Hertha BSC

Zwei Norweger suchen bei Hertha BSC das große Abenteuer

Per Skjelbred und Rune Jarstein führten in Norwegen ein entspanntes, erfolgreiches Fußballer-Leben. Doch das war ihnen irgendwann nicht mehr genug. In Berlin erfüllt sich jetzt für sie ein Traum.

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Per Skjelbred hat noch nicht genug. Das Gespräch ist eigentlich schon vorbei, aber Herthas norwegischer Mittelfeldspieler interveniert: „Wir haben doch noch viel zu wenig über das schönste Land der Erde gesprochen“, sagt Skjelbred, schnappt sich das Aufnahmegerät, schaltet es wieder ein und hält es Rune Jarstein unter die Nase: „Rune, was ist typisch norwegisch?“ Die Antwort seines Landsmannes aber wartet der 26-Jährige nicht ab: „Abenteuer“, ruft er ins Mikrofon. „Norweger lieben das Abenteuer.“

Auf den Spuren Kjetil Rekdals

Es ist ein programmatischer Satz, den Per Skjelbred in seinem britisch gefärbten Englisch da von sich gibt. Denn das Abenteuer ist es ja, was ihn und Jarstein verbindet. Zum Jahresbeginn hat Hertha den norwegischen Nationaltorwart Jarstein bis 2016 ablösefrei von Viking Stavanger verpflichtet. Zum allerersten Mal hat der 29-Jährige damit sein Heimatland verlassen, um in einer stärkeren Liga aufzulaufen. „Es war immer mein Traum, einmal im Ausland zu spielen“, sagt Jarstein. „Lange hat es nicht geklappt, jetzt bin ich glücklich darüber.“

Seinen Nationalmannschaftskollegen Skjelbred zog es bereits 2011 von Rosenborg Trondheim nach Deutschland zum Hamburger SV. Seit Anfang September ist er in Berlin. Hertha hat ihn im Tausch mit Pierre-Michel Lasogga vom HSV bis Saisonende ausgeliehen. Damit spielen erstmals in der Geschichte des Hauptstadtklubs zwei Norweger gemeinsam in der ersten Liga für Hertha. Nach Jan-Halvor Halvorsen (1989-92), Kjetil Rekdal (1997-02) und Trond Fredrick Ludvigsen (2002-04) sind Skjelbred und Jarstein überhaupt erst die Norweger Nummer vier und fünf bei den Berlinern. Und die Geschichte beider liest sich ähnlich: Sie beginnt – wie jede gute Abenteuergeschichte – mit Unsicherheit und der Frage: Aufbruch oder Stillstand?

Gemeinsam wurden sie 2008 mit Trondheim norwegischer Meister

„Für Rune ist es genauso wie für mich gewesen“, erzählt Skjelbred. „Wir haben lange in Norwegen gespielt, aber irgendwann stellst du dir die Frage: War es das jetzt schon?“ Alles sei angenehm zu Hause gewesen. Ein guter Verein, ein gutes Leben. Beide gewannen 2008 gemeinsam mit Trondheim die norwegische Meisterschaft. Beide galten früh als große Hoffnungen für den norwegischen Fußball. Immer aber habe es auch den Wunsch gegeben, der Heimat den Rücken zu kehren und etwas Besonderes zu versuchen. „Es gab nur zwei Möglichkeiten“, sagt Skjelbred. „Zufrieden damit sein, was man hat. Oder sagen: Scheiß drauf! Du springst jetzt einfach und schaust, wo du landest.“

Den großen Sprung hätten Skjelbred und Jarstein schon früh in ihrer Karriere wagen können. Als Jugendspieler hatten beide die Chance, in die Premier League zu wechseln. Skjelbred gewann mit 14 bei der norwegischen TV-Show „Proffdrommen“ („Der Traum vom Profifußball“) ein Probetraining beim FC Liverpool. Die Engländer wollten ihn für ihr Jugendteam verpflichten, doch er traute sich die Herausforderung nicht zu. Ähnlich war es bei Jarstein. Dreimal spielte er mit 15 bei seinem Lieblingsklub Manchester United vor. Auch der englische Spitzenklub wollte den Torwart haben.

