Neues Bezahlsystem

Hertha BSC schafft im Olympiastadion das Bargeld ab

Statt mit Scheinen und Münzen müssen Hertha-Fans künftig Bier und Bratwurst bei Heimspielen mit einer Guthabenkarte bezahlen. Was das Anstehen in der Schlange verkürzen soll, sehen viele als Abzocke.

Foto: Emily Wabitsch / dpa

Wenn Hertha BSC am Sonnabend gegen Eintracht Frankfurt in die Bundesligasaison startet (15.30 Uhr), werden 100 grüne Frösche im und um das Olympiastadion herum unterwegs sein. Die „green frogs“, wie die Verkäufer wegen ihrer limonengrünen Uniform auch heißen, haben eine Mission. Sie nehmen Geld – und geben Plastik.

Ab dieser Saison gilt in Berlin das, was bei der Mehrheit der Bundesligisten bereits gang und gäbe ist: bargeldloses Bezahlen. Zusammen mit Vertretern des neuen Partners, ein Unternehmen für elektronische Bezahlungssysteme, stellte Ingo Schiller das Konzept „BERLIN|cash“ am Dienstag vor. „Wir wollen unseren Kunden einen möglichst schnellen Zugang zu Speisen und Getränken gewähren“, sagte Herthas Geschäftsführer.

Für die Besucher bedeutet das folgendes: Wer Bier oder Bratwurst im Olympiastadions kaufen will, muss in Zukunft bei einem der grünen Frösche für zehn Euro eine Guthabenkarte erwerben. Zwei Euro sind Pfand, acht Euro können zum Verzehr genutzt werden. Weiteres Guthaben lässt sich bei den Fröschen selbst oder im Internet hinzufügen. Die ersten vier Heimspiele erlaubt Hertha noch Bargeld, danach geht nichts mehr ohne Plastikkarte.

Ab Herbst können die Fans auch die so genannte girogo-Funktion nutzen, bei der Guthaben am Geldautomaten auf die EC-Karte geladen wird. Auch das Bezahlen per Smartphone soll dann möglich sein. Offen ist dagegen noch, ob das System auch bei anderen Veranstaltungen im Olympiastadion zum Einsatz kommt.

Die Idee klingt zunächst schlüssig. „Der Kauf von zwei Getränken kann in einer Zeit von neun Sekunden abgewickelt werden“, sagte Sascha Busse, Geschäftsführer der Payment Solution Services GmbH. Lange Schlangen gehörten der Vergangenheit an und der Zuschauer sei wieder schneller auf seinem Platz. Das Unternehmen arbeitet bereits mit den Klubs in Dortmund, Frankfurt, und Hoffenheim zusammen.

63 Prozent finden Stadionkarten praktischer

Die Chipkarten aus Berlin sind auch in den Stadien dort gültig, ebenso wie bei den Zweitligisten in Köln und Kaiserslautern, „aber da wollen wir ja eh nicht mehr hin“, sagte Schiller, der den Vorteil erkannt hat: „Wenn die Verkäufe schneller abgewickelt werden, wird auch mehr konsumiert.“ Die Payment Solution auf der anderen Seite generiert ihre Einnahmen durch eine Umsatzbeteiligung.

Bundesweit setzen in Liga eins nur noch die Vereine in Hamburg, Gladbach, Nürnberg, Freiburg und Braunschweig ausschließlich auf Geld zum Anfassen. Laut einer Umfrage der Frankfurter EURO Kartensysteme GmbH finden 63 Prozent der deutschen Fußballfans das Bezahlen mit Stadionkarte praktischer, 66 Prozent bequemer, 68 Prozent halten es für schneller.

Die Repräsentativität dieser Zahlen darf zumindest angezweifelt werden. Denn einige Fans verbinden bargeldlose Zahlsysteme mit Abzocke. Viele Karten sind nur in einem Stadion gültig, laut Umfrage haben 88 Prozent der Besucher nach Spielende noch Guthaben auf ihrer Karte. Gelegenheitsbesucher oder Gästefans, die sich nach einem Spiel nicht in die Schlange stellen wollen, um Restguthaben oder Kartenpfand einzulösen, schenken dem Verein quasi Geld.

Laut einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ kamen beim FC Bayern München in der Saison 2009/2010 so 2,4 Millionen Euro an nicht abgeholten Schlummergroschen zusammen. Insgesamt, so schätzte das Blatt, belief sich die Summe bei allen Bundesligisten auf etwa zehn Millionen Euro. Bei den Bayern kommt dem Vernehmen nach noch ein Schmankerl hinzu: Auch das Zahlen der Parkplatzes erfolgt bargeldlos. Zum Verlassen des Parkhauses braucht man die Stadionkarte – anschließend kommt wohl kaum noch einer zurück, um sein Restgeld einzulösen.

Rücksicht auf die Gästefans

Elektronisches Bezahlen setzt sich im Alltag mehr und mehr durch. Aber der Fußballfan ist ein Gewohnheitstier mit Traditionsbewusstsein. „Alle waren am Anfang skeptisch“, sagt Steffen Toll, Vorsitzender des Vereins Förderkreis Ostkurve. Die größte Sorge galt den Gästefans.

Doch hier beweist Hertha Fingerspitzengefühl: Im Gästebereich ist Bargeld weiter uneingeschränkt zugelassen. Insgesamt seien alle Einwände der Fans „vernünftig begründet“ worden, sagt Toll. „Jetzt muss man gucken, wie das System in der Praxis funktioniert.“

Im Morgenpost-Blog immerhertha.de sind die Stimmen überwiegend kritisch. „Die Zeitersparnis ist doch nur marginal. Aber wenn schon so ein System, dann eines, das die meisten nutzen können und nicht eine weitere neue Karte bedeutet. Ich mag nicht gezwungen zu werden, ein bestimmtes System anzunehmen“, schreibt User Sunny1703.

Ein Fragezeichen bleibt bei der Gültigkeit des Guthabens. Laut Herthas Partner gibt es kein Verfallsdatum. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen steht hingegen, dass die Karten nur ein Jahr gültig sind. Anschließend haben die Fans noch einmal zwei Jahre Zeit, um an Pfand und Restguthaben heranzukommen. Das Unternehmen nennt „juristische Gründe“, man könne nicht so viele Verbindlichkeiten gegenüber den Fans aufbauen.

Aber: „Sie werden keinen Fußballfan finden, dem wir sein Guthaben oder Pfand nicht ausgezahlt hätten“, sagte Busse.