Bundesliga

Warum Jürgen Röber für einen Schauspieler gehalten wird

Im Morgenpost-Interview spricht Jürgen Röber über die Saison von Hertha BSC, Erlebnisse mit Michael Preetz, die Kunst des Klavierspielens und seine Lebensbilanz zum 60. Geburtstag: „Ich werde ruhiger.“

Foto: Bernd Settnik / picture-alliance / dpa

Sein Leben ist Fußball. Knapp 20 Jahre war er Profi, unter anderem für Werder Bremen, den FC Bayern und Nottingham. Dann bestieg er die Achterbahn der Trainer-Karriere mit den größten Höhen bei Hertha BSC, aber auch unsanften Abstürzen wie einem Kurz-Intermezzo bei Borussia Dortmund. Am Sonnabend tritt Hertha beim BVB an, an Weihnachten wird Jürgen Röber 60 Jahre alt. Morgenpost-Redakteur Uwe Bremer hat mit Röber gesprochen über die abgekühlte Beziehung zu Hertha, die verpasste Chance in Hoffenheim, die Entdeckung des Klavierspielens und die veränderte Lebensqualität nach dem Ende der Trainer-Laufbahn.

Berliner Morgenpost: Herr Röber, Sie waren Bayern-Profi, später Trainer in Dortmund. Seit Jahren spielen diese Klubs den spektakulärsten Fußball im Land. Bei wem lacht Ihr Fußballherz mehr?

Jürgen Röber: Aktuell bei den Bayern. Ich habe deren 7:0 in Bremen im Stadion gesehen. Wenn Dortmund alle Mann dabei hat, spielen sie auch einen überragenden Fußball. Vom Spiel her finde ich die Bayern noch einen Tick besser. Dazu haben sie den breiteren Kader. Grundsätzlich machen beide Vereine unglaublich Werbung für Fußball in Deutschland.

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Überrascht Sie die Intensität, in der Dortmund heute spielt?

Ich war immer ein Trainer, der darauf geachtet hat, dass meine Mannschaften topfit waren. Aber ich bin überrascht, wohin sich das heute entwickelt hat. Heute sprinten die Spieler rauf und runter. Alle sind fit. Die Laufbereitschaft ist beeindruckend. Aber wenn ich mir die Verletzungen anschaue, die jetzt kommen, frage ich mich, ob das mit der Intensität zusammenhängt.

Wie erleben Sie Hertha als Bundesliga-Aufsteiger?

Hertha ist die positive Überraschung dieser Saison. Sie spielen nicht vorsichtig wie ein Aufsteiger. Hertha tritt gefestigt auf, als sei man schon jahrelang dabei. Ich habe keine Angst, dass Hertha in dieser Saison in Richtung Abstieg geht.

Wie erklären Sie sich die Stabilität?

Die Mannschaft ist gut zusammengestellt. Adrian Ramos war immer ein guter Spieler, aber jetzt entwickelt er sich zu einem Torjäger.

Sie werden 60 Jahren an Weihnachten. Wird man weiser?

Sagen wir – ruhiger. Vor zwei Jahren habe ich mir gesagt, dass ich das nicht mehr will mit dem Trainer-Beruf. Ich kann das nicht mehr, das geht an meine Substanz. Wenn ich privat unterwegs war mit der Familie: Ich war nie da, weil ich in Gedanken permanent beim Beruf war. Ich habe mir selbst stets einen unfassbaren Druck auferlegt. Dann habe ich mir gesagt: Du wirst demnächst 60. Du bist fast 40 Jahre auf dieser Bühne rumgelaufen. Das reicht. Jetzt kann ich vielleicht noch 10, 15 Jahre bewusst leben. Vielleicht war das weise.

Was heißt für Sie bewusst leben?

Ich reise unheimlich gern. Ich war auf den Malediven, in Schottland, in Norwegen, in Bangkok, bin regelmäßig an unserem zweiten Wohnsitz an der Ostsee. Wenn ich heute etwa zum Golfen reise mit einer kleinen Gruppe: Wir lachen so viel, das hätte es früher nicht gegeben.

