Zurzeit macht Jürgen Röber Angel-Urlaub in Norwegen. Als die Berliner Morgenpost ihn am Telefon erreicht, sitzt er in der Sonne und schaut auf einen Fjord. „Da kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. So schön ist das hier“, sagt der heute 59-Jährige.
Röber hat sich nach 40 Jahren aus dem Fußballgeschäft zurückgezogen. Als Profi spielte er unter anderem für Bremen, München und Leverkusen. Mit Hertha BSC feierte er als Trainer zwischen 1996 und 2002 seine größten Erfolge.
Sportlich lief es in Berlin meist gut, Krisen gab es trotzdem viele – so wie aktuell nach der vermeintlichen Lolita-Affäre wieder bei Hertha. Wie er damals damit umging, und warum er heute froh ist, nicht mehr Trainer zu sein, erzählt Röber im Gespräch.
Berliner Morgenpost: Herr Röber, haben Sie Herthas Sieg gegen den HSV gesehen?
Jürgen Röber: Ja. Am Fernseher. Herthas Spiele sind für mich ein Muss. Ich war in den vergangenen drei Monaten viel unterwegs. Am Fernseher habe ich aber alle Spiele gesehen. Das fantastische 6:1 gegen Frankfurt, das 2:2 in Nürnberg und jetzt auch den Sieg gegen den HSV.
Welchen Eindruck hatten Sie von Hertha?
Ich bin sehr beeindruckt, wie diese Mannschaft auftritt. Sie wirkt auf mich wesentlich stabiler, hat sich gut verstärkt und mit Jos Luhukay einen tollen Trainer, der es irgendwie geschafft hat, eine Siegermentalität ins Team zu bringen. Auf einen solchen Start, den besten jemals in der Bundesliga für Hertha, kann man wirklich stolz sein, ohne dass man ihn gleich überbewerten muss. Dazu ist man bei Hertha offenbar gerade schlau genug, die Erwartungen zu drosseln. Und das ist in einer Medienstadt wie Berlin unglaublich wichtig. Als wir damals mit Hertha Champions League spielten, tönte unser damaliger Präsident: Im nächsten Jahr fahren wir mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor. Das erzeugt unnötig hohen Druck.
Als Sie mit Hertha 1998/99 Dritter wurden und in die Champions League einzogen, starteten Sie mit sechs Punkten aus den ersten drei Spielen. Luhukay ist nun als Aufsteiger mit sieben Punkten gestartet, und dennoch spricht gerade niemand über diesen Erfolg, sondern nur über die sogenannte Lolita-Affäre.
Tja, wir kennen das doch in Berlin. Solche Geschichten braucht kein Mensch. Und dennoch kommen Sie vor. Trainer in Berlin zu sein, ist ein wunderschöner Job, aber er ist eben auch knallhart. Als Trainer muss man sich auch mit solchen Geschichten rumärgern.
Sind Sie froh, dass Sie sich jetzt nicht mehr damit rumärgern müssen?
Ich bin prinzipiell froh, dass ich jetzt nicht mehr als Trainer arbeite. Sonst hätte ich mich nicht vor drei Jahren dafür entschieden, aufzuhören. Ich habe gemerkt, dass ich an meine Grenzen gegangen bin. Ich war als Spieler und später als Trainer total verrückt. Ich bin mit dem Fußball ins Bett gegangen und wieder aufgestanden. Das war extrem am Limit. Erst jetzt, seit einem halben Jahr, kann ich wieder normal schlafen. Früher bin ich fünf, sechs Mal in der Nacht aufgestanden. Das war schon dramatisch.
Sie haben damals einige Krisensituationen erlebt. 1997 wurde Ihnen ein Ultimatum gesetzt. Später erklärte der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Robert Schwan Sie als entlassen, wozu er laut Satzung gar nicht befugt war. Sie machten weiter und hielten die Klasse. Wie sind Sie in Ihrer Trainerkarriere mit Krisen umgegangen?
Ich habe in solchen Situationen vermieden, Zeitung zu lesen. Aber es wird natürlich trotzdem an dich herangetragen. Ich habe mal gesagt, dass ich in meinen sechs Jahren bei Hertha eigentlich jedes Jahr zweimal schon fast entlassen wurde. Und Sie können sich vorstellen, welche Schlagzeilen man da zu lesen bekommt. Das geht an die Substanz, vor allem, wenn man Tag und Nacht nur an Fußball denkt und seine ganze Kraft dem Erfolg widmet.
