Am Tag nach dem Spiel wird eingeordnet. Auch nach dem 3:2 über Bremen versuchte sich Jos Luhukay in der hohen Kunst der Deutung. Im Nebel des Trainingsplatzes erklärte der Hertha-Trainer in eine Kamera hinein, dass zwischen dem Ziel Klassenerhalt und der Situation Abstiegskampf ein Unterschied besteht. Von letzterem sei nie die Rede gewesen. Ebenso wenig wie vom Europapokal.
Stattdessen wollte Hertha lediglich gut und erfolgreich spielen. Dass das Team auch noch auf einem vor Saisonbeginn unerwartet guten Platz sechs steht, hat sie einem Mann zu verdanken, der hinter Luhukay um den Trainingsplatz joggte. Adrian Ramos, der nach 16 Spieltagen bereits zehn Treffer erzielte.
Im Gegensatz zu den meisten Stürmerkollegen in der Bundesliga ist der Kolumbianer neben dem Platz geradezu unauffällig. Ein Lächeln, ein kurzer Gruß. Mehr kommt aus dem schüchtern wirkenden Angreifer meist nicht heraus. Und obwohl er bereits seit über vier Jahren in Berlin ist, traut er sich Interviews auf Deutsch nicht zu. Anders ist das intern. Aber nach außen fehlt dem schmächtigen Angreifer die nötige Selbstsicherheit.
Gleichauf mit Bayerns Mandzukic
Kaum zu glauben, dass dieser Stürmer gerade die Hierarchie der Bundesliga durcheinanderwirbelt. Seine beiden Treffer am Freitagabend gegen Bremen katapultieren Adrian Ramos mitten in die Spitze der Top-Torjäger. Plötzlich steht er gleichauf mit Mario Mandzukic vor Stefan Kießling oder Vedad Ibisevic. Lediglich Dortmunds Robert Lewandowski hat an Nummer eins stehend mit elf Treffern ein Tor mehr erzielt als der Hertha- Angreifer.
Trainer Jos Luhukay gehört nicht zu denjenigen, die zu Überschwang neigen oder sich aus Versehen in Rage reden. Aber wenn der Niederländer von seinem kolumbianischen Angreifer spricht, scheint es als würde er jegliche Zurückhaltung ablegen: „Wir hoffen, dass er gesund bleibt. Dann kann er in der Rückrunde vielleicht noch zulegen.“
Dabei hat der 1,85 Meter große Stürmer bereits zugelegt. Mit seinen zehn Treffern hat er seine persönliche Bestleistung aus seiner Premierensaison in Berlin eingestellt. Vor vier Jahren benötigte er allerdings 29 Spiele für diese Marke. In dieser Spielzeit hat er nur etwas mehr als die Hälfte der Partien für die gleiche Leistung gebraucht. Eine Effektivität, die Hertha in der Bundesligatabelle den Fahrstuhl nach oben hat nehmen lassen.
Ramos erzielt die wichtigen Treffer
Es ist allerdings nicht die reine Anzahl der Treffer, die den Kolumbianer für Hertha so wertvoll macht. „Adrian ist kein Spieler, der das dritte oder vierte Tor schießt. Er macht fast immer das erste oder zweite, meist sogar das entscheidende“, bringt Luhukay die Stärke von Ramos auf den Punkt. Er ist der sogenannte Dosenöffner, der mit seinen Erfolgen Spiele in eine für Hertha positive Richtung lenkt. Sechs Mal hat er allein in dieser Saison den wichtigen ersten Treffer erzielt.
Für ihn hat der Niederländer Herthas andere Sturmhoffnung Pierre-Michel Lasogga an den Hamburger SV verliehen. Denn Ramos bringt noch Qualitäten mit, die ihn von anderen Angreifern unterscheiden. Er ist ein Teamspieler. Das ist das ungeschriebene oberste Gesetz, das bei Hertha unter Jos Luhukay gilt. Deshalb ordnet der Trainer nicht nur den aktuellen sehr guten sechsten Tabellenplatz nüchtern ein, sondern bei aller Begeisterung über seinen Torjäger auch dessen Leistung: „Einzelne Spieler können immer nur brillieren, wenn die Mannschaft intakt ist. Das ist bei uns der Fall. Dann ist Ramos ein Spieler, der den Unterschied machen kann.“
Individuelle Klasse im Dienst des Teams
Zwar hat Hertha für einen Aufsteiger einen mehr als gut besetzten Kader, doch ist er vor allem als Summe der einzelnen Teile stark. Individuelle Klasse, die allein vom Namen her auch höheren Ansprüchen genügt, ist rar gesät. Der 27-jährige Angreifer bildet da eine Ausnahme. Er verfügt nicht nur über eine hervorragende Ballannahme, die ihn als Zielspieler in der Offensive ideal erscheinen lassen, sondern auch über eine hohe Antrittschnelligkeit. Letzteres konnten im Spiel gegen Bremen die Werder-Verteidiger bewundern, die dem Kolumbianer nach einem Steilpass nicht folgen konnten und zusehen mussten, wie er zum zwischenzeitlichen 2:1 traf.
Darüber hinaus ist er kopfballstark. Vier Treffer erzielte er bereits auf diese Weise. Als Hertha in dieser Spielzeit einige Spieltage lang besonders viele Gegentore nach Standards kassierte, meinte Luhukay, dass es nur zwei starke Kopfballspieler in seinem Team gebe: Verteidiger Sebastian Langkamp und Adrian Ramos. Das war in der schwierigen Phase eine Art Understatement des Niederländers, aber auch Ausdruck der Wertschätzung für den Kolumbianer, der mit dieser Eigenschaft auch mal hinten in der Abwehr aushilft.
Empfehlung für den WM-Einsatz
Luhukay betont gerne eine Achse erfahrener Spieler, an denen sich die restlichen Profis orientieren können. Die fängt bei Torhüter Thomas Kraft an, geht über Kapitän Fabian Lustenberger in der Innenverteidigung, Hajime Hosogai im defensiven Mittelfeld bis hin zu Ramos im Sturm: „Adrian gehört ohne Zweifel zu den Spielern der Achse und löst dabei seine Aufgaben gut und stark.“
Für Ramos könnte sein aktuelles Hoch noch einen angenehmen Nebeneffekt haben. Denn mit seinen Erfolgen als Torjäger in einer der stärksten Ligen der Welt macht er auch in der Heimat auf sich aufmerksam. Dort hat sich die Nationalmannschaft unter dem argentinischen Trainer José Pékerman für die Weltmeisterschaft in Brasilien qualifiziert. Ramos selbst war Stammspieler, bis er vor jegliche Form verlor. Mit dem Zerfall des Hertha-Teams vor zwei Jahren ging auch seine Nationalmannschaftskarriere in die Brüche.
Mit einem Treffer in Dortmund am letzten Hinrundenspieltag kann Ramos noch mehr Werbung in eigener Sache machen. Mit einem Unentschieden oder unerwarteten Sieg beim Champions-League-Finalisten steigt nicht nur Herthas Polster auf die Abstiegsränge, sondern auch die Chance, dass Ramos im Jahr 2014 die Rückkehr in die Nationalmannschaft feiern kann.