Sie haben sich immer über Ehrgeiz definiert. Kommt mit den Jahren Demut dazu?

Ich war immer demütig. Ich weiß, woher ich komme. Meine Eltern sind 1956 aus der DDR geflohen, wir haben die ersten beiden Jahre in einem Lager gelebt. Mein Vater hat unter Tage gearbeitet. Ich habe mir nie etwas eingebildet, dass ich Profi war oder bekannt. Ich habe mir das bewahrt. Denn Werte sind in der heutigen Zeit, wo sie immer mehr verloren gehen, wichtig.

Wer sich im Fußballgeschäft bewegt, ist populär. Wie verändert sich das, wenn man sich zurückzieht?

Was ich wirklich vermisse, ist die Arbeit mit einer Mannschaft. Ansonsten merkt man, wenn man nicht mehr so gefragt ist: Wer ruft dich noch an? Wer meldet sich? Je weniger man auftritt, desto weniger wird man erkannt. Das ist ein Teil meines Berufs, den ich überhaupt nicht vermisse. Wobei, manchmal, wenn ich irgendwohin fahre, sagt der Taxifahrer: Schauspieler, nicht? Weil er meinen Kopf mal im Fernsehen gesehen hat, aber mich nicht mehr genau zuordnen kann. Ich sage dann aus Spaß: Ja, habe aber Drehpause.

Sie haben von 1974 bis etwa 1990 als Profi gespielt. Wie hat sich der Fußball verändert?

Es ist alles schneller geworden. Und das, was zu meiner Zeit als Trainer anfing, ist heute ganz selbstverständlich. Ich hatte noch Riesenärger bei Hertha, weil ich Alex Alves ausgewechselt habe, weil er nicht zurück gearbeitet hat. Wenn man kompakt spielen will, muss man eine große Laufbereitschaft haben. Das heißt, die Verteidiger müssen mit nach vorn sprinten. Und die Stürmer müssen mit in der Defensive arbeiten. Wer das heute nicht macht, hat keine Chance mehr.

Sind die Spieler heute besser als früher?

Das Training ist klüger geworden. Das macht auch den einzelnen Spieler besser. Früher ist die ganze Mannschaft im Block gelaufen. Heute läuft jeder nach seinem individuellen Fitnesszustand. Die Trainingslehre hat sich verändert. Früher hatte ich einen Cotrainer, Bernd Storck. Am Anfang hatten wir nicht mal einen Torwarttrainer. Heute hat ein Cheftrainer einen ganzen Stab mit Athletiktrainer, Fitnesstrainer, Ernährungsberater . . . für jeden Bereich. So kann man intensiver, individueller und in Gruppen arbeiten.

Wie nehmen Sie heute die Talente wahr, die aus den Nachwuchsakademien kommen, beidfüßig ausgebildet sind, in der Regel ihr Abitur machen, vor dem ersten Profispiel ein Medientraining hinter sich haben – verglichen mit Ihren Anfängen?

Das kann man überhaupt nicht vergleichen. Profi ist heute eine andere Welt. Der entscheidende Schritt war Anfang der 2000erJahre die Einrichtung der Nachwuchsakademien. Der Erfolg, den wir jetzt haben, mit dem unendlichen Spielerpotenzial, das derzeit in der ersten Liga ankommt, resultiert aus dieser Nachwuchsarbeit. Schule und Sport sind aufeinander abgestimmt. Es gibt mittlerweile richtig gute Nachwuchstrainer. Wir haben überragende junge Leute. Die nicht nur fußballerisch besser ausgebildet sind, sondern auch vom Kopf her viel weiter sind, als wir damals.

Was hat der Schritt ins Profidasein, das Geld, die Popularität Sie verändert?

Ich war zuerst sechs Jahre bei Werder Bremen. Wenn man sechs Jahre nur gegen den Abstieg spielt, läuft man in der Woche eher mit dem Kopf nach unten durch die Stadt, als dass man denkt, man wäre ein Star. Aber medial hat es sich total verändert. Früher waren wir alle vier Wochen mal im Werder im Fernsehen. Heute als Trainer ist man täglich auf dem Schirm. Das verändert natürlich den Bekanntheitsgrad.

