Auf dem Platz musste sich Peter Niemeyer nicht neu erfinden. Bereits vor Anpfiff macht der defensive Mittelfeldspieler immer Betrieb auf seiner Position. Er feuert seine Mitspieler an und klatscht laut in die Hände, als würde er und nicht der Schiedsrichter die Partie beginnen lassen. „Niemeyer wie immer“, sagt er dann lächelnd, wenn er auf seine kämpferische Einstellung angesprochen wird. Keine große Sache, heißt das für ihn. Beschäftigt hat ihn hingegen, dass er erst nach 18 Spieltagen zu seinem Startelfdebüt in dieser Saison kam. Nach dem Verlust der Kapitänswürde im Sommer musste sich der unumstrittene Anführer der Hertha-Aufstiegself neu orientieren.

Etwas hat sich verändert in der Zeit. Peter Niemeyer denkt über jeden Satz genau nach, wenn er angesprochen wird. Dabei ist er keinesfalls ängstlich oder schüchtern. Ganz im Gegenteil. Er hat überhaupt kein Problem damit, sich auch unangenehmen Situationen zu stellen. Das hat er als Spielführer schon oft genug bewiesen. Vom „Kapitänchen“, als das er zu Beginn bezeichnet wurde, ist überhaupt keine Rede mehr. Aber er wiegt mittlerweile jedes Wort genau ab.

Lob von Trainer Luhukay

„Von meinem Startelfdebüt habe ich mir natürlich mehr erhofft“, sagte er beispielsweise nach dem 0:1 zum Rückrundenstart bei Eintracht Frankfurt. Nach einer kurzen Pause verbessert er sich aber noch einmal: „Vom Ergebnis her habe ich mir mehr erhofft. Trotzdem habe ich mich natürlich gefreut, endlich wieder von Beginn an dabei sein zu können.“ Er überlegt genau, welche Wirkung bestimmte Sätze haben können. Den Medienbetrieb in Berlin kennt er gut genug, um nicht blauäugig jeden Gedanken, den er nach seiner Entmachtung als Hertha-Kapitän hatte, öffentlich zu sagen. Aber Zweifel an seiner persönlichen Leistungsfähigkeit will er gar nicht aufkommen lassen. Das machte er mit der Verbesserung seiner Aussage deutlich.

Denn gerade mit solchen Bedenken hatte Jos Luhukay den Wechsel in der Mannschaftshierarchie begründet. Im Sommer ernannte er Fabian Lustenberger zum Kapitän und sagte: „Peter ist ein Kapitän gewesen, der das vorbildlich gemacht hat. Er hat motiviert. Aber das war im letzten Jahr. Ich hoffe, dass Peter als Spieler wieder sich findet. Sportlich ist ein Stück Zweifel da. Er ist nicht mehr gesetzt. Menschlich hoffe ich, dass er die Situation annimmt und die Mannschaft weiter motiviert.“

Gerade vor dem Hintergrund dieser Worte ist die Beurteilung durch den Trainer zu sehen, der ein halbes Jahr später über die Doppel-Sechs Peter Niemeyer und Hajime Hosogai spricht: „Beide haben gemeinsam dafür gesorgt, dass wir hinten stabil waren. Wir haben gegen Frankfurt so wenig zugelassen, weil sie schon vorher alles abgeräumt haben. Deshalb bin ich zufrieden.“

Peter Niemeyer zieht eine scharfe Trennlinie zwischen der Degradierung im Sommer und seiner persönlichen sportlichen Situation. Einen Zusammenhang schließt er kategorisch aus. Denn das würde aus seiner Sicht bedeuten, er hätte nicht immer hundert Prozent im Training gegeben. Und doch ist es auffällig, dass er seit der Wintervorbereitung deutlich befreiter auftritt. Von vielen Beobachtern wird er gar als Gewinner des Trainingslagers in der Türkei gesehen. „Dem würde ich widersprechen“, geht Niemeyer dazwischen. Fast so energisch wie bei einem Duell auf dem Rasen. „Ich habe auch vorher versucht, immer Gas zu geben und mich nie hängen lassen.“

Nutznießer von Cigercis Ausfall

Aber getroffen hat ihn die Zurückstufung schon. Sie war ein offen ausgesprochener Zweifel. Die Transparenz und Geradlinigkeit, für die der Niederländer Luhukay so oft gelobt wird, kann auch weh tun. Niemeyer bekam das zu spüren. Heute gibt er offen zu: „Sicherlich hatte ich mit der Situation zum Anfang sehr zu kämpfen. Das ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass ich weiter der Peter bin, der ich in den letzten drei Jahren hier war.“ Es war nicht allein die fehlende Kapitänsbinde, die ihm zu schaffen machte. Das ist im Zweifelsfall ein Stück Stoff, den es für 4,95 Euro im Fanshop zu kaufen gibt. Nirgendwo für Geld ist allerdings die Anerkennung zu haben, die man sich durch Einsätze auf dem Platz erwirbt. Das ist der Stoff, nach dem Profis wie Niemeyer gieren.

Auch wenn es merkwürdig klingt: Das Problem des Aufstiegskapitäns war Herthas Erfolg in der Bundesliga. Für Luhukay gab es wenig Gründe, seine Mannschaft umzuwerfen. Ein Dilemma, in dem sich aber auch die Mannschaftsdienlichkeit von Spielern zeigt. Eine Tugend, die Niemeyer selbst aus der Erfahrung des vermeidbaren Abstieges 2012 vom Team vor Saisonbeginn eingefordert hat. Da sprach er noch als Kapitän und es war zu dem Zeitpunkt eigentlich undenkbar, dass er sich mit seiner Aufforderung selbst meinen würde. Doch er hat ruhig weitertrainiert, kam zu Kurzeinsätzen. Im Gegensatz zum amtierenden Vizekapitän Peer Kluge, stand Niemeyer auch in jedem Spiel im Mannschaftskader. Ein deutliches Zeichen dafür, dass der Trainer eindeutig nur nach sportlichen Gesichtspunkten aufstellt.

Erst der Ausfall von Tolga Cigerci wegen Achillessehnenproblemen brachte den Mittelfeldspieler wieder in die Startelf. Da er auch am Sonntag gegen Nürnberg (15.30 Uhr, Olympiastadion) noch nicht spielen kann, hat Niemeyer große Chancen, wieder in der Startelf zu spielen. Groß darüber reden möchte er aber nicht. Stattdessen konzentriert er sich auf das, womit er sich bei Hertha einen Namen gemacht hat. „Ich versuche meinen Streifen zu spielen, so wie ich es andauernd getan habe.“ Niemeyer wie immer eben.