Euro 2012

Die Azzurri spielen erstmals auch schönen Fußball

Offensive, Mut, Kreativität - die Italiener werden für ihr Spiel gegen England gelobt. Sie selbst sind unzufrieden mit der Erholungsphase.

Cesare Prandelli kam am Montagmittag in die Krakauer Casa Azzurri. Erschöpft von einer aufreibenden Nacht betrat er das Auditorium im ersten Stock, wo normalerweise Kulturvorträge gehalten werden. Doch mit Applaus verhalf ihm die anwesende Presse schnell wieder zu neuen Lebensgeistern. Für ihre Fragen beriefen sich die Journalisten dann bevorzugt auf externe Hilfsmittel. Die Statistik vom Spiel gegen England zum Beispiel, die 35 offensive Abschlüsse für Italien verzeichnete, davon 20 aufs Tor. Oder Auszüge aus der internationalen Presse: Sie habe Prandellis Team unisono gefeiert und zum hochverdienten Sieger des Elfmeterdramas erklärt.

Ganz neues Gefühl für die Italiener

Gemocht zu werden ist ein ganz neues Gefühl für die Italiener – wenn es um Fußball geht. Zum ersten erdenklichen Mal in der modernen Geschichte dieses Sports hatten sie in einem wichtigen Spiel das Gute dargestellt, die Offensive, den Mut, die Kreativität, während der Gegner aus England einen Catenaccio anbot, wie ihn sich selbst in dessen Heimat keiner mehr zu spielen traut. „Bella Italia“ stand am Montag rund um die Welt zu lesen. Unter den Gästen der Casa Azzurri – Sponsoren, Prominente – wurde sich das so oft erzählt, als könnten sie es selbst noch nicht so recht glauben.

Wo schon das Ausland lobt, war der Jubel in Italien natürlich umso größer. Wie bei dem kleinen Häufchen Tifosi in Kiew, wie in der Casa Azzurri, so jubelten sie auch in Rom und anderen Städten bis tief in die Nacht. Die Italiener liebten ihre Nazionale schon, als sie nur gewann. „Nach einem dieser Abende, die man sein Leben lang nicht vergisst“, wie Mittelfeldmann Daniele de Rossi sagte, gibt sie natürlich erst recht Anlass zu Euphorie. „Im ganzen Land explodiert die Begeisterung“, vermeldete der „Corriere dello Sport“, aber Italien habe ja auch „wie von einem anderen Planeten“ gespielt. Der sonst eher seriöse „Corriere della Sera“ verstieg sich zur platten Kampfansage: „Jetzt ist Merkel an der Reihe. Italien ist in der Schlacht um Europa bestens aufgestellt.“

Prandelli indes vermochte diesem Optimismus nur bis zu einem gewissen Punkt zu folgen. Deutschland sei Favorit („Deutschland ist sehr gut organisiert, das ist eine moderne Mannschaft durch und durch“), wiederholte er mehrmals, allein schon, weil es im vergleichbaren Erneuerungsprozess der Fußballkulturen einige Jahre im Vorteil sei. Was Jürgen Klinsmann 2004 begann und Joachim Löw später fortführte, passiert in Italien erst seit der Amtsübernahme Prandellis 2010 – auf eine offensive Spielidee zu setzen, auf modernes Training, auf ein größeres Bewusstsein der Spieler für ihre Profession. „Wir sind erst am Anfang einer langen Entwicklung“, sagte Cesare Prandelli, der mit seinem größten Sieg im Rücken seine Landsleute noch einmal an die Notwendigkeit der Erneuerung erinnerte. „Als ich übernahm, waren wir 17. der Weltrangliste. So etwas will schon heißen, dass es da ein Problem gab. Da konnte man nicht einfach so weitermachen.“

In Italien wird auf die körperliche Ausgangssituation verwiesen

Bis auf Torwart Gianluigi Buffon, De Rossi, dem überragenden Regisseur Andrea Pirlo und dem früheren Wolfsburger Verteidiger Andrea Barzagli steht keiner der Weltmeister von 2006 mehr im Team. Und wenn es am Montag im italienischen Haus um Dortmund ging, dann auch weniger um 2006 – das gewonnene WM-Halbfinale, jüngstes Kapitel in der unbefleckten italienischen Turnierbilanz gegen Deutschland – denn um 2011. Da trafen sich beide Nationen zu einem Freundschaftsspiel. Die couragierte italienische Vorstellung und das 1:1-Endergebnis überraschten ein Land, das noch an der desaströsen Weltmeisterschaft 2010 litt und von den Deutschen eine handfeste Abreibung befürchtet hatte. „In diesem Spiel haben wir unsere Blockade gelöst“, sagte Prandelli am Montag. Es gilt als Geburtsstunde seines neuen Italien.

