EM 2012

Portugal setzt auf Fahnenträger Cristiano Ronaldo

Einer gegen Spanien: Im Halbfinale werden vom dem 27-Jährigen Wunderdinge erwartet. Legenden wie Eusebio und Figo sehen ihn als Erlöser.

Ein Autogramm für den Balljungen, ein blitzendes Lächeln für die Fotografen, dann war Cristiano Ronaldo am Montagmorgen auch schon wieder verschwunden. Portugals Superstar ist schweigsam geworden vor dem großen Halbfinale gegen seine Wahlheimat Spanien, vielleicht auch ein wenig nachdenklich.

Denn auf dem Mann, der eine ganze Fußball-Nation von einem acht Jahre alten Trauma befreien soll, ruhen am Mittwochabend (20.45 Uhr/ZDF) alle Hoffnungen. Die Fans, der große Portugiese Eusebio, ein ehemaliger Star wie Luis Figo und sämtliche Teamkollegen sehen ihn als alleinigen Erlöser.

„Ronaldo ist unser Fahnenträger, der beste Spieler der Welt. Er ist auf dem Zenit seiner Karriere“, sagt etwa Mittelfeldspieler Ricardo Costa wenig zurückhaltend und schlägt eine einfache Taktik gegen das berühmte Tiki-Taka des Titelverteidigers Spanien vor: „Wenn es eng wird im Spiel, wenn wir als Kollektiv ein Tief haben, wenn dann der Ball zu Cristiano kommt, kann er den Unterschied ausmachen und einen Spielzug aus dem Hut zaubern, wie es nur wenige können. Er hilft uns immens.“

Bernd Schuster: "Alle müssen Arbeit für ihn machen"

Alles auf Ronaldo – dieses Mittel scheint endlich Wirkung zu zeigen. „Die Portugiesen haben begriffen, dass sie für Ronaldo spielen müssen. Sie alle, auch Nani, müssen die Arbeit für ihn machen. Den Rest erledigt er“, sagt auch Bernd Schuster. Der deutsche Ex-Nationalspieler sieht den 27-Jährigen in der Form seines Lebens: „Er macht die Tore, ob um Mitternacht oder morgens früh nach dem Wecken“, sagte Schuster im kicker. Fast 70 Tore in einer Saison, das habe selbst Gerd Müller kaum geschafft.

Der Europameisterschaft hat Ronaldo ohnehin schon jetzt seinen Stempel aufgedrückt. Gegen Tschechien und die Niederlande erzielte er insgesamt drei Tore, viermal traf er den Pfosten. „Der Beste der Welt“, titelten die Sportzeitungen A Bola und Record in seltener Einmütigkeit, die Tageszeitung Publico pries die „unbegrenzten Möglichkeiten“ des 94-Millionen-Euro-Mannes. Der EM-Titel, der größte Erfolg der portugiesischen Fußball-Geschichte, er ist zum Greifen nahe.

Vor acht Jahren war Ronaldo schon einmal nah dran. Doch das Finale der Heim-EM gegen Außenseiter Griechenland wurde zum Trauma, die Tränen des damals 19-Jährigen nach dem 0:1 spiegelten die Fassungslosigkeit eines ganzen Landes. Seither hat Ronaldo im Trikot der Seleccao nur selten geglänzt. Bei der Weltmeisterschaft 2010 etwa gelang ihm ein einziges Tor – beim 7:0 gegen das überforderte Nordkorea.

CR 7 ist die unumstrittene Führungsfigur

Zwei Jahre später ist CR7 die unumstrittene Führungsfigur, der Antreiber, der Goalgetter. „Er hat einen Sonderstatus wie früher Maradona bei Argentinien, Zidane bei Frankreich oder nun Messi“, sagt Bernd Schuster. Auch Spaniens Trainer Vicente del Bosque kennt die größte Gefahr im Halbfinale: „Cristiano ist einzigartig. Wir werden ihm besondere Aufmerksamkeit widmen“, sagte der Coach dem spanischen Radiosender Cope. Eine Manndeckung bedeute das aber nicht.

Sorgen bereitet einzig die Statistik. In 94 Länderspielen hat Ronaldo noch nie dreimal in Folge getroffen. Auch in den drei Duellen mit Spanien ging er leer aus, so auch beim starken 4:0 im November 2010. Ein Ergebnis, das Verteidiger Joao Pereira nicht zu hoch bewerten will: „Das war damals ein Freundschaftsspiel, es ging um nichts. Jetzt wird es viel schwerer werden.“

Auf die Unterstützung seines größten Fans muss Ronaldo am Mittwoch allerdings verzichten. Eusebio, der Ronaldo nach dem Viertelfinale als „unsere große Hoffnung“ gepriesen hatte, liegt weiter im polnischen Posen im Krankenhaus und erhielt von seinem Arzt „Stadionverbot“. Immerhin: Der 70-Jährige soll am Donnerstag entlassen werden und zurück nach Portugal fliegen. „Eusebio geht es viel besser. Er hat noch Herzprobleme, aber nach derzeitigem Stand kann er die Heimreise antreten“, sagte Mannschaftsarzt Henrique Jones.