Nach kontinuierlichen Jahren als Profi gab es bei Ihnen als Trainer zum ersten Mal Brüche. Phasen, in denen Sie als Trainer beschäftigt waren, wechselten ab mit solchen, wo Sie keinen Job hatten.

Wenn es irgendwo zu Ende war, hatte ich nie das Gefühl, dass ich monatelang aussetzen würde. Aber klar war das eine neue Erfahrung. In Stuttgart war ich enttäuscht. Ich hatte diese Riesentruppe zusammengestellt mit Bobic, Balakov und Elber. Ich habe den VfB ins Pokalfinale geführt. Bin aber vier Wochen vorher rausgeflogen, weil ich nicht den Cotrainer genommen habe, von dem Stuttgarts Präsident Meyer-Vorfelder wollte, dass ich ihn nehme. Meine Frau hat damals gesagt: Wärest du etwas diplomatischer, wärst du Pokalsieger geworden. Aber ich wollte mich nicht verbiegen.

Sie hatten fünf Stationen im Inland, drei im Ausland. Ein Trainer ist auch Handlungsreisender in Sachen Fußball: Wie oft haben Sie sich identifiziert mit einem Verein, mit einer Region?

Wenn ich einen Vertrag unterschreibe, bin ich mit Leib und Seele bei dem Verein. Mein Ehrgeiz sagt, dass ich immer das Optimum herausholen will. (Lacht) Nur klappt das leider nicht immer.

Sie haben jahrelang unter schweren Schlafstörungen gelitten.

Ich war immer sehr ehrgeizig. Ich bin mit meiner Aufgabe für den Verein und die Spieler ins Bett gegangen und morgens wieder aufgewacht. Und bin dazwischen jede Nacht fünf, sechs Mal wach gewesen. Aufgestanden. Habe Musik gehört. Gearbeitet. Oder bin gejoggt. Es ist ja kein Zufall, dass ich erst seit ein, zwei Jahren, wieder einigermaßen durchschlafen kann.

Es ist legendär, dass Sie nach dem Erreichen der zweiten Champions-League-Runde beim FC Chelsea nachts um halb drei an der Themse gelaufen sind.

Mir hat bei der offiziellen Feier nach dem Spiel einiges nicht gefallen. Da habe ich unserem Pressesprecher Hans-Georg Felder gesagt: Mir reicht das, lass uns Laufen.

Gegen Chelsea hat der damals 19-Jährige Sebastian Deisler zum ersten Mal bei Hertha auf der Spielmacher-Position gespielt.

Sebastian war der beste Spieler, den ich je trainiert habe. Ja, auch Carlos Dunga oder Giovane Elber waren beeindruckend. Aber das Potenzial von Sebastian, zu sehen wie er trainiert seine Sprungkraft, seine Beweglichkeit, seine Flankentechnik, das war Freude pur. Hätte sein Körper die Belastung im Profifußball mitgemacht, wäre er zigfacher Nationalspieler.

Wer ist für einen Trainer die wichtigste Figur im Verein: Der Präsident, der ihn einstellt oder entlässt?

Man sieht das in Dortmund an Jürgen Klopp und Hans-Joachim Watzke. Es ist wichtig, dass du den Mann im Verein, der das Sagen hat, komplett hinter dir hast. Egal ob das der Präsidient oder der Manager ist. Ich hätte mir in meinen turbulenten Phasen gewünscht, einen Präsidenten wie Werner Gegenbauer hinter mir zu haben.

Es gab in der Abstiegssaison im März 2010 unter Friedhelm Funkel eine Anfrage von Michael Preetz.