In Liverpool hatte der junge Jarstein noch Heimweh

„Aber ich habe keinen einzigen Moment daran gedacht, wirklich dorthin zu gehen“, erzählt Jarstein. „Ich hatte Heimweh, ich war einfach noch nicht bereit, mein Zuhause zu verlassen.“ Jarstein machte seinen Weg in der norwegischen Liga – zunächst bei Odd Grenland in seiner Heimatstadt Skien, später in Trondheim und Stavanger. Als er die Hoffnung, seinen Traum vom Ausland zu erfüllen, mit 29 fast schon aufgeben musste, kam doch noch das Angebot von Hertha, hinter Stammtorwart Thomas Kraft als Nummer zwei die Konkurrenz im Torwartteam der Berliner zu verschärfen.

Oft musste Jarstein in den ersten zwei Wochen bei Hertha über die Konkurrenz zu Kraft sprechen. „Wenn ein neuer Torwart kommt, finden das die Torwarte, die schon da waren, meist natürlich nicht gut. Das kann auch hier in Berlin so sein, aber sie lassen es mich nicht spüren“, sagt Jarstein. Kraft helfe ihm vielmehr bei der Eingewöhnung und spreche oft mit ihm. „Das rechne ich ihm hoch an“, sagt der Schlussmann. Dennoch sieht sich Jarstein nicht nur als klassische Nummer zwei: „Ich hoffe, dass ich meine Chance bekomme“, sagt Jarstein. „Ich will den Trainer und die Zuschauer von mir überzeugen.“

In Hamburg war Skjelbred nur ein Ergänzungsspieler

Was Jarstein noch vorhat, hat Skjelbred in den viereinhalb Monaten, die er da ist, bereits geschafft: Er hat alle überrascht. In Hamburg kam der vielseitige Mittelfeldakteur nicht über die Rolle des Ergänzungsspielers hinaus. Als sich Herthas Spielmacher Alexander Baumjohann Ende August das Kreuzband riss und Manager Michael Preetz neben Tolga Cigerci auch Skjelbred als Ersatz verpflichtete, fragten viele Fans: Per wer? Vom ersten Spiel an aber stand Skjelbred ununterbrochen bis zur Ende der Hinrunde in der Startelf, erzielte in Freiburg sein allererstes Bundesligator und bereitete insgesamt fünf Treffer vor. „Pers Verpflichtung hat uns unglaublich gut getan“, sagt Herthas Cheftrainer Jos Luhukay. „Er ist ballsicher, in unserem Umschaltspiel enorm wichtig und hat einen riesigen Drive nach vorn“, sagt der Niederländer. Zudem sei er auf drei, vier Positionen im Mittelfeld einsetzbar: „Das macht ihn so wertvoll für uns.“

Doch Skjelbreds Zukunft ist ungewiss: Hertha würde den Blondschopf gern über den Sommer hinaus an sich binden, besitzt aber keine Kaufoption. Die Gespräche laufen. Weil der HSV andererseits aber auch Lasogga halten will und ebenfalls keine Kaufoption für den Stürmer besitzt, droht der Norweger im Poker um Lasogga von den Hamburgern als Druckmittel benutzt zu werden. „Ich möchte unbedingt bei Hertha bleiben“, sagt Skjelbred. „Aber ich gehe davon aus, dass sich diese schwierige Situation erst nach Saisonende klären lässt.“

Scheitern ist keine Schande – der Versuch ist es, was zählt

Das Abenteuer Berlin habe sich für ihn jetzt schon gelohnt: „Für mich ist das hier wie ein Traum vom Rockstar-Leben. In Norwegen ist es kein bisschen Rockstar. Da ist alles viel kleiner“, sagt Skjelbred. Er habe Jarstein zum Wechsel nach Berlin geraten. „Denn Scheitern“, sagt er, „ist keine Schande. Aber wer nicht versucht, wovon er immer geträumt hat, der hat schon verloren.“