Euro 2012

Fußball-Klassiker Deutschland gegen Italien ist perfekt

Das Schreckgespenst Italien kann sechs Jahre nach dem schmerzhaften Ende des WM-Sommermärchens erneut zum Albtraum für Deutschland werden.

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Der viermalige Weltmeister Italien gewann sein EM-Viertelfinale gegen England nach dem ersten Elfmeterschießen des Turniers vollkommen verdient mit 4:2 und ist damit am kommenden Donnerstag die letzte, aber sehr unangenehme Hürde der Mannschaft von Joachim Löw auf dem Weg ins ersehnte Finale. Vor 64.340 Zuschauern gestern Abend im Olympiastadion in Kiew verwandelte Alessandro Diamanti den entscheidenden Strafstoß. Nach 120 Minuten hatte es erstmals in diesem Turnier 0:0 gestanden. Die Bilanz zur erhofften Revanche für das verlorene WM-Halbfinale 2006 besagt jedoch nichts Gutes. Noch nie hat eine DFB-Truppe bei einer EM oder WM gegen die Südeuropäer gewonnen. Insgesamt besagt die Statistik: nur sieben Siege – aber 14 Niederlagen.

Mit Spannung verfolgten Bundestrainer Joachim Löw & Co. den am Ende einseitigen Showdown um den Gegner am Donnerstag in Warschau. Vor dem „Duell der Diven“ mit Mario Balotelli hatte Wayne Rooney getönt: „Wir sind hier, um die Euro zu gewinnen.“ Jetzt sind die Engländer draußen. Italiens Trainer Cesare Prandelli sagte: „Wir hatten Charakter und Teamgeist und haben verdient gewonnen.“ Jetzt werde man sich freuen – „und dann denken wir an Deutschland.“

England ging personell unverändert in das Duell, das Italien spielerisch klar bestimmte. Ein „Fluch“ hätte unbedingt sein Ende finden sollen: Die „Three Lions“ hatten seit 1977 kein Pflichtspiel mehr gegen die Südeuropäer gewonnen. Der letzte Erfolg (2:0) überhaupt gegen die „Squadra Azzurra“ datierte vom 4. Juni 1997.

Prandelli stellte auf drei Positionen um. Balotelli kam wieder für Antonio Di Natale ins Team, Leonardo Bonucci ersetzte Giorgio Chiellini und Riccardo Montolivo begann für Thiago Motta.

Der viermalige Weltmeister Italien setzte gleich das erste Ausrufezeichen: Daniele De Rossi (3.) knallte einen Volleyschuss an den Pfosten von Keeper Joe Hart. Angetrieben von mehreren Tausend „Three Lions“-Anhängern – bei höchstens 500 „echten“ Italien-Unterstützern – stocherte Glen Johnson (5.) aus wenigen Metern in die Arme des glänzenden Gianluigi Buffon.

Es entwickelte sich ein klasse Spiel – die erste „La Ola“ wogte in der 20. Minute durchs Stadion. Die Teams marschierten munter und wuchtig auf die Deckung des Gegners zu, obwohl zahlreiche Akteure mit Gelb vorbelastet waren. Nach einer starken Phase der Engländer kam Italien wieder besser ins Spiel.

Andrea Pirlo, Montolivo, de Rossi: Dem Übergewicht an ballsicheren Strategen im Mittelfeld konnten die taktisch unterlegenen Engländer wenig entgegensetzen. Danny Welbecks (32.) Schuss war zu wenig. Auf der Gegenseite versuchte es wieder mal Balotelli (43.) aus rund 25 Metern – sein Hammer strich nur knapp übers Gehäuse.

Und wieder De Rossi! Kurz nach dem Seitenwechsel traf der Römer (48.) aus kurzer Distanz den Ball nicht richtig. Vier Minuten darauf konnten die furios gestarteten und nun klar überlegenen Italiener in Person von Balotelli und Montolivo Schlussmann Hart nicht bezwingen.

Roy Hodgson reagierte auf die uninspirierte Darbietung seines Teams: Andy Carroll (60.) und Theo Walcott (61.) kamen in die Partie. Vor allem Carroll sorgte in der Offensive für frischen Wind – im Gegensatz zu Rooney, der abbaute.

Bei den Italienern wurde vor allem in der knisternden Nachspielzeit die Müdigkeit spürbar. Die Engländer stellten sich hinten rein. Eine Flanke von Alessandro Diamanti (101.) touchierte den Pfosten. Antonio Nocerino (114.) traf aus Abseitsposition – ehe das Elfmeterschießen die Entscheidung zu später Stunde brachte.

Dieser Showdown, bei dem schon so oft ein Torwart zum Helden wurde – und ein Schütze zur tragischen Figur. Noch in Erinnerung war das Elfmeterschießen, das vor einigen Wochen das Finale der Champions League zugunsten von Chelsea entschied. Als die Bayern zwar haushoch überlegen waren, aber vom Elfmeterpunkt versagten.

Gianluigi Buffon hatte ein kleines Psychospielchen abgezogen. Kurz vor Beginn des Elfmeterdramas war Italiens Torhüter kurz in Richtung Katakomben verschwunden, tauchte aber schnell wieder auf. Es begann gleich mit einem Duell zweier Spieler von Manchester City: Englands Keeper Hart gegen Balotelli. Der Italiener verwandelte nach kurzem Anlauf flach zum 1:0. Dann Gerrard, ebenfalls unten rechts vom Torwart ausgesehen zum 1:1. Und danach Montolivo, der Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters, der am Pfosten vorbeischoss. Rooney machte es besser: 2:1 für England. Pirlo war der Nächste: Ganz frech schnippte er den Ball über den sich werfenden Hart in Netz – 2:2. Young nahm einen langen Anlauf und drosch den Ball an die Latte. Alles wieder offen.

Nocerino verwandelte cool zum 3:2 für Italien. Dann lief Cole an, schon bei seinen Schritten war die Verunsicherung zu spüren, sein Schuss wurde von Buffon relativ locker gehalten. Entsetzen bei den Engländern, denn nun hatte Diamanti die Chance, sein Team ins Halbfinale zu schießen. Ein Schuss, ein Treffer – und dann brachen alle Dämme bei Italien. BM