Ich konnte aus privaten und gesundheitlichen Gründen damals nicht übernehmen. Unabhängig davon war der Zeitpunkt sehr spät. Zum Rückrunden-Start wäre es eine andere Ausgangsposition gewesen. Bedauerlicherweise ist das Verhältnis zu Hertha seitdem sehr abgekühlt. Wenn ich das Gefühl habe, ich bin nicht gern gesehen, gehe ich da auch nicht mehr hin. Das ist schade.

Wie, Sie leben seit 17 Jahre in Berlin, und gehen nicht zu Hertha?

Leider ist es weniger geworden. Ich mag die Stadt. Hertha ist mein Verein, in dem ich die schönste Zeit meines Trainerlebens hatte. Die Zeit war unglaublich: Wir haben mit 3000 Zuschauer angefangen in der Zweiten Liga, dann waren es 75.000 gegen Kaiserslautern. Und wenig später haben wir Champions League gespielt. Dazwischen bin ich jedes Jahr gefühlt zwei Mal entlassen worden. Und mittlerweile bin ich seit zwölf Jahren glücklich verheiratet mit einer Berlinerin.

Wenn das Verhältnis so distanziert ist, wie verfolgen Sie Hertha?

Ich freue mich. Hertha hat einen sehr guten Trainer mit Jos Luhukay. Ich glaube, wir haben eine ähnliche Trainer-Philosophie. Ronny ist ein Riesenkicker. Aber wenn er nicht fit ist, sitzt Ronny auf der Bank. Spieler merken, ob ein Trainer konsequent ist. Ich erinnere mich, dass nach dem Aufstieg 1997 Michael Preetz kam und meinte, er müsse jetzt spielen. Da habe ich gesagt: Langer, bietest Du mir genug an im Training? Michael hat schnell gelernt. Als seine Chance kam, war er da. Wo das hingeführt hat, wissen wir: Michael ist Torschützenkönig und Nationalspieler geworden.

Profifußball wird assoziiert mit jugendlich und dynamisch. Mit 60 sind Sie nicht mehr in der Rubrik Forever young.

Erst bin ich Opa geworden, jetzt werde ich 60. Das sehe ich ganz gelassen. Es gab eine Phase, in der nur junge Konzepttrainer gefragt waren. Dann hat Jupp Heynckes im hohen Alter hervorragende Ergebnisse eingefahren. Grundsätzlich muss man als Trainer Fachwissen und ein gutes Auge für Spieler haben. Man muss ehrlich zu den Spielern sein, auch wenn es manchmal hart ist. Und man muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein.

Gab es mal ein passendes Angebot zu unpassender Zeit?

Es gab da mal einen Anruf Hoffenheim. Ich war auf Mallorca. Ich dachte mir, hm, Champions League mit Hertha, gehst du jetzt in die dritte Liga? Ralf Rangnick hat das dann gemacht und ich glaube, Dietmar Hopp ist jemand, mit dem man gut zusammenarbeiten kann. Da ist nicht nur viel Geld unterwegs, die haben ein Konzept. Und es gibt ein großes Engagement im Nachwuchs und in sozialen Bereichen. Ich finde, dass Herr Hopp oft zu Unrecht kritisiert wird.

Wenn man Sie anruft, hört man zunächst Musik. Sie sagen: Mein Leben ist Musik. Ich dachte, Ihre Leidenschaft sei der Fußball.

Bei mir steht an erster Stelle Musik. Ich laufe mit Musik. Ich lese mit Musik. Im Auto ist Musik. In meiner Wohnung, ob Küche oder Bad, da läuft in jedem Raum Musik. Ich liebe Rhythmus. Ich höre Nat King Cole oder Barbra Streisand oder klassische Musik. Ich habe, nachdem ich jahrelang einen Flügel hatte, vor zwei Jahren angefangen, Klavier zu spielen. Präludium von Bach. Ich habe eine tolle Klavierlehrerin, die hat es nicht ganz einfach mit einem unruhigen Geist wie mir. Ich habe jetzt ein wenig ausgesetzt und muss wieder Noten lernen. Davor graut mir etwas. Aber irgendwie ist es toll, ein Stück Lebensqualität. Auch das ist ein Grund, dass es mit dem Schlafen wieder besser klappt.