein, die vielen Schlagzeilen „beeinflussen Adrian nicht“, sagte Luhukay. „Der Spieler lässt sich nicht verunsichern. Wichtig ist, dass Adrian seine Füße sprechen lässt. Das kann gerne so weitergehen.“ Auf die Frage, ob Hertha sich bereits nach einem Nachfolger für Ramos umschaut, falls der im Sommer Berlin verlässt, antwortete der Trainer: „Wir müssen keine Sorgen haben. Adrian hat Vertrag bis 2015. Lasst uns mal etwas freuen über den Sieg in Hamburg. Wenn man sich mit solchen Fragen beschäftigt, verliert man den Fokus für die Herausforderungen der Gegenwart.“

Das war ein netter Versuch. Aber einer, der nicht wiedergibt, was bei Hertha tatsächlich passiert. Ramos war in Hamburg der beste Spieler auf dem Platz. Mit seinen beiden Toren hat er seine Quote auf 14 Saisontreffer und fünf Assists geschraubt. Damit führt der Kolumbianer die Torjäger-Liste der Bundesliga an. Ramos fühlt sich wohl im Team. Nach seiner Auswechslung klatschte er von den Cotrainern bis zum Phyisiotherapeuten alle ab, die auf der Hertha-Bank saßen. Wie sich überhaupt die Mannschaft als starkes Kollektiv zeigte. In dermneben Ramos auch Tolga Cigerci, Hajime Hosogai sowie die Innenverteidiger Sebastian Langkamp/Levan Kobiashvili einen starken Tag erwischt hatten.

Schlüsselspieler beim Aufsteiger

Aber dennoch kamen alle auf Ramos zu sprechen, der derzeit die beste Saison seines Lebens spielt. Die Kollegen loben ihn, wie Johannes van den Bergh. „Adrian schießt nicht nur viele Tore. Er ist auch unser Zielspieler, weil er Bälle behaupten oder für andere ablegen kann.“ Tolga Cigerci sagte: „Adrian ist ein Superspieler. Ich hoffe, er macht noch viele Tore für uns in dieser Saison.“

Die Kollegen benennen die Interessenslage klar. „Adrian wird entscheiden, was das beste für ihn ist“, sagte Cigerci. Van den Bergh wurde noch deutlicher: „Wir sind als Verein noch nicht in der Lage, solch’ einen Spieler auf Dauer zu halten, wenn die Konkurrenz mit internationalem Fußball, mit der Champions League oder mit Titeln lockt.“ Die Spieler wissen, dass Hertha nach zwei Abstiegen und lange Zeit prekären finanziellen Verhältnissen noch etwas Zeit benötigt, um sich als gewichtige Größe in der Liga zu etablieren. Darüber täuscht auch die gute sportliche Lage mit nur zwei Zählern Rückstand auf die Europa-League-Ränge fünf und sechs nicht hinweg (Gladbach und Wolfsburg haben beide 33 Zähler).

Luhukay hat eine Schatten-Mannschaft

Hertha, als Aufsteiger die Überraschungsmannschaft dieser Bundesliga-Saison, hat Ramos schon vor Wochen ein Angebot für einen neuen Drei-Jahres-Vertrag zu stattlich verbesserten Konditionen vorgelegt. Manager Michael Preetz verweist auf den Stellenwert von Ramos: „Adrian ist unser Schlüsselspieler“.

Während sich die öffentliche Wahrnehmung bisher nur auf den Aspekt konzentriert, wohin Ramos wechseln könnte, ist Hertha längst weiter. Auf beharrliches Nachfragen räumte Trainer Luhukay ein, dass sich die Verantwortlichen natürlich ebenfalls mit dem Szenario einer Hertha ohne Ramos befassen. „Wenn ich das nicht machen würde, hätte ich meinen Beruf verfehlt“, sagte Luhukay. „Noch ist nichts passiert, aber man muss eine Art Schattenmannschaft im Hinterkopf haben, um auf schwere Verletzungen oder eben auf Abgänge reagieren zu können. Man muss Alternativen haben, aber das gilt nicht nur für Adrian.“

Hertha liegt kein Angebot für Ramos vor

Der Trainer ließ ebenfalls durchblicken, dass Hertha nicht nach einem 1:1-Ersatz für den Kolumbianer fahndet. „Wir suchen keinen neuen Adrian Ramos. Wir würden versuchen, die Qualitäten auf mehrere Spieler zu verteilen.“ Irgendwie schien den Trainer in diesem Moment das Gefühl zu beschleichen, viel zu viel preisgegeben zu haben. Weshalb Luhukay seine Ausführungen versuchte, weg von Ramos zu schieben: „Aber das gilt für alle Mannschaftsteile: Wir schauen, wohin wir uns entwickeln wollen.“

Manager Preetz lässt sich bei dem Thema nicht locken: „Wir freuen uns über jedes Tor von Adrian. Das Angebot für ihn steht und gilt. Wir hoffen, dass er bei uns verlängert.“ Hertha wird nicht so viel Geld bieten können wie andere Vereine. Allerdings: Bisher liegt Hertha kein Angebot für Ramos vor.

Ramos besser als Preetz

Aber der Manager, selbst Rekordtorschütze von Hertha BSC, könnte Ramos einiges über seine beste Saison erzählen. 1998/1999 hatte der damalige Hertha-Stürmer Preetz nach 20 Spielen (also soviel wie der Hauptstadt-Klub derzeit absolviert hat) zwölf Tore auf dem Konto – zwei weniger als Ramos aktuell. Am Ende jener Saison wurde Preetz Torschützenkönig (23 Treffer), verlängerte seinen Vertrag und zog mit Hertha in die Champions League ein.

Zugegeben, mit der Königsklasse kann Hertha Ramos derzeit nicht locken. Aber bei den Verhandlungen über einen neuen Vertrag hat Preetz Ramos die Nachbildung der Torjäger-Kanone von 1999 gezeigt, die im Manager-Büro steht. Versehen mit der Aufforderung: „Adrian, nur gucken. Aber nicht anfassen.“ Unterton: Das kann aber noch werden.