Es passt natürlich, dass es sich in Deutschland ereignete. Die Fußball-Geschichte beider Länder kennt ein Jahrhundertspiel wie das WM-Halbfinale 1970 (4:3 für Italien), dessen Erleben der Trainer als „eine der stärksten Emotionen“ beschrieb, „die ich je kennen gelernt habe“. Sie kennt das WM-Finale 1982 (3:1) und sie kennt Dortmund. Aber für gewöhnlich geht die Geschichte – englische Elfmeter vielleicht einmal ausgenommen – nicht auf ewig denselben Gang. Die Spanier haben bei dieser Europameisterschaft ihren Dämon, das zuvor nie besiegte Frankreich, vertrieben. Bei allen Komplimenten für Italien: Insgesamt wird eher davon ausgegangen, dass die Deutschen das jetzt auch schaffen könnten.

In Italien wird dabei vor allem auf die körperliche Ausgangssituation verwiesen. Prandelli brachte zu seinem Termin am Montag eigens den Fitnesstrainer mit, damit dieser zum Thema Regeneration referieren konnte. 120 Minuten bei knapp 30 Grad in Kiew, und das zwei Tage später, als die Deutschen ihre 90 Minuten bei kühleren Temperaturen in Danzig absolvierten – die Italiener sind einigermaßen indigniert. Die Uefa sollte sich da für die Zukunft etwas überlegen, sagte Prandelli: „Ein Halbfinale unter so unterschiedlichen Voraussetzungen spielen zu lassen, steht nicht gerade für die Idee des Spektakels“, sagte er. Er werde wohl mehr nach physischen als nach taktischen Erwägungen aufstellen müssen. Fraglich ist zum Beispiel der angeschlagene Daniele De Rossi. Aber der Trainer sagte auch: „Es gibt keine unbesiegbaren Mannschaften, nur starke Mannschaften wie Deutschland und Spanien. Wir müssen den Mut haben, unser Spiel zu spielen. Wir dürfen nicht auf Deutschland warten. Es hängt immer auch davon ab, wie man sich vorbereitet.“

Das Handicap klingt beträchtlich, andererseits sollten die Deutschen an dieser Stelle gewarnt sein – mit einem Opfermythos im Rücken ist Italien immer besonders gefährlich. 2006 vor dem Halbfinale motivierten sich die Azzurri nicht zuletzt über einen beleidigend empfundenen Artikel in der deutschen Presse, der ihre Landsleute nach einem glücklichen Elfmeter im Achtelfinale als „Parasiten“ bezeichnete. Hinlänglich bekannt sind außerdem die Parallelen in punkto Manipulationsskandal zwischen 2006 und heute. Beide Male stand der Fußball bei Turnierbeginn zu Hause in großem Verruf. Beide Male spornte das die Mannschaft an, es allen zu zeigen.

Lippi sieht den Geist von 2006

Weltmeistertrainer Marcello Lippi sagte dieser Tage, Italien habe den Geist von damals wiederentdeckt. „Ich sehe ihn in den Augen und dem Biss von Buffon“. Der Kapitän selbst gab sich nach dem Triumph über England betont uneuphorisch. „Ich bin keiner, der Luftsprünge vollführt, weil er im Halbfinale steht“, sagte er. „Ich fahre nicht zu einem Turnier, um Dritter oder Vierter zu werden. Und Zweiter auch nicht.“

Deutschland sei Favorit, sagt auch der Torwart, es stehe eine Stufe über allen anderen (Spanien gar zwei). Aber das hieße noch lange nicht, dass nicht alles möglich sei. „Wir haben den richtigen Charakter, um es ihnen ganz schwer zu machen“. Manche Dinge sollen sich auch im neuen Italien nicht ändern.