Luhukay hat gerade in einem Interview mit dem Magazin „11Freunde“ gesagt, dass seine ganze Energie für Fußball draufgeht.
Ich habe mir oft gewünscht, dass ich mir so eine, auf Deutsch gesagt, Leck-mich-am-Arsch-Haltung angeeignet hätte. Nach dem Motto: Ist mir doch alles egal. Hauptsache, ich habe Erfolg und ein dickes Konto. Aber das habe ich nie geschafft. Als Spieler nicht und als Trainer schon gar nicht. Ich habe immer alles mit nach Hause genommen. Und deshalb sage ich: Der Trainer-Beruf kann dich auffressen. Egal wie schön er auch ist. Ich habe schon oft zu meiner Frau gesagt, dass Jos Luhukay mich manchmal an mich selbst erinnert. Auch er steckt alles, was er hat, in den Fußball. Wenn ich zum Beispiel lese, dass er noch kaum etwas von Berlin gesehen hat, weil er alle Zeit in die Spielvorbereitungen steckt, dann sagt das doch alles. Ich kann Luhukay gut verstehen. So war ich auch.
Kann eine solche Einstellung nicht auch gefährlich sein?
Ja, natürlich. Es gibt Kollegen, die kommen mit dem ganzen Druck und der intensiven Arbeitsweise sehr gut klar. Deshalb machen sie das auch so lange und sind erfolgreich. Aber für mich war das am Ende nicht mehr das Richtige. Als Spieler war ich so verrückt, dass ich in meinem Zimmer Sprints gemacht habe. Rudi Assauer hat mich immer 4711 genannt. Nach dem Werbeslogan: Überall dabei. Und so habe ich auch später als Trainer gearbeitet. Aber irgendwann hat es gereicht. Man muss in diesem Beruf auch auf sich achtgeben. Vor allem in Krisenzeiten.
In Berlin gibt es ja nicht wenige, die sich erhoffen, dass Luhukay mit Hertha eine ähnliche Ära prägen kann wie Sie damals. Sie sind nach dem Aufstieg 1996/97 Elfter geworden, danach als Dritter in die Champions League eingezogen und bis zu Ihrer Entlassung 2002 nie schlechter als auf Platz sechs gelandet. Trauen Sie Luhukay eine ähnliche Erfolgsgeschichte mit Hertha zu?
Ich hoffe es sehr, denn ich liebe diesen Verein und diese Stadt. Ich hoffe es vor allem auch für Michael Preetz, der eine schwere Zeit nach den beiden Abstiegen hatte und jetzt mit Luhukay den richtigen Trainer gefunden hat. Die letzten drei Jahre haben vielen sehr wehgetan in Berlin. Und ich glaube, dass auch Michael Preetz ein paar schlaflose Nächte gehabt hat. Es wäre schön, wenn bei Hertha weiter in Ruhe etwas aufgebaut werden könnte. Aber die Ruhe, das ist ja, wie Sie wissen, in Berlin nicht so einfach.
Sie waren in den vergangenen Monaten viel unterwegs. Wie wurden Sie da eigentlich auf Hertha angesprochen?
Ziemlich positiv. Das Image des Klubs hat natürlich unter den beiden Abstiegen sehr gelitten. Jetzt aber kommen die Leute wieder mit anerkennenden Worten über Hertha auf mich zu. Da hat sich etwas getan. Und in Berlin ist es meistens doch so: Wenn der Erfolg wieder da ist, liegen sich alle in den Armen. Dann wird im Stadion inbrünstig „Nur nach Hause gehen wir nicht“, gesungen. Und was gibt es Tolleres, als wenn sich wildfremde Menschen, die im Alltag alle ihre eigenen Probleme haben, in den Armen liegen und „Nur nach Hause gehen wir nicht“ singen? Ich glaube, für solche Momente macht man diesen Beruf doch. Und deshalb sollten Hertha und Jos Luhukay den aktuellen Erfolg auch richtig genießen.





