Rückrunden-Auftakt

Warum Hertha den Klassenerhalt schon so gut wie sicher hat

Die Berliner starten mit tollen Aussichten in die Rückrunde. Nie stieg ein Klub ab, der im Winter 28 Punkte oder mehr hatte. Doch der einstige Absturz des Auftaktgegners Frankfurt ist eine Warnung.

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Jos Luhukay hat ein Problem: Herthas Cheftrainer muss umdenken. Für den Auftakt in die Bundesliga-Rückrunde heute Abend bei Eintracht Frankfurt (18.30 Uhr/im Liveticker bei immerhertha.de) fällt Tolga Cigerci aus. Dem Mittelfeldspieler schmerzt die Achillessehne. Wer aber kann den Jungen ersetzen, wurde Luhukay die ganze Woche über gefragt? Der schwieg erst einmal und wunderte sich.

Denn der Niederländer muss sich schon in einer ziemlich komfortable Ausgangslage befinden, wenn seine einzige Baustelle vor dem Wiederbeginn des Ligabetriebs darin besteht, einen 21-Jährigen zu ersetzen, dessen Karriere vor dieser Saison in den Niederrungen der Wolfsburger Amateurmannschaft zu versanden drohte.

Sicher, Cigerci hat sich durch seine Laufstärke zum Stammspieler entwickelt, nachdem ihn Hertha Ende August vom VfL Wolfsburg ausgeliehen hatte. Und er steht für jene Erfolgsgeschichte des Nobodys, der die Liga aufmischt, die ja auch Hertha in der Hinserie für sich geschrieben hat.

Die Statistik macht Mut

Sein Ausfall aber wirft Luhukay keine Sorgenfalten auf die Stirn: „Ich mache mir darüber nicht so einen Kopf“, sagte der 50-Jährige. Er habe mit Peter Niemeyer, Hany Mukhtar und Routinier Levan Kobiashvili schließlich ein paar hübsche Alternativen im Kader. Routinier Peer Kluge steht nicht im Kader für die Partie in Frankfurt.

Zudem habe sein Team ja schon in der Hinrunde Ausfälle kompensieren können. „Wenn es uns in Dortmund gelungen ist, drei, vier Spieler zu ersetzen, wird es uns auch in Frankfurt bei einem einzigen gelingen“, sagte Luhukay.

Jenes Selbstbewusstsein ist es, mit dem der Berliner Cheftrainer und seine Mannschaft in die verbleibenden 17 Partien der Spielzeit gehen. Und sie haben allen Grund dazu, denn die Aussichten sind blendend: 28 Punkte stehen auf dem Konto der Blau-Weißen. Mit drei Siegen in Serie, darunter das 2:1 gegen den Champions-League-Finalisten Borussia Dortmund zum Jahresende, verabschiedete sich Hertha in den Urlaub.

Seit vier Partien ist Luhukays Team ungeschlagen und überwinterte auf Tabellenplatz sechs, der am Saisonende zur Teilnahme an der Europa League berechtigen würde.

Wichtiger aber noch ist der mittlerweile beruhigende Abstand zu den Abstiegsplätzen – 14 Zähler trennen Hertha vom SC Freiburg auf dem Relegationsrang 16. Denn bei aller Euphorie im Fanlager des wiedererstarkten Aufsteigers hat sich dessen Primärziel nicht verändert: Es lautet weiterhin Klassenerhalt. Diesbezüglich sind Herthas Aussichten für die Rückserie noch ein bisschen heiterer, wenn man die Statistik befragt: Denn seit der Einführung der Drei-Punkte-Regel zur Saison 1995/96 ist noch nie eine Mannschaft aus der Bundesliga abgestiegen, die mit 28 oder mehr Punkten in die Rückrunde ging.

Frankfurt will Rache für die Auftakt-Pleite

Grund zur Sorge, dass das diesmal anders sein könnte, sieht Sebastian Langkamp nicht: „Ich glaube, wir haben keine Substanz verloren. Wir konnten in der Winterpause intensiv trainieren und haben an einigen Details gearbeitet“, sagte Herthas Innenverteidiger.

Und auch Luhukay hat keinen Konzentrationsschwund bei seinen Spielern beobachtet: „Ich nehme die Mannschaft momentan in einer Topverfassung wahr – körperlich und mental. Sie hat in der Hinserie Moral bewiesen, und diese Eigenschaft brauchen wir auch in der Rückrunde“, sagte der Trainer. An den Auftaktgegner Eintracht Frankfurt hat Hertha zudem ja schöne Erinnerungen.

Das 6:1 im Hinspiel war der Startschuss einer überraschend starken Hinrunde. Das Rückspiel nun soll der Beginn der Überraschung zweiter Teil werden. Das Team von Trainer Armin Veh ist im eigenen Stadion noch ohne Saisonsieg, liegt mit 15 Punkten nur einen Zähler vor dem Relegationsplatz 16 und sinnt auf Rache für die Klatsche zum Saisonstart. „Wir haben etwas gut zumachen“, sagte Eintracht-Kapitän Pirmin Schwegler.

50:50 Chance für Europa

Es war als Warnung an die Berliner gemeint und wird sie dennoch wenig beeindrucken. Wesentlich nachhaltiger ist allerdings ein schrillerer Warnruf, der von der Eintracht ausgeht: Vor drei Jahren überwinterten die Hessen mit 26 Punkten auf Tabellenplatz sieben und träumten bereits heimlich vom Einzug in den Europapokal.

Nach einer katastrophalen Rückrunde mit nur einem Sieg und elf Pleiten stieg die Eintracht mit 34 Zählern auf Platz 17 ab. Nicht einmal die viel besungenen Motivationskünste eines Christoph Daums, der Michael Skibbe auf der Trainerbank ablöste, konnten den Absturz verhindern.

Luhukay hat sich vorgenommen, die Zerrkräfte des Erfolgs – den Leichtsinn und die gesteigerte Erwartungshaltung – von seinem Team so gut es geht fernzuhalten. Es gehe ihm nicht so sehr um die Platzierung in der Tabelle, sondern um die Art und Weise, wie seine Mannschaft Fußball spielt.

Die Chancen, dass es dann dennoch für die große Überraschung reichen könnte, stehen immerhin 50 zu 50. Das zumindest sagt die Statistik: Jedes zweite Team, das in der Winterpause mit rund 28 Punkten oder mehr da stand (26 bis 29 Zähler), schaffte am Saisonende auch den Einzug in den Europapokal.